Zeitung Heute : Die First Lady hatte bis zuletzt „nichts zu sagen“

Der Tagesspiegel

Lotte Ulbricht, die Witwe des einst mächtigsten Mannes der DDR und zwanzig Jahre lang „First Lady“ im Arbeiter- und Bauern-Staat, ist tot. Sie starb vorgestern Nacht in ihrem Haus am Majakowskiring in Pankow. Am 19. April wäre sie 99 Jahre alt geworden.

Die Frau von Walter Ulbricht, der 1973 mit 80 Jahren gestorben war, führte seit dem von seinem Ziehsohn und Nachfolger Erich Honecker initiierten Sturz im Jahre 1971 ein einsames Leben: Ein paar Freunde aus alten Tagen, PDS-Genossen von heute und das „Neue Deutschland“ ließ sie ins Haus. Alle anderen wurden barsch am Zaun ihres Vorgartens abgefertigt: „Ich habe nichts zu sagen und niemandem etwas mitzuteilen“. Genau das Gegenteil war der Fall. Lotte Ulbricht hätte sehr viel über die Vorgänge im Moskauer Emigrantenhotel „Lux“, zu den Hintergründen des Mauerbaus oder zur entwürdigenden Behandlung ihres Mannes durch seinen Kronprinzen erzählen können.

Die Zeitzeugin hatte fünf Gesellschaftssysteme erlebt, war nach Paris und Moskau als Berufsrevolutionärin emigriert und stand seit ihrem 16. Lebensjahr im Dienste des Stalinismus, Kommunismus und Sozialismus. Eine Funktionärin, die noch mit 56 Jahren Diplom-Gesellschaftswissenschaftlerin wurde und bis 1973 als Mitarbeiterin des Instituts für Marxismus-Leninismus die Reden und Schriften ihres Mannes herausgab. Lotte Ulbricht war übrigens in Moskau mit Erich Wendt, dem späteren Leiter des Aufbau-Verlages und DDR-Unterhändler bei den Berliner Passierscheinverhandlungen verheiratet und wurde später Ulbrichts persönliche Mitarbeiterin bis zur Eheschließung im Jahre 1953. Die beiden hatten eine (inzwischen verstorbene) Tochter adoptiert. Lo.

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