Zeitung Heute : „Die Flüchtlinge werden wie Gäste behandelt“

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Frau Rehrl, Sie arbeiten für das UNFlüchtlingshilfswerk in Damaskus. Wie viele Menschen aus dem Libanon sind bisher nach Syrien geflohen?

In Syrien betreuen wir derzeit schätzungsweise 140 000 Flüchtlinge aus dem Libanon, und es werden täglich mehr. Mittlerweile kommen die Menschen auch aus dem Nordwesten Libanons hierher.

Was wird am meisten gebraucht, um den Menschen zu helfen?

Die Flüchtlinge haben nicht mehr, als die Sachen, die sie am Leibe tragen. Sie haben ihre Kinder gepackt, sind ins Auto oder Taxi gestiegen und haben sich auf den Weg nach Syrien gemacht. Viele haben mir erzählt, dass sie nicht einmal Geld bei sich haben, geschweige denn einen Pass. Von daher werden vor allem Kleidung, Unterwäsche und Toilettenartikel benötigt. Wir vom UN-Flüchtlingshilfswerk verteilen auch Zelte, Kochtöpfe und Windeln. Ganz wichtig ist jetzt, dass wir Milch für die Kleinkinder unter einem Jahr organisieren. Ihre Mütter, von denen sie normalerweise gestillt werden, können durch den Schock und das Trauma keine Milch mehr produzieren.

Gibt es denn auch eine psychologische Betreuung?

Wir sind dabei, das in Angriff zu nehmen. Flüchtlingseltern haben uns erzählt, dass sich die Kinder sonderbar verhalten, manche haben aufgehört zu sprechen. Jetzt, wo sie erst einmal in Sicherheit sind, zeigen sich bei vielen die posttraumatischen Symptome.

Wo sind denn die Flüchtlinge untergebracht?

In Schulen, Klöstern, Hotels und bei privaten Familien, die Syrer sind wirklich unglaublich großzügig. Weil bald die Sommerferien vorbei sind, wird nun damit begonnen, die Flüchtlinge von den Schulen in Jugendlager der Baath-Partei umzusiedeln.

Wie gehen die Syrier mit den Flüchtlingen um?

Was die Syrer hier leisten, ist enorm. Jeden Tag kommen Vertreter der Baath-Partei, Privat- und Geschäftsleute, die ganze Wagenladungen an Essen und Kleidung bringen, wohlgemerkt neue Kleidung, keine gebrauchte. Die Flüchtlinge mussten sich bisher nichts kaufen. Sie sind unsere Gäste, sagen die Syrer und entschuldigen sich noch, dass sie den Libanesen nicht den Lebensstandard bieten können, den die sonst gewohnt sind.

Haben Sie eine solche Solidarität schon einmal erlebt?

Nein, und das ist nicht mein erster Einsatz in einem Krisengebiet. Ich lebe fürs UN-Flüchtlingshilfswerk in Liberia, da ist es ganz anders. So etwas wie hier in Syrien habe ich noch nie erlebt. Viele syrische Familien nehmen Fremde auf und täglich melden sich neue Familien bei der Regierung, weil sie bereit sind, Flüchtlinge aufzunehmen.

Inwieweit unterstützt die Regierung die Hilfsaktionen?

Die Regierung koordiniert das Hilfsprogramm und stellt die Unterkünfte für die Flüchtlinge zur Verfügung. Organisatorisch läuft es hier wirklich einwandfrei. Allerdings ist es eine Frage der Zeit, wie lange die Syrer das noch durchhalten.

Haben die libanesischen Flüchtlinge noch die Hoffnung, bald in ihre Heimat zurückkehren zu können?

Die Hoffnung ist groß, und alle sagen, sie möchten so bald wie möglich zurück. Ein Libanese hat mir gesagt, wenn jetzt der Waffenstillstand ausgerufen werden würde, er wäre fünf Minuten später schon auf dem Heimweg.

Annett Rehrl arbeitet für das UNFlüchtlingshilfswerk (UNHCR) in Damaskus. Mit ihr sprach Dagmar Rosenfeld.

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