Zeitung Heute : Die Folgen im Griff

Moderne Rheumatherapie kann Beschwerden eindämmen. Welches Mittel angewendet wird, hängt vom Krankheitsverlauf ab.

Andreas Krause
Zur Behandlung von Gelenkentzündungen bei klassischem Gelenkrheuma (rheumatoide Arthritis) werden unter anderem die sogenannten Basistherapeutika eingesetzt, deren Wirkung allerdings nur langsam eintritt. Foto: psdesign/Fotolia
Zur Behandlung von Gelenkentzündungen bei klassischem Gelenkrheuma (rheumatoide Arthritis) werden unter anderem die sogenannten...Foto: psdesign1 Fotolia

Für die Behandlung rheumatischer Erkrankungen stehen mittlerweile wirksame Therapiemöglichkeiten zur Verfügung, so dass insbesondere bei frühem Erkennen eine effektive Behandlung möglich ist. Da die Ursache der meisten Erkrankungen noch immer nicht bekannt ist, kann die moderne Rheumatherapie zwar keine Heilung anbieten, doch weitestgehende Beschwerdefreiheit, Erhalt der Beweglichkeit und Verhinderung von dauerhaften Schäden und Folgeerkrankungen sind inzwischen realistische Behandlungsziele.

Die zur medikamentösen Rheumatherapie eingesetzten Substanzen lassen sich in vier Gruppen einteilen: kortisonfreie Antirheumatika, Kortisonpräparate, Basistherapeutika und Biologika. Die kortisonfreien Antirheumatika (Lateinisch: nicht steroidale Antirheumatika, abgekürzt NSAR) wirken nicht nur schmerzlindernd, sondern auch entzündungshemmend. Da sie aber den Krankheitsverlauf langfristig nicht positiv beeinflussen, sind sie zur Langzeitbehandlung nicht geeignet. Einzige Ausnahme stellen die sogenannten Spondylarthritiden dar, die rheumatischen Erkrankungen mit Befall der Wirbelsäule und des Beckens (etwa Morbus Bechterew). Hier ist eine NSAR- Therapie häufig in der Lage, die Versteifung der Wirbelsäule zumindest zu verzögern. Mögliche Nebenwirkungen betreffen insbesondere den Magen-Darm- Trakt. Deshalb werden NSAR häufig mit einem Magenschutzpräparat kombiniert. Eine bessere Magenverträglichkeit besitzt eine Untergruppe der NSAR, die sogenannten Coxibe. Bei längerfristiger Anwendung von NSAR ist auch auf die Nierenfunktion und eine mögliche Erhöhung des Risikos von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu achten.

Unentbehrlich für die Behandlung vieler Rheumaerkrankungen sind Kortisonpräparate (Glukokortikoide), die stark entzündungshemmend wirken. Zu Therapiebeginn sowie in akuten Entzündungsschüben kann mit Kortison häufig eine rasche und zuverlässige Besserung erreicht werden. Im Gegensatz zu ihrem schlechten Ruf sind Glukokortikoide in der Kurzzeitanwendung auch höher dosiert sehr gut verträglich, wobei allerdings auf Blutzucker, Blutdruck und Augeninnendruck geachtet werden muss. Alternativ zur systemischen Gabe kann Kortison auch gezielt in entzündete Gelenke, Schleimbeutel und Sehnenscheiden gespritzt werden, oft mit herausragendem Therapieerfolg. Problematisch ist die Langzeitanwendung von Kortison, auch schon in mittleren Dosierungen. Mögliche Folgen sind unter anderem Gewichtszunahme, ein rundes Gesicht, dünne Haut, Störungen des Zucker- und Fettstoffwechsels, grauer und grüner Star sowie Osteoporose.

Um rheumatische Erkrankungen auch langfristig mit guter Verträglichkeit behandeln zu können, wurden die sogenannten Basistherapeutika entwickelt. Sie werden insbesondere zur Behandlung von Gelenkentzündungen bei klassischem Gelenkrheuma (rheumatoide Arthritis), aber auch bei vielen anderen rheumatischen Erkrankungen eingesetzt. Basistherapeutika zeichnen sich durch eine effektive Hemmung des Entzündungsprozesses aus. Vielfach werden Schädigungen, wie etwa die Zerstörung eines entzündeten Gelenks, erheblich verzögert oder sogar komplett verhindert. Langzeitfolgen treten sehr viel seltener auf, insbesondere die bei Rheumatikern frühzeitig und vermehrt auftretenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Ein Nachteil der Basistherapeutika ist der langsame Wirkungseintritt, der manchmal zwei bis drei Monate auf sich warten lässt. Auch sprechen nicht alle Patienten auf die Präparate an. Die Verträglichkeit ist meistens gut, es können aber selten ernsthafte Nebenwirkungen, beispielsweise an der Leber oder der Blutbildung, auftreten, insbesondere zu Beginn der Therapie. Die Behandlung muss daher gut vorbereitet und regelmäßig überwacht werden.

Seit zwölf Jahren stehen zur Behandlung rheumatischer Erkrankungen auch Biologika zur Verfügung (siehe Text unten). Dies sind biotechnologisch in Zellkulturen hergestellte Eiweißstoffe, die gezielt in den Entzündungsprozess rheumatischer Erkrankungen eingreifen. Durch Abfangen von Überträgersubstanzen der Entzündung oder Ruhigstellung von Entzündungszellen sind sie in der Lage, eine ausgeprägte, vielfach sogar vollständige Rückbildung der Krankheitssymptome zu bewirken. Sie werden eingesetzt, wenn die herkömmlichen Basistherapeutika nicht ausreichend wirken oder unverträglich sind. Die optimale Wirkung der meisten Biologika wird durch eine Kombination mit dem Basistherapeutikum Methotrexat (MTX) erreicht. Das Problem der Biologika ist deren immunsuppressive Wirkung mit der Gefahr vermehrter oder schwerer als üblich verlaufender Infektionen. Dieses Risiko ist jedoch gering und betrifft vorwiegend Patienten, die ohnehin infektanfällig sind.

Biologika werden insbesondere zur Therapie des klassischen Gelenkrheumas, der rheumatischen Erkrankungen der Wirbelsäule und des Schuppenflechtenrheumas eingesetzt. Seither können bei diesen Erkrankungen deutlich verbesserte Behandlungserfolge nachgewiesen werden. Viele Patienten führen durch die Biologika heute ein weitgehend beschwerdefreies Leben.

Der Autor ist Chefarzt der Abteilung Rheumatologie und Klinische Immunologie der Klinik für Innere Medizin am Immanuel-Krankenhaus in Berlin.

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