Zeitung Heute : Die Frau hinter... Erich Mendelsohn

Er war der erste erfolgreiche Architekt der Moderne, sie seine große Liebe. Und Muse.

Susanne Kippenberger

Er kam, sah – und liebte. Ein Blick in die Augen der 16-Jährigen, und Erich Mendelsohn wusste: Luise war seine Frau. Die Liebe hielt, ein Leben lang, auch ihre leidenschaftliche Affäre mit Ernst Toller, dem Schriftsteller, konnte sie nicht zerstören. „Ohne dich ist die Welt ein Loch, nie auszufüllen“, schrieb der Architekt Jahrzehnte später seiner Ehefrau.

Zufall war es, eigentlich. Ein Freund hatte den 23-Jährigen nach Königsberg gebracht, wo Luise im Salon gerade Cello übte. Sie sahen nicht aus wie füreinander gemacht. Er: Student aus bescheidenen Verhältnissen, dicke Brille, große Nase, klein und untersetzt. Sie: Cellistin von klassischer, spanisch anmutender Schönheit aus vornehmem Hause, dunkle Augen, das schwarze Haar streng gescheitelt, zum Knoten gebunden. Er: ein Zionist, sie: hielt Palästina für ein Märchenland.

Ein ungewöhnlicher Mann, das spürte sie, sofort. Ein hartnäckiger Mann. Er schrieb ihr lange Briefe, in denen er seine komplizierten Gedanken formte, seine revolutionären Ideen entwickelte. Sie war das Du für ihn, wie er sagte, in dem er sein Ich erst fand. Er wollte sie formen, auch das machte ihren Reiz für ihn aus. „Luise war Erichs gelungenste Architektur", sagt ein Freund der Familie, „und sie war glücklich in dieser Rolle.“ Und doch, glaubt ihre heute 52-jährige Enkelin Daria Joseph, „gab sie sich selbst dabei nie auf“. Sie trafen sich, sie liebten sich, fünf Jahre lang. Bis Mendelsohn am Tag ihrer Volljährigkeit endlich um die Hand der Geliebten anhielt. Die Mutter lehnte ab. Erst als Luise schwanger war, war die Heirat erlaubt.

„Alles verdanke ich dir“, schreibt Erich Mendelsohn in einem seiner unzähligen Briefe an Luise, „meine Freude am Leben, meine Bereitschaft zum Schaffen, meine Lache und meine Sicherheit“. Und seine Architektur. Allein ohne ihr Cellospiel ist sie undenkbar. Ihr Einfluss auf Mendelsohns Werk ist gewaltig – und wird nun zum erstenmal öffentlich gewürdigt: in der großen Mendelsohn-Ausstellung, die an diesem Wochenende in der Berliner Akademie der Künste eröffnet wird und in dem begleitenden Buch („Luise und Erich Mendelsohn: Eine Partnerschaft für die Kunst“, herausgegeben von Ita Heinze-Greenberg und Regina Stephan, erschienen bei Hatje Cantz).

Luise war es, die den noch unerfahrenen Architekten, der als Soldat im Ersten Weltkrieg unentwegt Visionen gezeichnet hatte, dem Astrophysiker Erwin Finley-Freundlich vorstellte, der ihn mit dem Bau des Einsteinturms in Potsdam beauftragte – sein erstes, legendäres Werk, ein gigantischer Erfolg, dem viele Aufträge in aller Welt folgten. Mendelsohn avancierte zum ersten erfolgreichen Architekten der Moderne; sein Berliner Atelier war bald das größte Architekturbüro Deutschlands. Und Luise war die erste, die all seine Entwürfe zu sehen bekam. Er brauchte die Sicherheit, die sie ihm gab: „Was bei mir auf komplexer Erkenntnis beruht, wird von dir gefühlsmäßig erkannt.“

Es gab so vieles, was sie verband. Die Schönheit zum Beispiel. Mendelsohns Häuser, ob Kaufhaus oder Kino, Villa oder Hutfabrik, sind von der gleichen schlichten und spektakulären Eleganz wie seine Frau. Oder die zielstrebige Entschlossenheit: Er wusste als Fünfjähriger, dass er Architekt werden wollte, sie hörte mit drei ihr erstes Kammerkonzert, fühlte sich schon als Kind zur Cellistin berufen und wusste als Teenager genau: Sie wollte einen Künstler heiraten. Und als sie ihn traf, behandelte die begabte Musikerin ihn so, wie er sich selber sah: als Genie. Kein einfacher Mann. Ein Freund bastelte Mendelsohn mal ein Porträt mit allen Krankheiten, die ihn plagten: „Autokratie, Hypochondrie, Misstraumachie, Egozentrose…“

Gefrorene Musik

Die leidenschaftliche Liebe zur Musik, das war das Wichtigste, was sie verband. Ohne sie konnte der Architekt nicht denken, nicht zeichnen. Im Konzertsaal tat er das oft, zum leisen Entsetzen seiner Frau, die das Kratzen seines Bleistiftes als peinlich empfand. Zu Hause lief immer Musik auf dem Grammophon, wenn er seine schwungvollen Gebäude entwarf, die „als gefrorene Musik“, als tanzende Häuser Furore machten. Meistens lief Bach. Dem Komponisten fühlte Mendelsohn sich ebenso eng verbunden wie seine Frau. „Bach bedeutete Perfektion, kosmische Perfektion“, schrieb diese einmal. An Erichs Geburtstag, am selben Tag wie Bachs, arrangierte Luise immer ein großes Hauskonzert, das vom Nachmittag bis zum frühen Morgen reichte. „Das Bachanal“ nannte sie das Fest, Freunde, Albert Einstein unter ihnen, spielten dort vom frühen Nachmittag bis zum nächsten Morgen. Und er, „ein Orientale aus Ostpreußen“, wie er sich nannte, schenkte seiner Frau zum Geburtstag immer Blumen, wunderschöne Blumen – und eine Skizze für ein Haus, das er ihr bauen wollte. Es störte sie nicht, dass sie ewig darauf warten musste, dass sie elf Jahre lang in der Pension Westend lebte, die hatte sie schließlich schon als junges Mädchen geliebt. Dort blieb ihr lästige Hausarbeit erspart, sie hatte einen wunderschönen Garten und interessante Nachbarn dazu.

Aber 1930 war es dann doch endlich so weit: Vater, Mutter und Tochter zogen in die Villa Am Rupenhorn. Als Haus zum Wohnen hatte Mendelsohn es konzipiert, eine sinnliche Moderne, keine kalte Wohnmaschine. Drei Jahre lang konnten sie die Villa genießen, brillierte Luise in ihrer Rolle als Architekturführerin und Gastgeberin, die oft Gäste der französischen Botschaft zu Mokka und Petit Fours empfing. Dann kam Hitler an die Macht, die Familie floh nach England, Palästina und schließlich Amerika.

Ihr Talent zum Glücklichsein: Auch das war etwas, das die beiden verband. Sie grämten sich nicht lange über schlechte Erfahrungen, erzählt die Enkelin beim Besuch in Berlin, schauten lieber nach vorn als zurück. Ihre Flexibilität, ihr großer Freundeskreis halfen ihnen, sich überall in der Welt zurechtzufinden. Luise Mendelsohn, die sich nun Louise nannte, so wie aus Erich Eric geworden war, fühlte sich wohl in San Francisco, auch wenn sie dort in einer kleinen Wohnung lebte, in „Little Rupenhorn“, mit Erichs Möbeln aus der Villa in Berlin.

Eine Prinzessin aus Indien

Luise war eine Großmutter wie keine andere, erzählt die Enkelin. „Sie kam aus einer anderen Welt.“ Eine indische Prinzessin, erklärte sie dem kleinen Mädchen, sei sie. Die glaubte ihr sofort. Wie eine Königin, so Daria Joseph, hielt Luise sich. Eine Königin ohne Allüren und Arroganz, ein Mensch mit Humor und Mitgefühl. Wichtigtuerei – das war das Einzige, was sie nicht ertrug, sagt die Enkelin. Snobismus hatte Luise schon in ihrer Familie abgelehnt. Nobel, so sah sie immer aus, auch wenn sie sich einen Fetzen überwarf. „Sie war eine Grande Dame." Das kann man sehen, auch hören in der Ausstellung in Berlin, wo ein Film die alte Dame im Interview zeigt. Mit 60 Jahren musste diese zum ersten Mal in ihrem Leben arbeiten; nach dem Tod ihres Mannes kam es zum finanziellen Engpass, so suchte sie sich einen Job, einen, der ihr gefiel: in der Kunstbibliothek.

1953 war Mendelsohn in San Francisco an Krebs gestorben, aber Luises Leben mit ihm ging weiter, bis zu ihrem Tod 27 Jahre danach. Je älter sie wurde, desto stärker fühlte sie sich ihm verbunden, seinem Erbe verpflichtet. So kämpfte sie für ihre große Idee, ein Architekturmuseum, wie es noch keins gab, mit Architektur aus der ganzen Welt. „In verwässerter Form“, so die Enkelin, wurde es als National Building Museum in Washington realisiert. Luise reiste nach Stuttgart, um den Abriss von Mendelsohns Kaufhaus Schocken zu verhindern – vergeblich. Sie ordnete seine Zeichnungen, vermittelte 1960 die erste Ausstellung in der Berliner Akademie, schenkte der Kunstbibliothek Berlin sein Archiv. Erich Mendelsohn wollte nach dem Holocaust nie wieder nach Deutschland zurück. Aber für Luise verkörperte Berlin seine schöpferischste Zeit. Und für sie waren es die schönsten, die aufregendsten Jahre.

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