Zeitung Heute : Die Flucht ergreifen

Susanne Kippenberger

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Neulich wurde Onkel Toms Hütte verkauft. Die echte, wahre und fast einzige: die, in der einst Josiah Henson lebte, jener Sklave, der das Vorbild für die berühmte amerikanische Romanfigur war. Die Hütte sah allerdings längst nicht mehr ärmlich aus, steht sie doch in einem teuren Vorort Washingtons und diente einem Rechtsanwalt, der mit seiner Familie nebenan wohnte, seit den 60er Jahren als Büro. Nun haben die Erben die historische Hütte verkauft. Aber es gibt ja noch andere: in Dresden (Ontario), dorthin war der Sklave damals geflohen – und in Berlin. Hier kommt man mit der U-Bahn zu Onkel Toms Hütte, da wollte ich schon immer mal hin.

Aber wie das mit Sehenswürdigkeiten so ist: Man muss sie nicht unbedingt gesehen haben. Der U-Bahnhof wirkt fast so trübe, wie man sich Onkel Toms Leben vorstellt. Zwei Ladenstraßen, von Gittern abgesperrt, führen links und rechts an den Gleisen entlang, die Decke hängt so niedrig wie der Himmel an diesem trüben Berliner Februartag. Und das, was ich brauche, gibt es dort nicht: einen Schirm, wie den, den ich gerade in der U-Bahn habe liegen lassen.

Also habe ich es gemacht wie Onkel Tom und habe die Flucht ergriffen: nicht ganz so weit und schon gar nicht so dramatisch, nur bis zum Mexikoplatz ins Café Krone. Da ist die West-Berliner Welt noch in Ordnung und die Kellnerin von fröhlicher Laune. Der Kaffee kommt im geblümten Kännchen und kostet so viel wie eine Tasse in Mitte, der Aprikosenkäsekuchen ist luftig und leicht, und das Publikum dem Café offenbar überaus treu: So viel Stammpublikum sah man selten. Fast hat man das Gefühl, in der Sommerfrische zu sein, durch die großen Fenster fällt der Blick auf die Landhäuser, aber da kommt Edith Hanke mit zwei jungen Mädchen herein und dann weiß man wieder, wo man ist: in West-Berlin.

Spannender als der Besuch des U-Bahnhofs Onkel-Toms-Hütte (mit der Linie 3) ist die Lektüre des Romans „Onkel Toms Hütte, Berlin“ von Pierre Frei, der dort im Jahre 1945 spielt (Heyne Verlag, 9,95 Euro). Das Café Krone liegt in der Argentinischen Allee 2.

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