Die Finanzkrise : In der Mitte der Herde

Moritz Döbler

Man stelle sich vor, wie Büffelherden einst über die nordamerikanische Prärie donnerten, dass die Erde bebte. Hunderttausende, Millionen Tiere schlossen sich zusammen, liefen Hunderte von Kilometern, auf der Suche nach Wasserstellen und Weideland. Und man stelle sich nun vor, wie es ist, wenn eine solche Herde die Richtung ändert: So ähnlich ist die Lage in der Weltwirtschaft. Irgendwo in der Mitte der rasenden Herde aus Händlern, Anlegern Spekulanten, Managern, Politikern sind ein paar deutsche Büffel unterwegs. Man könnte sagen: Bullen. Denn noch wird in Deutschland ein Aufschwung gefeiert.

Mittendrin merkt man nicht, ob die da vorne schon in eine andere Richtung laufen. Deswegen kommt die Erkenntnis, dass der Aufschwung vorbei ist, immer zu spät. Die meisten laufen noch lange in die falsche Richtung – und das sind die, die am Ende den Schaden haben. Warnungen vor einer Immobilienblase in den USA gab es genug – die Amerikaner kauften sich mit geliehenem Geld überteuerte Häuser. Vor einem Jahr ging eine Reihe kleiner Hypothekenfinanzierer pleite. Mancher Experte mag stutzig geworden sein, aber die Herde ließ sich nicht beirren. Dann strauchelten größere Institute, inzwischen hat die Krise die Finanzwelt verändert. Zehntausende Stellen sind verloren, die Banken leihen sich untereinander kaum noch Geld und schreiben Milliardenbeträge ab. An Deutschland schien das vorbeizugehen. Zwar geriet die Mittelstandsbank IKB in eine Schieflage, zwar musste die Sachsen LB verkauft werden, zwar räumten Postbank, West LB und andere Häuser Fehlleistungen ein – aber die Stimmung blieb ganz gut. Mitten in der Herde jedenfalls.

Jetzt aber hat eines der 30 größten deutschen börsennotierten Unternehmen, das Dax-Mitglied Hypo Real Estate, an einem Tag über ein Drittel seines Börsenwerts eingebüßt. Die Reaktion mag überzogen gewesen sein – schließlich schreibt die Münchner Spezialbank Gewinn. Aber es ist müßig, darüber zu räsonieren, und es ist falsch, zur Tagesordnung überzugehen. Der Fall zeigt, dass sich die Richtung ändert. Wenn Josef Ackermann in zwei Wochen im Hermann-Josef-Abs-Saal in Frankfurt am Main ans Rednerpult tritt, um die Bilanz der Deutschen Bank zu erläutern, dann wird die Welt nur die Besorgnis hören, nicht die Zuversicht. Egal, was er sagt.

Ohnehin zeigen alle Daten, dass sich die Konjunktur mindestens abschwächt, der Aufschwung also seinen Höhepunkt überschritten hat. Die Frage ist nur noch, wie schnell es abwärts geht. Leider irren die Volkswirte meist bei Antworten auf solche Fragen. Denn um sich greifende Angst in komplexen Märkten lässt sich in keine Formel gießen. Man kann nicht ausrechnen, ob sich ein einzelner Bison in der Mitte der Herde ein Bein bricht.

Der Schwarze Freitag 1929 kam nicht aus heiterem Himmel – im Umbruch kann es zum Crash kommen. Selbst wenn sich nicht alle Ängste bewahrheiten, zeigt sich nun, wie schlecht Deutschland für den Abschwung gerüstet ist. Im alten Jahr mit all den sprudelnden Steuermilliarden haben die staatlichen Kassen nur ein lächerliches Plus von 70 Millionen Euro erwirtschaftet. Der Staat hat seine Handlungsfähigkeit nicht zurück gewonnen. Das wird alle einholen, jung und alt. Schlimmer: Die Politik ist insgesamt damit gescheitert, aus dem Aufschwung etwas zu machen. Die Krankenversicherung ist nicht krisenfest, die Rentenversicherung ist es nicht, auch nicht der Arbeitsmarkt. Das ist es, worüber man im Wahlkampf streiten sollte.

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