DIE FOTOS DIESER BEILAGE : Die Grenze und ihre Spuren

Man brauchte freie Schussbahn, und Lankow, Gemeinde Dechow, ganz im Westen des heutigen Mecklenburg-Vorpommern, stand im Weg. Von der Siedlung sind heute noch da: ein paar rote Fliesen, einige Mauerreste und Gerda Zimmermann.

Lankow musste dem breiten Grenzstreifen weichen, mit dem die DDR versuchte, ihre Menschen an der Flucht zu hindern. Weichen mussten auch die Bewohner. Die Fotografin Janet Hesse, geboren 1978 in Prenzlau, hat Gerda Zimmermann, 20 Jahre nach dem Mauerfall, noch einmal zurückgeholt nach Dankow und Dankow zurückgeholt in die Erinnerung. „Befriedet“ heißt Janet Hesses gerade erschienener Bildband, ihre Diplomarbeit im Studiengang Fotografie an der Fachhochschule Dortmund. „Vergessene Orte an der ehemaligen innerdeutschen Grenze“.

Es sind besondere Fotos von verfallenen Dörfern. Zu sehen sind die roten Fliesen, die früher zu Gerda Zimmermanns Haus gehörten, 1976 für immer ausgelöscht von der Führung der DDR. Es sind Geschichten von Vertreibung und Unrecht, das die Menschen erlebten, die heute nicht mehr in Bardowiek wohnen und Neuhof, die wegmussten aus Kanau, Vockfey und Schmerbach. Bis ins Jahr 1986 wurden Bewohner des Grenzgebiets gezwungen, ihr Zuhause aufzugeben. Wie Anna Bühling, geboren 1932, umgesiedelt 1986, nach 40 Jahren, die sie in ihrem Haus in Erlebach verbracht hatte. Wie Adolf Paar, geboren 1934, aus dem gleichen Ort, vertrieben im gleichen Jahr, der sagt: „Die haben uns nach Strich und Faden dressiert.“

Die Bilder von Janet Hesse illustrieren auch diese Literatur-Beilage des Tagesspiegels, jedes erzählt eine bedrückende Geschichte. Dass Janet Hesse nicht nur das Entvölkerte fotografiert, sondern auch die der Heimat beraubten an diese Orte zurückbringt, ist die Stärke dieses Bandes. Orte, von denen nur noch Bäume übriggeblieben sind, und daneben – Entwurzelte.

„Das ist“, schreibt der Berliner Schriftsteller Thomas Brussig im Vorwort, „als hätte Heinrich Schliemann die alten Trojaner in den Mauern des ausgegrabenen Troja fotografiert. Janet Hesses Trojaner sind Menschen, die, oft auf einen Stock gestützt, ihr Alter nicht verbergen.“ Die „wissen, was Heimat ist.“ Die keine Heimat mehr haben.

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