Zeitung Heute : Die Fitmacher

Die Gesundheitsbranche in Deutschland wächst. Für Quereinsteiger bieten die Bereiche Wellness, Fitness und Pflege gute Chancen

Silke Zorn

„Die einzige Methode, gesund zu bleiben“, soll der amerikanische Schriftsteller Mark Twain einst sarkastisch bemerkt haben, „besteht darin, zu essen, was man nicht mag, zu trinken, was man verabscheut, und zu tun, was man lieber nicht täte.“ In Deutschland beschäftigt sich inzwischen eine riesige Branche damit, die Menschen zu einer etwas positiveren Einstellung zu gesundem Lebensstil zu bewegen. In ihrem jüngst erschienenen Sonderheft „test Spezial“ hat die Abteilung Weiterbildungstests der Stiftung Warentest jetzt Jobs in Wellness, Fitness und Pflege unter die Lupe genommen – und festgestellt, dass sich vor allem Quereinsteiger mit soliden Vorkenntnissen Chancen ausrechnen können.

Eigentlich müsste man ja von Quereinsteigerinnen sprechen. Denn der Gesundheitssektor hierzulande ist eine Frauendomäne: Fast 83 Prozent der Beschäftigten sind weiblich. Das geht aus einer aktuellen Analyse der Bundesagentur für Arbeit hervor, die sich mit Gesundheits- und Pflegeberufen in Deutschland beschäftigt. Ein weiteres Ergebnis der Studie: Im Gegensatz zum allgemeinen Abwärtstrend auf dem Arbeitsmarkt rechnet die Bundesagentur im Gesundheitswesen mit einem steigenden Bedarf an Arbeitskräften. Entsprechend gut stehen die Chancen, eine Weiterbildung oder Umschulung von den Arbeitsagenturen finanziert zu bekommen.

Das gilt vor allem für den Bereich der Alten- und Krankenpflege. Auch die Stiftung Warentest beschäftigt sich in ihrem Sonderheft mit Weiterbildungen rund um Betreuung und Pflege. „Vor allem ältere Quereinsteigerinnen oder Frauen nach der Babypause haben hier gute Jobchancen“, sagt Stiftung-Warentest-Redakteurin Nina Gerstenberg. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Branchen ist fortgeschrittenes Alter, gepaart mit einer gehörigen Portion Lebenserfahrung, bei der Pflege von Alten, Kindern und Kranken ein klarer Pluspunkt. Einstellen muss man sich allerdings auf harte körperliche und seelische Arbeit – mit der man alles andere als reich wird. Wen das nicht schreckt, der hat – zum Beispiel nach einer Umschulung zur Altenpflegerin – durchaus gute Chancen, schnell einen Job finden.

Davon, dass die Menschen hierzulande nicht nur immer älter, sondern auch immer dicker werden, profitiert ein anderer Berufszweig: die Gesundheits- und Ernährungsberatung. Entsprechende Weiterbildungen gibt es sowohl als Präsenzkurse, als auch im Fernunterricht. Die von der Stiftung Warentest unter die Lupe genommenen Anbieter schnitten allerdings durchweg schlecht ab. Das Fazit der Verbraucherschützer: Die fachlichen Anforderungen und rechtlichen Grenzen des Jobs – gerade wenn es um die Behandlung von Kranken und die Abgrenzung zur Arbeit von Ärzten und Ernährungsfachkräften geht – werden nur unzureichend vermittelt. Und selbst darüber, was gesunde Ernährung nun eigentlich ist, herrschte unter den 13 getesteten Anbietern keine Einigkeit.

Die Weiterbildungs-Tester kommen außerdem zu dem Schluss: Mit Ernährungsberatung kann man sich zwar ein paar Euro dazuverdienen oder als Fachkraft im Fitness-, Wellness- oder Gesundheitsbereich sein berufliches Spektrum erweitern. Als einziger Broterwerb taugt die Tätigkeit allerdings in den seltensten Fällen. „Das gilt im übrigen für viele Jobs in der Gesundheitsbranche“, sagt Verbraucherschützerin Nina Gerstenberg. „Wer als Diätassistentin eine Weiterbildung zur Ernährungsberaterin macht oder als Kosmetikerin auch Farb- und Stilberatung anbieten kann, der profitiert sicher von dieser Zusatzausbildung.“ Als Haupterwerbsquelle seien viele Gesundheits- und Wellnessberufe allerdings nicht zu empfehlen.

Ein zweites Standbein schaffen will sich auch Susanne Göring. Neben Ihrer Promotion im Fach Geowissenschaften absolviert sie eine zweijährige Ausbildung zur Gesundheitsberaterin. Gesunde Ernährung und ein gesunder Lebensstil sind ihr privat schon immer wichtig gewesen. „Durch die Ausbildung kann ich mich jetzt noch intensiver mit dem Thema beschäftigen“, sagt die Berlinerin. Auch die zahlreichen Einsatzmöglichkeiten parallel zum Hauptjob reizen sie – zum Beispiel bei Krankenkassen, in Schulen, Kindergärten oder als Dozentin für Kurse über gesunden Lebensstil, etwa bei den Volkshochschulen.

Komplettiert wird die bunte Palette der Gesundheitsberufe durch unzählige Aus- und Weiterbildungen in den Bereichen Wellness und Fitness. Hier macht den Bildungsinteressierten vor allem eines das Leben schwer: Einheitliche Berufsbilder und anerkannte Abschlüsse sind Mangelware. Da gibt es etwa den Wellness-Practinioner, der seine Gäste mit Massagen, Bädern und Schönheitsmasken verwöhnt. Den Wellness-Coach oder auch Wellness-Trainer, der darüber hinaus bei der aktiven Suche nach einem gesunden und ausgewogenen Lebensstil unterstützt. Oder den Wellness-Berater, der seine Kunden bei der Auswahl verschiedener Wellness-Angebote unter die Arme greift.

Wer eine Wellness-Weiterbildung absolvieren möchte, so die Experten der Stiftung Warentest, sollte bereits eine artverwandte Berufsausbildung mitbringen, zum Beispiel aus den Bereichen Kosmetik, Fitness, Gesundheit oder Tourismus. Gerade Fremdenverkehr und Wellness sind eine gelungene Mischung. Schließlich verwöhnen immer mehr Hotels und Ferienclubs ihre Gäste mit Schlammbädern, Massagen oder anderen Anwendungen.

In der Sport- und Fitnessbranche schließlich kommt man ohne grundlegendes Wissen über Trainings-, Bewegungs- und Sportgerätelehre kaum aus. Das nötige Know How vermitteln die gängigen Trainingsleiterlizenzen C, B und A. Aufsatteln kann man mit diversen Spezialkursen, etwa als Cardio-, Rücken-, Yoga- oder Pilates-Trainer. Wie in vielen Branchen kann es auch hier sinnvoll sein, sich bestimmte Nischen zu erschließen, sich zum Beispiel auf die Arbeit mit Senioren oder Kindern zu spezialisieren.

Und auch für die kaufmännische Seite der Fitnessbranche kann man sich fit machen, zum Beispiel mit einer Weiterbildung zum Fitnessfachwirt oder Lehrgängen im Sportmanagement oder Vereinsmarketing. Alles in allem existieren nach Auskunft der Deutschen Fitnesslehrervereinigung (dflv) rund 200 verschiedene Berufe, die sich um Sport und Fitness drehen. Das Fazit der Stiftung Warentest zum getesteten Fitnessfachwirt – der übrigens einer der wenigen geregelten Ausbildungsgänge im Fitnessbereich ist und mit einem Abschluss der Industrie und Handelskammer (IKH) aufwarten kann: Ohne einschlägige Erfahrung im Fitnessbereich sollte man die Finger von dieser Weiterbildung lassen. Wer sich in Sachen Gesundheit und Sport bereits auskennt, kann seine Berufsaussichten durch den Sportfachwirt allerdings verbessern und sich den Sprung in die Selbstständigkeit erleichtern.

Ob Fitness oder Wellness, gesunde Ernährung oder Betreuung – für alle Kurse im Gesundheitssektor gilt: Der Praxisanteil sollte möglichst hoch sein; Fernkurse sollten regelmäßige Präsenztrainings beinhalten. Hüten muss man sich vor den vollmundigen Versprechungen vieler Bildungsträger im Hinblick auf die späteren Berufsaussichten. „Wir waren wirklich erstaunt, wie viele Anbieter ihren Teilnehmern das Blaue vom Himmel herunter versprechen“, sagt Nina Gerstenberg. Ihrer Meinung nach hängen die beruflichen Perspektiven im Gesundheitssektor – mehr noch als in anderen Branchen – in erster Linie vom persönlichen Engagement jedes einzelnen ab.

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