Zeitung Heute : Die Frau hinter… Chodorkowski Michail

Ihr Mann war einst der reichste Russe – wenn er nun zu Zwangsarbeit verurteilt wird, will sie mit.

Stefanie Flamm

Seitdem der Prozess gegen ihren Mann begonnen hat, sehen sie sich wieder fast jeden Tag. Nicht, dass sie dann miteinander reden könnten. Michail Chodorkowski hockt, wie sein ehemaliger Mitaktionär Platon Lebedew, in einem Eisenkäfig an der Stirnseite des Verhandlungssaals, während seine Frau Inna auf der Zuschauerbank Platz nehmen muss. Ihr ungeschminktes Gesicht versteckt sie meistens hinter einer schwarzen Sonnenbrille, ihr blondes, am Ansatz merklich dunkleres Haar wirkt manchmal ein bisschen wirr. Eine Oligarchengattin sehe anders aus, befand die „Komsomolskaja Prawda“ vor ein paar Tagen, und das war das größte Kompliment, das man Inna Chodorkowskaja im Moment machen kann. Schließlich muss sich ihr Mann vor Gericht verantworten, weil er einer der mächtigsten russischen Oligarchen war. Steuerhinterziehung, Betrug und Unterschlagung lautet die Anklage. Die Staatsanwaltschaft fordert zehn Jahre Haft.

Nach seiner Verhaftung haben viele befürchtet, dieses Verfahren solle die wilden Privatisierungen der 90er Jahre rückgängig machen. Inzwischen sieht es eher so aus, als wolle die Staatsanwaltschaft mit der Verurteilung des Jukos-Gründers bloß ein Exempel statuieren. Weil Chodorkowski nicht der einzige Oligarch ist, der Anfang der 90er Jahre auf undurchsichtigen Wegen zu unfassbar viel Geld gekommen ist, außer ihm es aber keiner gewagt hat, Putin offen zu kritisieren, sprechen seine Anwälte von einem politisch motivierten Schauprozess und plädieren auf Freispruch. Doch daran glaubt nicht einmal seine Frau. „Ich glaube an Mischas Unschuld“, sagt sie. „Aber sechs bis acht Jahre werden sie ihm geben.“

Die meisten Beobachter sehen das ähnlich. Dass die Richterin der Staatsanwaltschaft in ihrer erst teilweise bekannten Urteilsschrift aufs Wort folgt, wirft ein schlechtes Licht auf die Unabhängigkeit der russischen Justiz. Was dieser Prozess, der wahrscheinlich Anfang der Woche zu Ende geht, für das Leben von Inna Chodorkowskaja und ihre drei Kindern bedeutet, ist noch gar nicht abzusehen. Weil die Familie, anders als in ihren Kreisen üblich, weder Geld noch Immobilien im Ausland besitzen soll, wäre der russische Staat theoretisch in der Lage, ihr gesamtes Privatvermögen zu konfiszieren, um vermeintlich oder tatsächlich bestehende Steuerschulden einzutreiben. Inna Chodorkowskaja jedenfalls scheint auf so etwas gefasst zu sein. „Wenn wir wieder in eine Kommunalwohnung ziehen müssen, ist das auch nicht so schlimm“, sagt sie. „Dort kommen wir her.“

Aus dem Mund einer Frau, die noch immer in ihrer schicken Villa im Moskauer Prominentenvorort Schukowka lebt, klingt das natürlich kokett. Aber was soll sie sagen? Zum einen scheint in der gegenwärtigen Situation wirklich alles möglich zu sein, zum anderen hat Inna Chodorkowskaja begriffen, dass sie die Bevölkerung auf ihre Seite ziehen muss, damit der Prozess in Russland ein Thema bleibt. Seit ein paar Wochen beantwortet sie sogar vor dem Gerichtssaal persönliche Fragen, erzählt Journalisten, dass sie aus einfachen Verhältnissen stammt, dass ihre Mutter selbst zu Sowjetzeiten Mühe hatte, mit ihrem kleinem Gehalt die beiden Töchter durchzubringen. Am liebsten, so sagt Inna Chodorkowskaja heute, wäre sie Chemikerin geworden, aber an ein Studium war nicht zu denken.

Ende der 80er Jahre bewarb sie sich an der Moskauer Universität als Laborantin. Weil die begehrten Ausbildungsplätze aber nur über den kommunistischen Jugendverband Komsomol vergeben wurden, wandte sie sich dorthin – und wurde wie ihre Mutter Buchhalterin. Michail Chodorkowski, damals Vorsitzender des Komsomol, war ihr Chef. Es hat nicht gleich gefunkt. „Ehrlich gesagt, war der mir damals zu dick.“ Aber seine Art zu sprechen, und die Manie, mit der er seine Ziele verfolgte, habe ihr gleich imponiert. Mit 20 wurde Inna schwanger. Es war eine stürmische Epoche. Gorbatschow animierte die Jugend, Handel zu treiben und neue Werte zu schaffen – und Gorbatschows Lieblingsschüler legte durch den Import von gefälschten Markenjeans und Alkoholika den Grundstein für sein Imperium. „Wir hatten nicht einmal Zeit für eine richtige Hochzeit“, sagt Inna. Chodorkowski hatte jedenfalls keine Zeit.

Während er die Menatep-Bank gründete, als deren Direktor er der russischen Wirtschaft nach und nach die Filetstückchen entriss, bekam sie noch ein Zwillingspaar und lebte das Leben der neuen russischen Frau, die es als Privileg betrachtete, nicht arbeiten zu müssen. Für die sozialen Aktivitäten ihres Mannes, seine Stiftung „Offenes Russland“ hat sie sich nie interessiert. Inna galt als schüchtern und menschenscheu. Erst 14 Monate nach der Verhaftung ihres Mannes hat die 35-Jährige dem russischen Nachrichtenmagazin „Profil“ das erste Interview ihres Lebens gegeben. Der Anlass war ein Wettbewerb, in dem die besten Ideen für ein Pro-Chodorkowski-Plakat prämiert wurden. Der einfachste Entwurf gefiel ihr am besten: ein Poster mit der Aufschrift „Chodorkowski go home“. Damit standen in den letzten Wochen Demonstranten vor dem Gericht. Die einen taten es für den Rechtsstaat, die anderen für Inna, die schon angekündigt hat, ihrem Mann auch in ein Zwangsarbeitslager zu folgen.

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