Zeitung Heute : Die fetten Jahre sind vorbei

Zahntechniker müssen sich auf sinkende Umsätze und weniger Kunden einstellen. Seit der Gesetzgeber die Patienten an den Kosten für Zahnersatz beteiligt, können sich viele Menschen moderne Präparate schlichtweg nicht mehr leisten.

Fred Winter

Den Zahnärzten bleiben die Patienten weg, also leiden auch die Labore und Werkstätten, die Zahnersatz, Brücken und Implantate herstellen. Im Jahr 2003 hatten die Berliner Zahnärzte noch mehr als vier Millionen Zahnbehandlungen gemeldet. 2004 waren es schon eine halbe Million weniger.

In diesem Jahr könnte sich der Abwärtstrend abschwächen: Im ersten Quartal wurden 796 443 Behandlungen durchgeführt, gegenüber 800 632 im ersten Quartal des Vorjahres. Der Grund dafür liegt im wesentlichen in der Praxisgebühr von zehn Euro, die Anfang 2004 eingeführt wurde. Zugleich bauen die zahntechnischen Betriebe immer mehr Personal ab: In Berlin waren im Juni diese Jahres 437 Zahntechniker als arbeitslos gemeldet, fast ein Viertel mehr als im Vormonat. In Brandenburg waren es 254, fast zwanzig Prozent mehr als im Mai. Bundesweit meldete der Verband Deutscher Zahntechniker-Innungen (VDZI) mehr als 8000 arbeitslose Zahntechniker. Noch härter trifft es die Zahnarzthelferinnen, das schwächste Glied in der Kette: 18 000 waren im August ohne Job.

Der Umsatzrückgang der Branche im ersten Halbjahr war bundesweit dramatisch: Im Vergleich zur ersten Hälfte des Vorjahres kamen fast 40 Prozent weniger in die Kassen. Außerdem gelten neue Regeln zur Versicherung und Kostenerstattung durch die Kassen, auch sie haben viele Menschen verunsichert. Innerhalb von 15 Jahren musste die Branche elf Gesetze zur Kostensenkung über sich ergehen lassen. Noch übernehmen die Kassen zwar einen Teil der Aufwändungen für Behandlung beim Zahnarzt, Material und Fertigung des Zahnersatzes, allerdings müssen die Patienten zuvor eine schriftliche Zusage einholen. Zwar hatten die Kassen angekündigt, die Erstattungsbescheide zur Übernahme eines Teils der Kosten schneller als bisher auszureichen, doch der bürokratische Weg bleibt nach wie vor eine Hemmschwelle.

Seit der Gesetzgeber die Patienten an den Kosten finanziell beteiligt, können sich viele Menschen moderne Präparate aus den zahntechnischen Labors schlichtweg nicht mehr leisten. Die Kassen wiederum zahlen den Betrieben seit Anfang 2005 festgelegte Zuschüsse, mit denen sich die tatsächlichen Kosten in der Zahntechnik kaum decken lassen. Einige Kassen werben sogar mit billigem Zahnersatz aus dem Ausland.

Lutz Wolf, ehemaliger Präsident des VDZI forderte deshalb schon im März vor dem Gesundheitsausschuss im Bundestag, die Festzuschüsse bei den Krankenkassen schneller und flexibler anzupassen. Mittlerweile ist die Führung des Dachverbandes neu gewählt worden. Auch der neue Präsident, Jürgen Schwichtenberg, nimmt die Politik und die Kassen in die Pflicht: „Die Anfangsphase des Festzuschusssystems war durch erhebliche Umsetzungsdefizite gekennzeichnet“, kommentiert er den Umsatzeinbruch. „Insbesondere die bewährte Kombinationsversorgung mit Teleskopkronen wurde faktisch aus den Leistungen ausgegrenzt. Dazu kommen schleppende Zahlungseingänge. Viele Betriebe sehen sich mit existenzbedrohenden Liquiditätsengpässen konfrontiert.“

Derzeit halten sich viele Zahntechniklabore mit einfachen Reparaturen und kleineren Aufträgen über Wasser. Wegen der wirtschaftlich desolaten Situation bekommen sie von den Banken kaum mehr Kredite, andererseits sind die Investitionen in moderne Laborausstattung sehr hoch.

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