Zeitung Heute : Die Frau hinter... Gandhi

Madeline Slade verliebte sich in einen Mann, den sie nicht kannte, und ging zu ihm nach Indien.

Ariane Bemmer

Als sie ihm endlich gegenüberstand, in seiner kleinen Hütte, warf sie sich entweder bäuchlings vor seine Füße in den Staub oder erlitt einen Ohnmachtsanfall. Was genau passierte, das weiß man nicht, aber jedenfalls machte er großen Eindruck auf sie, der kleine Mann mit den dünnen Beinen und dem lückenhaften Gebiss. Er nahm ihr den theatralischen Auftritt nicht übel. „Du sollst meine Tochter sein“, sagte der 23 Jahre Ältere und gab ihr den Namen Mirabehn, und er war für sie fortan Bapu, was Vater heißt. Vater und Tochter. Aber ganz so war ihr Verhältnis dann wohl doch nicht.

Madeline Slade war die jüngere von zwei Töchtern eines britischen Admirals. Im Alter von 33 Jahren zog es sie nach Indien, sie wollte zu Mahatma Gandhi, und sie begleitete ihn über Jahrzehnte – entflammt in Liebe für seine Idee und noch viel mehr für ihn selbst. Damit stürzte sie auch Gandhi, den diätbesessenen Friedenskämpfer, der seit seinem 37. Lebensjahr im Zölibat lebte – da war er allerdings schon vierfacher Vater – und die Überwindung des Körperlichen predigte, in einen Gefühlsstrudel.

Die junge Engländerin kam über Beethoven zu Gandhi. Madeline Slade, geboren 1892, war 15, als sie erstmals dessen Musik hörte, die sie später als „Stimme des Ewigen“ bezeichnete. Kurz darauf brach der Erste Weltkrieg aus, voller Hass und Gewalt, der Madeline von Europa entfremdete, und alles Deutsche in England unmöglich machte. Den Beethoven-Biographen Romain Rolland traf sie in Frankreich, und er war es, der ihr eines Abends von Gandhi erzählte.

„Haben Sie noch nicht von ihm gehört?“ – „Nein“. Rolland berichtete ihr von Mohandas Karamchand Gandhi, geboren 1869, genannt Mahatma, „große Seele“. Von dem Streiter für die indische Unabhängigkeit, der als 13-Jähriger verheiratet wurde mit der gleichaltrigen Kasturba, der in London Jura studierte, im von Apartheid geprägten Südafrika arbeitete und dort das Prinzip des gewaltlosen Widerstands ersann. Der 1920, zurück in Indien, die Führung des Indian National Congress übernahm und zum Motor der Unabhängigkeitsbewegung wurde. Am Ende der Rede sagte Rolland zu Madeline: „Er ist ein neuer Christus.“ Sie kauft das Buch, das Rolland über Gandhi geschrieben hat. Sie schlägt es am nächsten Morgen auf. Zum Mittagessen nimmt sie es mit ins Restaurant, am Abend ist sie durch und weiß: Ich muss zu Mahatma Gandhi, der Indien durch Wahrheit und Gewaltlosigkeit dienen will. „An dem Ruf war nicht zu rütteln, und das war alles, was zählte.“

Sie schrieb an Gandhi, fragte, ob sie kommen dürfe. Ein Jahr, riet er, solle sie sich vorbereiten auf das harte Leben in seinem Ashram im Bundesstaat Gujarat. Sie räumte das Bett aus ihrem Zimmer, aß vegetarisch, lernte, am Spinnrad zu arbeiten. Madelines Eltern zeigten sich einverstanden mit den Plänen ihrer Tochter. Sie kannten Indien, der Vater war dort stationiert gewesen, aber sie haben ein britisches Leben in Indien geführt.

1925 tauschte Madeline Slade ihr Leben aus, da war sie 33 Jahre alt, eine große, knochige Engländerin mit Höckernase. Sie wurde Mirabehn, rasierte ihren Kopf, tauschte ihre Garderobe gegen die formlosen Kutten, sie ertrug ihr Anderssein zwischen all den kleinen Indern, deren wildes Gewusel, obwohl ihr nach Ruhe war, sie lernte die schwierige Sprache und wollte immer nur eines: in Gandhis Nähe sein.

Jeden Abend kam sie in seine Hütte für ein kurzes Gespräch, der Höhepunkt ihres Tages. Gandhi bewunderte ihre Hartnäckigkeit, ihren Willen, ihm zu dienen. Im Ashram herrschten strenge Regeln. Früh aufstehen, hart arbeiten, viel beten, früh zu Bett. Gandhis Ehefrau Kasturba lebte auch im Ashram, sie massierte seine Füße oder machte ihm kühle Kopfwickel. Mit der Zeit übernahm Mirabehn einige dieser Aufgaben, und wollte doch immer mehr, es wurde Gandhi zu viel. Er schickte sie weg, lud sie wieder ein, hilflos rang sie um Gelassenheit. „Möge Gott entfernen, was ich als deine Vernarrtheit bezeichne“, schrieb er ihr. Es gibt mehr als 300 Briefe von Gandhi an Mirabehn, ihre sind nicht erhalten. Immer wieder rief er sie auf, die Körperlichkeit zu vergessen, er sei ihr nah, auch in Abwesenheit. „Du bist in Berührung mit mir und wirst es sein, ob ich lebe oder tot bin.“ Sie sei seiner Ideale wegen gekommen, schrieb er weiter, nicht wegen seiner Person. Aber für Mirabehn war er selbst das Ideal. Ihre Liebe war auch ein Scheitern an den unterschiedlichen Kulturen.

Der indische Gelehrte Sudhir Kakar hat aus Gandhis Briefen einen Roman aus dieser Liebe erdichtet („Die Frau, die Gandhi liebte“, Beck-Verlag, 287 Seiten, 19,90 Euro). In einem Interview dazu sagt er, Inder verstünden ihren Köper als „offen zu einer kosmischen Umwelt hin“. Der Europäer dagegen verstünde seinen Körper als Festung, die gelegentlich Zugbrücken herunterlässt.

Mirabehn kämpfte sich durch die Zurückweisungen, die als solche nicht gemeint waren, durch ihren Kummer, treu, immer an Gandhis Seite – so nah, wie er es ertragen konnte. Erst nach seiner Ermordung 1948 kehrte sie zurück zum Helden ihrer Jugend, zu Beethoven. Sie zog in die Nähe Wiens. Kakar hat sie dort besucht. Mirabehn sagte ihm, sie sei glücklich, dass die durch Beethoven und Gandhi zweimal die Stimme des Ewigen vernommen habe. „Mir war das Glück auf einzigartige Weise hold“, sagt sie. Doch Sudhir Kakar glaubte ihr nicht.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar