Zeitung Heute : Die Frau für schlüsselfertige Ideen

Dagmar Vogt plant und baut Photovoltaik-Fabriken 2008 wurde sie Berlins „Unternehmerin des Jahres“

Martin Gropp

Auf den ersten Blick ist nicht ersichtlich, was auf der vierten Etage des ehemaligen Osram-Hofes in Charlottenburg hergestellt wird. Der Empfangstresen links hinterm Eingang könnte auch in einer großen Arztpraxis stehen. Die verglasten Konferenzräume würden ebenso gut in eine Werbeagentur passen. Genauso wie die kleinen Fruchtgummitütchen, die auf dem Couchtisch neben einer einsam blühenden gelben Gerbera liegen. Dagmar Vogt, die Hausherrin der Büroetage, weiß, warum ihr Geschäftsfeld nur schwer erkennbar ist. „Wir produzieren Ingenieurwissen“, sagt die 45-Jährige, die der Vogt-Gruppe vorsteht, einem Unternehmen aus einer GmbH und vier teils internationalen Tochtergesellschaften. Ihre Produkte stecken in den Köpfen der Mitarbeiter.

Am Anfang steht eine Idee: Ein Investor möchte eine Solarzelle herstellen, er weiß, welche technischen Eigenschaften sie haben soll. Er weiß auch, welche Maschinen er für die Herstellung braucht. Da beginnt Dagmar Vogts Arbeit. Ihre Ingenieure machen aus der Idee ein konkretes Projekt, erstellen Businesspläne, reichen Bauanträge ein, kümmern sich um die Erschließung der Gelände, später dann um die Bauleitung. Und sie entscheiden, wie die Produktion verläuft, wie Lüftung oder Kühlwasserversorgung funktionieren sollen. Bis zu 30 Mitarbeiter setzen eine neue Fabrik um, bis sie nach neun bis 15 Monaten den Auftraggebern die Schlüssel überreichen können.

Seit 18 Jahren arbeitet Dagmar Vogt selbstständig als Projektmanagerin, vor elf Jahren erhielt sie erstmals einen Auftrag aus dem Solarzellenbereich. Früher heuerten Wissenschaftler oder kleine Startups sie an. Heute sind es Investmentfirmen. Vogt ist mit der als Zukunftsindustrie geltenden Photovoltaik-Branche gewachsen. Begonnen hat die Chemieingenieurin 1991 mit einem Ein-Frau-Büro auf 20 Quadratmetern im Soldiner Kiez. „Da konnte man keinen Kunden hinbeordern“, sagt sie. Also begab sie sich zu den Kunden oder traf sich mit ihnen „irgendwo in der Mitte“. Mit den größer werdenden Projekten wuchsen die Anforderungen. 2002 wurde die Gründung einer GmbH notwendig, um auch nächst größere Projekte umsetzen zu können.

Dass Dagmar Vogt überhaupt freiberuflich tätig wurde, hat mit ihren ersten Arbeitgebern zu tun: Mit 23 Jahren hatte sie ihr Diplom bestanden, direkt danach stürzte sie sich in die Karriere als angestellte Ingenieurin. Nach vier Jahren war Schluss: „Ich suchte eine Führungsposition.“ Dass ihr Arbeitgeber meinte, sie sei mit 27 eher im gebärfreudigen als im Karrierealter, hat sie angestachelt. „Also schuf ich mir meine eigene Führungsposition.“ Dagmar Vogt ist kinderlos geblieben. Sie und ihr Partner haben sich gemeinsam gegen Nachwuchs entschieden. „Es wäre ein Kompromiss geworden“, sagt sie. Sie wollte ihn nicht eingehen. Die Entscheidung habe sie aber bewogen, als Arbeitgeberin familienfreundlich zu sein: Erwartet eine ihrer Ingenieurinnen ein Kind, kann sie auch im Mutterschutz weiter ihre E-Mails lesen, hat Zugang zum Intranet und kann auf Kosten der Firma zum Beispiel Englisch lernen. Ein preiswürdiges Konzept: Auch wegen ihrer Familienfreundlichkeit kam Vogt 2008 in der „Top-Job-Studie“ unter die besten 100 mittelständischen Arbeitgeber Deutschlands. Und 2008 kürte die Senatswirtschaftsverwaltung Dagmar Vogt zu „Berlins Unternehmerin des Jahres“.

Ich war fest angestellte Ingenieurin, aber nach vier Jahren war Schluss. Ich suchte eine Führungsposition. Dass mein Arbeitgeber meinte, ich sei mit 27 eher im gebärfreudigen als im Karrierealter, hat mich angestachelt. Also schaffte ich mir meine eigene Führungsposition.“

Dagmar Vogt, Chefin des Ingenieur-Unternehmens Vogt-Gruppe

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