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Fernsehen in Deutschland – Zweite Folge: ZDF

Stephan Lebert

Fernsehen in Deutschland – Zweite Folge: ZDF

Plötzlich war Klausjürgen Wussow da. Professor Brinkmann, der Arzt aus der Schwarzwaldklinik. Die alte Serie wurde nämlich bis vor kurzem im Vormittagsprogramm des ZDF wiederholt, jetzt nicht mehr, jetzt sind die „Guldenburgs“ dran. Gut sah er damals noch aus, der Wussow in seinem weißen Kittel. Wenn man denkt, was aus ihm geworden ist: Heute ist er pleite und wird angeblich von der Witwe von Bubi Scholz verprügelt. Ist nicht gut gelaufen, seine Zukunft.

Ich saß vor dem Fernseher, schaute ZDF und musste daran denken, wie ich vor ein paar Jahren auf Sylt mal zufällig in eine Ausstellungseröffnung von Wussow geriet. Es war seine erste Ausstellung überhaupt (und vermutlich auch die letzte). Die Bilder hingen in einem kleinen Hotel. Sie waren ganz schrecklich. Eines hieß „Der Tod“. Man sah ein Skelett am Meeresstrand. Wussow führte von Bild zu Bild und sagte, seine Ehefrau, damals Yvonne, habe ihn überzeugt, dass er diese Arbeiten der Öffentlichkeit nicht vorenthalten dürfe.

ZDF schauen ist manchmal ein bisschen wie das Blättern in alten Erinnerungen.

ZDF: Das ist dieses warme Orange, dazu dieses blass leuchtende Blau, die Farben des Senders. Überall begegnet man ihnen, auf Schriftzügen, Studiowänden, beim Wetterbericht, in der Eigenwerbung. Nur die Moderatoren, meist Leute in den Dreißigern, Vierzigern, müssen sich anscheinend nicht daran halten. Bei ihrer Kleidung ist kein Farbschema zu erkennen. Ich kann das beurteilen, weil ich in letzter Zeit viele, viele Stunden ZDF geschaut habe, morgens sehr früh, nachmittags, nachts sehr spät, immer. Kleidungstrend ist keiner zu erkennen, aber bei der Haarfarbe: mehr blond als schwarz.

Es gibt in jedem Programm eines Fernsehsenders eine Art Falltür in eine andere Wirklichkeit, das sind die Werbepausen. Da erwartet man eigentlich schöne Menschen, Produkte, trügerisch schöne Bilder, falsche Werte. Beim ZDF ist das anders: Die Werbung dreht sich fast ausschließlich um Gesundheit und Krankheit. Man sieht hauptsächlich alte Menschen. Ein Medikament für die Gelenke, eines gegen Blasenschwäche, ein besonderer Renner ist „Lifta“, der Treppenlift, der wird manchmal in einer Werbestaffel gleich mehrmals wiederholt. Das Leben, das durch diese Tür reinschaut, sieht ein wenig bedrohlich und düster aus. Da bleibt man lieber, wo man ist. Das ist ja eines der Dinge, die man dem ZDF nachsagt: Die leben in ihrer eigenen Welt, was draußen passiert, erreicht die gar nicht. Vielleicht hat das mit der Werbung zu tun.

Die ZDF-Welt. Möchte man da drin leben? Ja, sagt Martin Berthoud, und natürlich sagt er das, denn er ist der Programm-Chef des Senders. Er sitzt in einem Hochhaus auf dem ZDF-Gelände, ganz oben, mit Blick auf Mainzer Straßen und Mainzer Wiesen. Ein freundlicher, nachdenklicher Mann. Er sagt auch, er würde sich wünschen, dass diese seine Welt noch etwas spannender, überraschender wird, „da müssen wir besser werden“.

Das hört man immer wieder, wenn man sich mit den Machern dieser ZDF-Welt unterhält: Wir sind keine Betonköpfe. Wir wissen, dass wir uns verändern müssen. Wir wollen angreifen. Solche Sätze könnten auch von einem Mitglied der Bundesregierung stammen oder von einem Industrieboss oder von Dieter Hoeneß, dem Manager von Hertha. Ganz Deutschland redet eigentlich so. Beim ZDF hat man eben mit dem neuen Design angefangen. Kennt man ja auch von Leuten, die in Krisenzeiten erstmal ihre Frisur ändern. Im Grunde ist das sympathisch, man mag Menschen, die ein klein wenig unsicher wirken, weil sie nicht so bleiben dürfen, wie sie sind.

Mit neuer Frisur

Mein Auftrag: Schau dir das ZDF-Programm an, und zwar nur das ZDF. Die entscheidende Sehgewohnheit der Deutschen wird damit außer Kraft gesetzt: Ich darf nicht zappen, die Fernbedienung wird versteckt. Schau dir das ZDF an und sage uns, was da für eine Wirklichkeit transportiert wird. Wie gut oder wie schlecht ist das, was man da zu sehen bekommt. Ist es zeitgemäß? Es dauert nicht sehr lange, bis man begreift: Man schaut hier nicht nur Fernsehen. Man tritt eine schmerzhafte Deutschlandreise an.

Irgendwann beobachtet man beispielsweise in irgendeiner Magazin-Sendung den eher langweiligen Tagesablauf einer Mädchen-für-alles-Chefin im Berliner Luxushotel Adlon. Der Höhepunkt: Plötzlich sind da Flecken auf einem Teppichboden. Doch die Frau behält die Nerven – und lässt sie entfernen. Am Ende sieht man, wie sie nach Hause geht. Müde ist sie, heißt es im Off, aber erfüllt.

Das mag man anscheinend beim ZDF, Menschen bei der Arbeit zusehen. Es soll nicht zu aufregend sein, eher beruhigend. Zum Beispiel beobachtet man Polizisten in einer deutschen Provinzstadt, die Fahrraddiebe auf eine ganz spezielle Art jagen: Sie nehmen alten Omas die vor einem Geschäft abgestellten Fahrräder weg, weil sie vergessen hatten abzuschließen. Schließlich geben die Beamten mit erhobenem Zeigefinger der glücklichen Oma das Rad zurück. Dazu hört man im Off: „Jedes Jahr werden in Deutschland eine Million Drahtesel gestohlen. Hier tut man was dagegen.“

Oder man hört, in einer anderen Sendung, die Chefin eines Pflanzenmarktes sagen, ja, das Frühjahr bringe immer gutes Geschäft. Aber Weihnachten auch.

Oder man begleitet einen Krankenpfleger: Da ist das Thema, dass er bei der Arbeit dauernd einschläft, eine Krankheit, die man gar nicht so schnell erkennt. Oder man sieht einen Sohn, der seine Mutter beschimpft, weil sie ihn nie geliebt hat. Aber Moment, der Sohn ist nicht wirklich, der stammt aus der US-Daily-Soap „Reich und Schön“, die täglich um 11 Uhr 15 läuft. Martin Berthoud, der ZDF-Programm-Planungschef, sagt, er habe mal versucht, nur noch Wiederholungen von „Reich und schön“ zu zeigen, aber es hat nicht funktioniert, „die Zuschauer haben es gemerkt“. Er macht auch keinen Hehl daraus, warum die US-Produktion und Wiederholungen der Schwarzwaldklinik den ZDF-Vormittag bestimmen: „Wir müssen sparen.“

Ein 24-Stunden-Programm. Kein Sendeschluss, es gibt kein Ende und keinen Anfang. Ein ewiger Kreislauf. Ich habe fast alles gesehen. Die einzige Sendung, die ich nie geschafft habe, heißt „Citydreams“ und läuft die meisten Nächte so gegen 3 Uhr 20. Eigentlich ein ganz interessanter Titel. Was ist das wohl?

Vielleicht gibt es doch einen Anfang: Das Frühstücksfernsehen, jeden Morgen ab 5 Uhr 30. Eine angenehm gut gemachte, informative Sendung, speziell, wenn das Moderatorenduo Christian Sievers und Alexandra Vacano an der Reihe sind. Das Einzige, was manchmal ein wenig nervt, sind die Kaffeetassen, die die Moderatoren anscheinend immer ins Bild zerren müssen, damit der Frühstücksbezug nicht vergessen wird, auch wenn das Thema gerade der Terroranschlag in Madrid ist. Man kann nur hoffen, dass sich diese Essens-Idee nicht weiter durchsetzen wird. Sonst stehen im „Mittagsmagazin“ Penne Arrabiata auf dem Tisch, nachmittags Kaffee und Kuchen und abends bekommen Marietta Slomka und Johannes B. Kerner Cognac und Salzstangen.

Jeden Wochentag um neun Uhr beginnt die Sendung „Volle Kanne“, eine Mischung aus Service-, Unterhaltungs- und Gesundheitsthemen. Auch da wird wieder vor der Kamera gefrühstückt. Marita Hübinger, die zuständige Redaktionsleiterin sagt, sie und ihre Redaktion hätten ein klares Bild vor Augen, wer da vor dem Schirm sitzt. Es ist eine Frau, jung, so Mitte dreißig, mit Kind. Und gegen neun Uhr hat diese Frau das Kind in den Kindergarten gebracht, macht sich gemütlich eine Tasse Kaffee – und sieht „Volle Kanne“. Das zweite Frühstück.

Später räumt Frau Hübinger ein, die wirklichen Zuschauer der Sendung seien beinahe sechzig Jahre alt. Aber das ist natürlich kein Irrtum. Es geht einfach um die Zukunft. Man will sich verändern und vor allem das Publikum. Man sendet also Signale an Menschen aus, die noch gar nicht da sind.

Ich sitze vor meinem Fernseher und begreife, dass ich Botschaften empfange. Die Macher des ZDF teilen mir mit, was sie von mir halten, wie ich sein soll und wie sie mich verführen wollen. Man wird mit dieser Erkenntnis nicht froh, denn man beginnt sich rasch zu ärgern, Wenn zum Beispiel ein Moderator die weiteren Themen seiner Sendung ankündigt und immer dazu sagt: Das wird eine feine Sache.

Wenn ein kurzer Spot zum Thema „Abenteuer Erziehung“ gezeigt wird: Anhand einer Familie soll dargestellt werden, wie wichtig Konsequenz bei der Kindererziehung ist. Banale Bilder, grausigste Dialoge – spätestens als der Opa aus seiner Hemdtasche ein winziges Bonbon holt und den Enkel damit lockt, hätte man weggezappt. Aber ich darf das ja nicht.

Oder die Sache mit der Wirklichkeit – es ist sicher verdienstvoll, dass sich dieser Sender noch dem echten Leben annimmt und nicht wie Teile der Privatsender auf den inszenierten Krawall setzt. Aber, bitte, ist im großen Deutschland nichts Spannenderes zu finden als eine Kurzreportage aus dem Duisburger Hafen, in der ausführlich der Ölwechsel der Schiffe gezeigt wird? Dieser Beitrag lief in meiner persönlichen Feindsendung „Drehscheibe Deutschland“, eine Heimat der fadesten Biederkeit. Auf diese Weise will man nicht umworben werden.

Oder ist es anders? Ist Deutschland so? Ruhig, langweilig, banal. Und will man das auch sehen? Ist das ZDF mit solchen Berichten näher an der Wirklichkeit dran, als vielen lieb sein kann?

Dem ZDF geht es nicht gut, man weiß es. Die Zuschauer sind durchschnittlich 59 Jahre alt, nur sieben Prozent der unter 49-Jährigen schauen ZDF. Die Werbeeinnahmen sind in den letzten Jahren dramatisch gesunken, auf knapp 150 Millionen Euro, was ganz stark mit den vergreisten Zuschauern zu tun hat. Dazu kommen 1,4 Milliarden Euro aus den staatlichen Rundfunkgebühren. Sehr viel Geld, klar, aber davon muss auch sehr viel bezahlt werden. Mehr als 3000 Mitarbeiter, Beteiligungen an den Sendern Phoenix, 3Sat, Arte, einem Dokumentar- und einem Theaterkanal. Dafür reicht das Geld nicht, das ZDF schreibt tiefrote Zahlen. Der Druck zur Veränderung kommt von außen: Das ZDF muss kleiner, dünner, sparsamer – und trotzdem besser werden.

Das ZDF hat seine Stärken, auch das ist bekannt. Die „Heute“-Nachrichten von morgens bis abends, das Team um Marietta Slomka und Claus Kleber, die politischen Magazine, Maybritt Illner, Thomas Gottschalk, die Krimis. Wahrscheinlich gehören auch Leute wie Guido Knopp und Johannes B. Kerner dazu. Man wird gut informiert im ZDF, vom weltweiten Korrespondentennetz, das ist ja schon was.

In welche Richtung verändert man sich am besten? Klaus-Peter Siegloch, Moderator und stellvertretender Chefredakteur, sagt, früher sei die Welt der Nachrichtensendungen kleiner und enger gewesen, „da war alles viel klassischer, Politik, Politik, Politik, sonst war da nichts“. Heute versuche man Wissenschaftsthemen und Gesellschaftsphänomene in die Sendung zu holen, „das finde ich auch ganz gut, weil das die Realität mehr widerspiegelt als früher. Wir müssen auch akzeptieren, dass es bei den Zuschauern eine gewisse Politikverdrossenheit gibt.“ Neulich wurde in den „Heute“-Nachrichten auch der Autounfall von Daniel Küblböck gemeldet. Warum das? „Wir haben darüber diskutiert, durchaus kontrovers“, sagt Siegloch. Den Ausschlag in der Diskussion habe die Frage gegeben, in die Runde hinein, welches Thema denn die Redakteure selbst in den letzten Minuten am meisten angeklickt hätten, „dann war die Sache entschieden“.

Aber es gibt Grenzen, sagt er. Natürlich haben sie auch die genauen Quotenverläufe der einzelnen Nachrichtensendungen vorliegen – und deshalb weiß man, dass die Zuschauer rudelweise ausblenden, wenn zum Beispiel der Name Ulla Schmidt fällt oder über Holocaust-Themen berichtet wird. „Trotzdem“, sagt Siegloch, „würden wir niemals solche Themen deshalb nicht machen. Das sind wir uns selbst schuldig. Das machen andere Sender wohl anders.“ Und was macht ihm, dem stellvertretenden Chefredakteur, Sorgen, wenn er an sein ZDF denkt? Wir müssen frecher werden, sagt er. Und: Seine erwachsenen Kinder schauen sich außer den Nachrichten nicht besonders viel an im ZDF.

Veränderungen. Im Büro von Marita Hübinger, Chefin der „Volle Kanne“-Sendung, liegen Stapel von Kulturzeitschriften wie „Du“ oder „Lettre“. Das liegt daran, dass Frau Hübinger früher bei der „Kulturzeit“ auf 3Sat war. Sie sagt, ja, das sei schon eine enorme Umstellung gewesen, plötzlich in erster Linie Themen wie Garten, Essen oder Gesundheit zu bearbeiten. Aber sie habe sich dann auf die neue Aufgabe eingelassen, „und irgendwann fand ich es auch gut aus dieser Kulturnische raus zu sein“. Eine Sache darf sie noch aus ihrem alten Fachgebiet betreuen: Sie ist die Redakteurin von Elke Heidenreichs Sendung „Lesen!“.

Man trifft auf freundliche Menschen in Mainz. Und sitzt dann irgendwann bei Martin Berthoud, dem Programmplaner. Er wehrt sich gegen das Image des alten Schnarchsenders – und zählt Erfolge auf: „Streit um Drei“, die erste Gerichtssendung überhaupt, „Unsere Besten“, die Doku-Serie aus Sibirien, „Sternenflüstern“… Der Mann strahlt einen angenehmen Optimismus aus: Das wird schon werden, mit dem ZDF.

Man würde es überall so gerne glauben, dass es aufwärts geht, dass sich vieles zum Guten ändert. In Mainz wie in ganz Deutschland.

Doch leider musste ich zurück an den Schirm. „Drehscheibe Deutschland“ gesehen, „Hallo Deutschland“, „Die Küstenwache“, „Einsatz täglich“. Und vor allem die neue Humoroffensive in einem weitgehend humorfreien Programm, die neue Vorabend-Serie um einen Familienvater: „Halte durch, Paul.“

Auf einem der Mainzer Gänge sagte eine Redakteurin zu mir, hier beim ZDF sei man nicht so zwanghaft lustig, sondern setze mehr auf das gepflegte Gespräch.

Manchmal können auch Alternativen lähmen.

Am nächsten Sonntag die Fortsetzung unserer Serie: Harald Martenstein über die ARD

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