Zeitung Heute : Die Feuerwehr trägt Sensor

IT in Arbeitskleidung unterstützt Menschen in gefährlichen Arbeitsumgebungen

Bettina Weßelmann

Was Wearable IT – also Computertechnik zum Anziehen – leisten kann, wird am Beispiel Feuerwehr besonders deutlich. „In diesem Einsatzgebiet ist es extrem wichtig, einen Überblick über die Gesamtsituation zu haben“, erklärt Friedrich van Megen, Software Design Engineer beim European Microsoft Innovation Center (EMIC) in Aachen. „Wenn Feuerwehrleute eine Tür oder ein Fenster öffnen, können Teams an anderen Stellen des Gebäudes durch den plötzlich auftretenden Luftstrom in Gefahr geraten. Gleichzeitig ist aber auch die Sicherheit des einzelnen Feuerwehrmanns sehr wichtig: Sensoren können ihn frühzeitig über wieder aufflammende Brandherde warnen.“

Auch der Einsatzleiter erhält in einem derartigen Szenario völlig neue Informationen und Eingriffsmöglichkeiten. Existiert ein 3D-Modell des brennenden Gebäudes, lassen sich die Positionen und Bewegungen seiner Leute darin in Echtzeit einblenden. Die Daten dazu liefern Bewegungs- und Temperatursensoren in den Brandschutzanzügen. Weitere Fühler stecken in den Sicherungsseilen und in Messgeräten, die das Team gezielt in bereits durchquerten Fluren zurücklässt. Mit ihrer Hilfe kann der Einsatzleiter seine Gruppe dirigieren und ihr im wahrsten Sinne des Wortes den Rücken freihalten, während sich die Feuerwehrleute auf die schlimmsten Brandherde konzentrieren. Wird beispielsweise die Hitze auf dem geplanten Rückzugsweg zu groß, kann das Team rechtzeitig evakuiert oder umgeleitet werden. Hier geht es also nicht darum, IT vor Gefahren zu schützen – stattdessen ist die IT selbst das Sicherheit spendende Element. Die Pariser Feuerwehr erprobt die Technik bereits.

Am Verbundforschungsprojekt „WearIT@work“ sind 36 Partner von Hochschulen und Unternehmen beteiligt. Microsoft erforscht hier in Zusammenarbeit mit den anderen Institutionen, wie sich Computersysteme in Kleidungsstücke integrieren lassen, wie sie dabei am besten kommunizieren und welche Rollen sie übernehmen können.

Die Spezialisten erproben eine Reihe höchst unterschiedlicher Messfühler: Beschleunigungssensoren etwa ermöglichen es, Gesten und Situationen zu erkennen. Temperatur-, Druck-, und Herzdatensensoren geben Auskunft über Vitalfunktionen, und Mikrofone werden zur Erkennung von Sprache und zur Klassifikation der jeweiligen Umgebung benutzt. Zur Positionsbestimmung dienen Funksensoren. Die Computerleistung, die in die Kleidung integriert werden muss, hängt von den benötigten Funktionen ab. „Es wurden bereits Systeme eingesetzt, deren Rechenleistung vergleichbar mit der eines durchschnittlichen Mobiltelefons ist“, berichtet van Megen. „In diesem Fall lassen sich einfache Erkennungsleistungen und begrenzte Datenverarbeitung auf den Systemen durchführen. Sie arbeiten mit 200-Megahertz-Prozessoren und wenigen Megabyte Speicher.“

Anspruchsvolle Systeme, beispielsweise mit Spracherkennung, verlangen nach Rechnern von einer Kapazität, wie sie bis vor kurzem noch für komplette Consumer-PC reichte: Prozessoren mit etwa einem Gigahertz Taktrate und einem Gigabyte Speicher. Für die Übertragungstechnik führt man die heute vorhandenen Möglichkeiten „intelligent“ zusammen, um möglichst unter allen Umständen Verbindungen herstellen zu können. „WIFI wird benutzt, falls vorhanden, anderenfalls schalten die Systeme automatisch auf UMTS/GPRS um“, ergänzt van Megen, und vergisst auch die Informationssicherheit nicht: „Die Übertragung der Daten wird grundsätzlich über entsprechende Protokolle verschlüsselt.“

Zu den „WearIT@work“-Einsatzfeldern, die in Aachen untersucht werden, gehören verschiedene Szenarien für Rettungseinsätze, der Healthcare-Bereich und Produktions- und Wartungsumfelder. In Kliniken helfen die Systeme, Patienten zu überwachen und beispielsweise bei einem Notfall genau jenen Arzt zu finden, der am schnellsten eintreffen kann und gerade nicht operiert.

In Produktionsumgebungen dient Wearable IT dazu, Mitarbeiter bei komplexen, mobilen Aufgaben zu unterstützen oder an Fließbändern zusätzliche Informationen bereitzustellen. Mit Sensoren und Rechnern bestückte Kleidung soll beispielsweise bei der kritischen Wartung von Flugzeugen zusätzliche Kontrollmöglichkeiten bieten.

In Produktionsanlagen hilft „tragbare IT“ einerseits den Arbeitern und andererseits der Produktionsleitung. Sie nämlich erhält Informationen über drohende Engpässe oder Überlastungssituationen an den Bändern: Gerät das Personal irgendwo in eine gefährliche Situation oder läuft eine Anlage offenbar fehlerhaft? Sind die Werkstücke auf dem Band ebenfalls mit Sendern und Empfängern ausgestattet, können sie mit den Kleidungssensoren kommunizieren – so lässt sich beispielsweise sofort erkennen, wenn irgendwo die falschen Produkte an den Arbeitsstationen auftauchen. Bettina Weßelmann

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