Zeitung Heute : Die Frage ist doof!

Persönlichkeitstests sind sadistische Rituale

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„Eine Beute von 576 Talern soll im Verhältnis von 4:5 auf zwei Raubritter verteilt werden. Wie viele Taler bekommt der Ritter, der den kleineren Anteil erhält?“, lautet eine der Fragen auf dem Bildschirm, wenn man im Internet nach „Einstellungstests“ sucht. Da schaut der Proband, der sich auf einen Bewerbungsmarathon vorbereiten will, ziemlich dumm. Dem Lösungsbogen zufolge lautet die Antwort 256. Das ist natürlich falsch. Schließlich handelt es sich hier nicht um Bankiers, sondern um Räuber und schon deswegen würde der mit dem kleineren Anteil anfangen, sich mit dem Kollegen um die Beute zu fetzen. Während die zwei sich bewusstlos kloppen, würde ein Hirtenjunge des Weges kommen und den Sack mit den Talern verschwinden lassen...

Aus so einer Antwort könnte man wenigstens ablesen, dass der Kandidat das Wesen des Kapitalismus begriffen hat und über Eigeninitiative verfügt. 256 hingegen sagt einem Personalchef eigentlich gar nichts außer 256. Deswegen wurden von den Testherstellern ja auch die Persönlichkeitsfragen erfunden. Dort heißt es dann: „Ich vermeide es, mich mit Leuten herumzustreiten. Ja – manchmal – nein.“ Oh je! Wer „ja“ ankreuzt, kommt als herumschubsbares Weichei rüber, wer „nein“ wählt, als Streithammel. Also „manchmal“ und nächste Frage: „Wenn Leute mit der Moral argumentieren, regt mich das auf. Stimmt – teilsteils – stimmt nicht.“ Das wird ja immer schlimmer. Natürlich sind Menschen, die jedes Mal die Moralkeule nieder sausen lassen, wenn sie inhaltlich nicht mehr weiterwissen, eine Pest auf zwei Beinen. Aber hier „stimmt“ zu sagen erweckt den Eindruck, man selber sei ein gewissenloser, opportunistischer Tunichtgut. Also „teils-teils“ und weiter im Text.

„Lieber ein sicherer Arbeitsplatz mit festem, aber kleinerem Gehalt als das Gegenteil. Stimmt – teils-teils – stimmt nicht.“ Ach nöö, Leute, das könnt ihr nicht machen. Was ist denn das Gegenteil? Ein kleinerer Arbeitsplatz mit sicherem Gehalt? Da die Bürogröße nun wirklich piepegal ist, „stimmt nicht“ ankreuzen? Eigentlich gehört da hingeschrieben: Die ist Frage doof! Die härteste Nuss kommt jedoch erst noch.

„Nur aus Angst vor Strafe verhalten sich die meisten Menschen korrekt.“ Über die Antwort gibt es Bibliotheken voll mit philosophischen Büchern und hier soll mit einen einzigen Kreuz alles gesagt sein? Das ist heller Wahnsinn. Also wieder „teils-teils“.

Am Ende ist kaum eine Frage entschieden beantwortet und der Testleiter glaubt, er habe eine weiche Birne vor sich. Jetzt ist auch klar, warum Kritiker angesichts der Tests von „sadistischen Ritualen“ sprechen. Sie schreiben Bücher, die lehren, wie diese Fragebögen zu knacken sind. Da die Antworten in jeden Fall nur zeigen, ob einer kapiert hat, was ein Personalchef hören möchte, kann man nur sagen: Jeder wehre sich so gut er kann!

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