Zeitung Heute : Die Flut nach der Flut

Wie nach dem Oderhochwasser die Hilfe koordiniert wurde

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Von Christiane Bertelsmann

Das Auto kam aus Westdeutschland. Ein Mann stieg aus und reichte Hans-Jürgen Erdmann einen Scheck über den Gartenzaun. Vom einem Lion’s Club aus dem Ruhrgebiet stammt der. Ein Scheck über 100 000 Mark, für die Hochwasseropfer. Hans-Jürgen Erdmann und seine Familie gehörten zu den Haushalten in der Ziltendorfer Niederung, deren Hab und Gut vom Hochwasser zerstört worden war. 1997 war das, bei der so genannten Oderflut. „Ein Fliegenschiss, verglichen mit dem, was jetzt an der Elbe los ist“, sagt der Mann heute.

Erdmann, seine Frau und die beiden Töchter hatten in Aurith, einem winzigen Ort in der Ziltendorfer Niederung, ihren ganz persönlichen Traum verwirklichen wollen: Den Traum vom Leben in der Natur, umgeben von vielen Tieren, in einem alten Bauernhof, den sie selbst in jahrelanger Arbeit renoviert hatten. Der Heilpflanzengarten, ein riesiges Areal mit seltenen Kräutern und Blumen, für die Naturheilpraktikerin Gudrun Erdmann das wichtigste im ganzen Garten, war gerade fertig, da trat die Oder über ihre Ufer, die Dämme brachen und das Wasser ergoss sich in die Ziltendorfer Niederung. Schwemmte die Pflanzen weg, drang ins Haus ein, zerstörte die Fußbodenheizung, die Küche. Ein paar hundert Meter weiter war es noch schlimmer. In der Siedlung standen die Häuser bis zum ersten Stock unter Wasser.

Doch so schnell wie die Flut kam, gingen auch die Spenden ein. 150 Spendenkonten wurden insgesamt in ganz Deutschland eröffnet. 130 Millionen Mark gaben die Deutschen für die Hochwasser-Opfer. „Es gab wirklich an jeder Ecke eine Spendenquelle“, erinnert sich Erdmann, „die Hilfsbereitschaft war enorm.“ Zusammen mit dem Pfarrer, dem Bürgermeister und anderen Bürgern gründete Erdmann eine Kommission, die helfen sollte, die Gaben gerecht zu verteilen. Neben Sachspenden gingen allein in den ersten 14 Tagen vier Millionen Mark ein. „Die haben wir spontan nach Bedarf verteilt“, sagt Erdmann.

Um die Spendenflut weiter zu kanalisieren, half man sich beim Amt Brieskow-Finkenheerd, das für die Verwaltung der meisten Orte in der Ziltendorfer Niederung zuständig ist, mit einem Patenschaftsmodell. Dazu brachte man die Wohlfahrtsverbände an einen Tisch und wies jedem der 269 vom Hochwasser betroffenen Haushalte einen „Paten“ zu, der die Höhe der Spende bei „seiner“ Familie richtig einzuschätzen hatte. „Das hat gut geklappt“, sagt Eike Schulz. Der Schaden an ihrem Haus belief sich auf 270 000 Mark. „Ohne die Spenden wären wir völlig am Boden gewesen“, sagt Schulz, „Wir mussten alles neu kaufen.“ Finanziert hat die Familie den Kauf und die Renovierungsarbeiten zu 90 Prozent mit Spenden.

„Es war eher das Problem, die Spenden nach oben abzudeckeln“, sagt Georg Pachtner, Amtsdirektor in Brieskow-Finkenheerd. Nicht selten kam es zu Neid und Missgunst, wurde jeder neue Blumenkasten auf dem Balkon, jeder Anbau, jedes neue Auto misstrauisch beäugt. Hat er private Spenden bekommen, einfach so über den Gartenzaun? Warum er, warum ich nicht?, rumorte es in manchem Nachbarn. „Ich hätte den Scheck mit den 100 000 Mark auch einstecken können“, sagt Erdmann. Doch er hat ihn zur Spielkommission getragen – damit alle etwas davon haben.

Jetzt, wo die Bilder von Elbe und Mulde wieder an das Ereignis von vor fünf Jahren erinnern, flammt die Bereitschaft zu helfen im Oderbruch wieder auf. Die freiwillige Feuerwehr in Breskow-Finkenheerd ist bis auf einen Zug komplett nach Dresden abgerückt. Und Hans-Jürgen Erdmann ist sofort losgezogen, um für die Gemeinde Freiberg zu sammeln. Denn die Freiburger hatten damals die Menschen in der Ziltendrofer Niederung besonders intensiv unterstützt. 1861 Euro hat Erdmann am Sonnabend zusammenbekommen – „und das bei nur 18 Haushalten“, sagt er stolz. Vielleicht fährt er diese Woche selbst raus nach Freiberg und übergibt die Spende. „Sie glauben nicht, wie das aufbaut, wenn da jemand kommt“, sagt er.

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