Die Fotografin Barbara Klemm : Selten objektiv

Darf ich ein Foto machen? Diese Frage war Barbara Klemm immer unangenehm. Dabei hatte sie so viele wichtige Momente und Menschen vor ihrer Kamera. Mit einem Trick milderte sie die Pein für beide Seiten.

Freundlich – und schnell. Barbara Klemm, 73.
Freundlich – und schnell. Barbara Klemm, 73.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Den Ort, an dem sie nun ihre Bilder aufhängen lässt, hat sie auch schon einmal fotografiert. Es gab ihn damals nicht mehr.

Nur noch ein paar Reste standen da. Gleich nebenan stand die Berliner Mauer. Es war eine Ruine im Abseits für die, die auf der Westseite lebten, und eine im Jenseits für die im Osten. Barbara Klemm, Westfrau, fotografierte sie trotzdem, beziehungsweise gerade deshalb. Es war mehr als drei Jahrzehnte nach Kriegsende und mehr als eines vor der Wiedervereinigung – und ziemlich genau 35 Jahre vor diesen Tagen im November 2013, in denen sie nun in einer Zeitschleife sitzt. Sie hat ein Haus fotografiert, das es damals nicht mehr gab, und nun hängen ihre Bilder darin.

Also wo genau ist sie hier? Ist das die Gegenwart, oder irgendeine Art von Vorvergangenheit? Es ist, das wird sich noch herausstellen, vor allem die Zwischenzeit.

Bei dem Haus handelt es sich um den Berliner Martin-Gropius-Bau, ein Kunstausstellungsgebäude. Es ist längst wieder aufgebaut und hergerichtet, und an diesem Sonnabend wird hier eine Schau mit Barbara-Klemm-Fotos eröffnet.

Ihr selbst fällt zum Thema Zeit als Allererstes ein, dass man immer zu wenig davon hat. Sie sitzt in einem Hotel am Spreeufer, es sind noch zwei Wochen bis zur Eröffnung. Sie sagt, beim Auswählen der Fotos, „beim Sichten der Sachen für die Ausstellung“, ist sie „immer wieder“ an einzelnen Aufnahmen „hängen geblieben“. „Und schon war wieder eine Stunde weg.“

Barbara Klemm ist eine von Deutschlands angesehensten Fotoreporterinnen. Sie hat Bilder gemacht, von denen Fachleute wie Museumskuratoren und Kulturjournalisten sagen, dass sie zum kollektiven Gedächtnis der Deutschen gehören. Klemm arbeitete 45 Jahre lang für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Sie ist an diesem Tag nach Berlin gekommen, um das Bilderaufhängen zu beaufsichtigen.

Das Bilderaufhängen ist eine merkwürdig langwierige Tätigkeit, auch zehn Tage später wird sie damit noch nicht fertig sein. Dazu kommt noch, dass Klemm mittlerweile schneller als früher müde wird, das sagt sie jedenfalls. Die Gropius-Bau-Mitarbeiter sagen das auch, und naheliegend ist es sowieso.

Mit 15 begann sie eine Lehre in einem Fotostudio

Folgendes wäre also wohl nicht mehr möglich: Frühmorgens von Frankfurt am Main nach Berlin fliegen. Sich dann den Rest des Tages hier, in der großen Stadt, herumtreiben. An der Oberbaumbrücke, am Brandenburger Tor, am Schöneberger Rathaus. Am Lustgarten, am Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße, in einem christlichen Hospiz. An all diesen Orten und dazwischen versuchen, folgenden Menschen so nahe wie nötig zu kommen: Helmut Kohl, Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher, Walter Momper, Egon Krenz, Gregor Gysi, Ibrahim Böhme und tausenden Namenlosen.

Nachts noch eine Freundin besuchen und einem Sowjetorchester im Fernsehen beim Dixieland-Spielen zuschauen. Am nächsten Morgen zurück nach Frankfurt fliegen und Dutzende Filme entwickeln, Fotos vergrößern, eine Zeitungs-Sonderausgabe machen. Am Tag darauf wieder nach Berlin fliegen. So verliefen Barbara Klemms Tage nach dem 9. November 1989.

Klemm wurde 1939 in Münster geboren. Der Vater, ein Maler, schaffte im selben Jahr eine Fotokamera an. Mit 14 – die Familie lebte mittlerweile in Karlsruhe und Barbara Klemm war inzwischen im Besitz eines eigenen Fotoapparates und Absolventin eines Fotokurses – nahmen die Eltern sie von der Schule. Sie war schlecht dort, sie blieb ein Jahr zu Hause und lernte von der Mutter, einer Bildhauerin, zu kochen und zu putzen. Mit 15 begann sie eine Lehre in einem Fotostudio. Sie kam zur „FAZ“ und stellte Druckstöcke her. „Ich ritzelte zehn Jahre lang Klischees“, sagt sie. Und dann, 1969, wurde sie als Fotografin angestellt.

Sie fotografierte: Mick Jagger, Janis Joplin, Tom Waits. Simon Rattle, Peter Handke, Alfred Hitchcock. Botho Strauß sitzend, Günter Grass tanzend, Madonna aufblickend. Friedrich Dürrenmatt im Arbeitszimmer, Heiner Müller auf dem Sofa, Heinrich Böll in Mutlangen. Andy Warhol vor Tischbeins Goethe-in-Italien-Gemälde, Joschka Fischer in Turnschuhen. Wolf Biermann beim Kölner Konzert und Christa Wolf bei ihrer Frankfurter Poetikvorlesung.

Den Bruderkuss von Breschnew und Honecker, die Maler Rauch, Richter und Strawalde. Bundeskanzler, Bundesminister, Reagan, Thatcher, Gorbatschow, den Papst, Indira Gandhi und Pinochet. Afrika, Amerika, Asien. Die Bundesrepublik und immer wieder die DDR.

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