Zeitung Heute : Die Frau hinter… Franz

Heute, an seinem 60. Geburtstag, wird eine Frau besonders stolz sein: Antonie Beckenbauer

Torsten Körner

Der 11. September 1945 war ein freundlicher, spätsommerlicher Tag. Die hochschwangere Antonie Beckenbauer machte sich auf den Weg in die Klinik. Die Straßenbahn fuhr nur zwei Stationen, die meisten Gleise waren noch zerbombt, ein mühsames Fortkommen im zerstörten München. Doch es war ein Glückstag für Antonie Beckenbauer. Ein amerikanischer Militärjeep bremste scharf neben ihr, und der Soldat bot ihr mit einem breiten Grinsen an, sie ins Krankenhaus zu fahren. Wenige Stunden später kam Franz Beckenbauer zur Welt, ein schmächtiger, aber zäher Bub. Der Junge hätte eigentlich ein Mädchen sein und – nach dem Willen des Vaters Franz Beckenbauer – Franziska heißen sollen.

Besucht man Antonie Beckenbauer heute, sie ist 92 Jahre alt, dann fällt auf, dass auf dem Klingelschild immer noch der Name ihres Mannes steht, obwohl er bereits 1977 gestorben ist: F. Beckenbauer. Es ist ein schlichtes Mietshaus, fünf Stockwerke hoch, ein Kasten. Doch Antonie Beckenbauer will hier nicht weg, obwohl ihr der Sohn schon so oft den Umzug nahegelegt hat. Sicher, der „Kaiser“ könnte es sich leisten, aber Antonie Beckenbauer bleibt lieber hier, in Schwabing. Vor jedem Heimspiel des FC Bayern München besucht der Sohn hier die Mutter. Ein Ritual. Er ruft sie auf dem Handy an, sie will wissen, was er essen will. Er will eigentlich nichts essen. Dann aber ist der Tisch voll und er isst doch etwas. Antonie Beckenbauer hat einen festen Willen zum Guten, zum Heilen, zum Schönen. Das Schlimme und Schlechte sollen sich bitte schön woanders niederlassen. Diese Mentalität hat die Mutter ihrem Sohn mitgegeben.

Wenn man mit Franz Beckenbauer über seine Mutter spricht, wird die Stimme des ansonsten wenig rührseligen Mannes weicher, ja zärtlicher. Er sagt: „Mei Muatter“, und darin klingen Intimität, Wärme und Verbundenheit an. Er sagt: „Natürlich war unsere Muatter unsere Bezugsperson!“ Über die Mutter spricht Franz Beckenbauer gerne, sehr viel schwerer fällt es ihm, den Vater zu beschreiben. Kein Wunder, denn Beckenbauer Senior war ein stichelnder Despot, herrisch, unversöhnlich, hart. Die Mutter dagegen war stets die sanfte Dulderin, die alle Streiche des Sohnes verzieh, die alles für ihn tat, auch wenn sie sich ärgerte: „Ich hatte eine Wut auf den Fußball, eine große Wut, was meinen Sie, was ich für Wäsche hatte? Zwei Mal Training und Spiel. Und die Fußballschuhe, mein Gott. Wehe, wenn die nicht geglänzt haben. Herrschaftszeiten!“ Wenn Antonie Beckenbauer erzählt, lacht sie gerne. Sie lacht im Rückblick auch da, wo es weh getan haben muss.

Ihr Vater fiel im Ersten Weltkrieg, der Mann hieß Hupfauf, weshalb der Franz in der Schule manches mal ausgelacht wurde, wenn er den Mädchennamen seiner Mutter nennen musste. Antonie Beckenbauer erlebt den Terror der rechten Freikorps in Giesing, das als rote Hochburg verschrien ist, eine Klassenkameradin wird auf offener Straße erschossen. Sie übersteht den Nationalsozialismus, sie flieht in den Luftschutzkeller, sie wird schwanger in den Bombennächten und sie bringt ihren „Franzi“ heil durch die Nachkriegsjahre. Sie hört ihm zu, wenn er Kummer hat, sie bügelt manche Delle aus. Als Beckenbauer mit 18 Jahren Vater eines unehelichen Kindes wird, ist das im prüden Adenauer-Deutschland eine Katastrophe. Doch Antonie steht zu ihm, kümmert sich um Mutter und Kind. Überhaupt: Die Frauen in Beckenbauers Leben kamen und gingen, seine Mutter blieb. Sie freute sich mit seinen neuen Lebensgefährtinnen, und sie tröstete die, die er verließ. Wenn Franz Beckenbauer wieder einmal auf den Fußballplätzen dieser Welt unterwegs war, kümmerte sie sich um die Kinder. So wurde sie die erste Sorgenanlaufstelle für seine Söhne und mittlerweile erzählt sie den Urenkeln Geschichten über den fast immer abwesenden Großvater Franz Beckenbauer.

Fragt man sich mitunter, woher Beckenbauer diese beinahe unmenschliche Geduld im Umgang mit den Medien besitzt, muss man sich nur mit seiner Mutter unterhalten. Hätte er nicht ihre Fähigkeit geerbt, alles, was stört, wegzulächeln, wäre er vermutlich nicht soweit gekommen. Denn der Vater war ein cholerischer, unduldsamer Mensch, der mit sich selbst im Streit lag. Kaum eine Spur ist davon beim Sohn zu finden. Die Zeiten, in denen er Journalisten am liebsten das Mikrophon ins Wasserglas getaucht hätte, sind lange vorbei. Er ist ein Entspannungskünstler geworden, ein Mann der frohen Erfolgsbotschaft, ein professioneller Idylliker, ein Mann, dessen Gesicht den Zügen der Mutter immer ähnlicher wird. Und so wird sie heute ganz bestimmt in der ersten Reihe sitzen, wenn das Fernsehen den Geburtstag ihres Sohnes mit einer großen Gala feiert. Ihre Augen werden fiebrig glänzen vor Freude und Stolz, und sie wird sich freuen, wenn Günther Jauch und Thomas Gottschalk ihren Sohn in den Fernsehhimmel heben. Und dann wird sie ihn wieder zurückholen aus dieser Scheinwerferwelt – nach Schwabing, in ihre kleine Küche.

Der Autor schrieb die Biographie „Franz Beckenbauer – der freie Mann“, Scherz Verlag, 380 Seiten, 19,90 Euro.

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