Zeitung Heute : Die Frau hinter Graham Greene

Er war ein großer Schriftsteller und Verführer. Nur die Langeweile fürchtete er. Zu seinem 100. Geburtstag lernen wir seine Geliebte kennen.

Susanne Kippenberger

Er sah aus wie sein eigener Held. „Wie ein Erzbischof oder Mörder“, meinte sein Freund Paul Theroux. So, wie seine Romanhelden als Filmfiguren auf der Leinwand erschienen: groß, schlaksig, jungenhaft. Ein scharfzüngiger Melancholiker, geheimnisvoll und verführerisch. Allein die Augen, so blau – magisch, funkelnd, feurig, so beschrieben Zeitgenossen den Blick des vielleicht berühmtesten englischen Schriftstellers des 20. Jahrhunderts, Autor von Klassikern wie „Der dritte Mann“, „Das Herz aller Dinge“, „Unser Mann in Havanna“: Graham Greene, begeisterter Bordellbesucher, untreuer Ehemann, leidenschaftlich Liebender.

Als der Romancier 1991 starb, standen zwei Witwen an seinem Grab. Mit der einen, Vivien, war er seit 1927 verheiratet, mit ihr hatte er zwei Kinder, ihr zuliebe war er zum Katholizismus übergetreten – ansonsten hatte er schon lange nichts weiter mit ihr zu tun. Die andere: Yvonne, „die geheimnisvolle Geliebte, auf die er so stolz war, dass er alle Besucher von der Affäre wissen ließ“, wie der Journalist Willi Winkler schrieb.

„In Search of a Beginning“, so heißt das Buch, in dem Yvonne Cloetta von ihrem Leben mit Graham Greene erzählt und das jetzt, zwei Jahre nach ihrem Tod und rechtzeitig zum 100. Geburtstag des Schriftstellers am 2. Oktober, in England (bei Bloomsbury) erschien. In Kamerun hatten die beiden sich 1959 kennen gelernt – sie 36, er 55 Jahre alt. Dort lebte die Gattin eines Managers mit vielen Dienstboten und Cocktailparties, dort machte der linke Schriftsteller und Geheimdienstmitarbeiter auf einer seiner abenteuerlichen Reisen Station. In einem Lift hat Graham Greene die Französin das erste Mal umarmt. Wann immer sie später Aufzug fuhren, hat er sie wieder in den Arm genommen. Mehr als 30 Jahre lang.

Die schmale Bretonin kehrte mit ihren Töchtern nach Frankreich zurück; der viel beschäftigte Ehemann kam zwei Monate im Jahr zu Besuch. So ließ es sich lieben. 1966 zog Graham Greene dann auch an die Côte d’Azur, um in ihrer Nähe zu sein. Nur nicht zu nah – den Alltag sparten sie sich. Greene lebte in einer Zweizimmerwohnung in Antibes, Yvonne mit den Töchtern in Juan-les-Pins. Sie liebten sich, aßen zu Mittag, fuhren mit dem Auto spazieren, dann reiste er wieder ab, nach Panama und Spanien, Russland und Südafrika. Ständig auf der Flucht, so wie er am Schreibtisch vor sich selber floh: „Weil ich mich nicht leiden kann.“ Das Schreiben war ihm Therapie und Leiden zugleich, Leiden auch für die Freundin: „50 Jahre mit erfundenen Figuren zu leben,“ schrieb der Großneffe von R.L. Stevenson („Die Schatzinsel“) einmal, „ihre Träume zu träumen, ihre Eifersuchten zu übernehmen, ihre Gemeinheiten, ihre unehrlichen Gedanken und Betrügereien macht einen nicht einfach zum Zusammenleben.“ Deswegen liebte er Yvonne so: weil sie so anders als seine Figuren war, so ehrlich und geradeaus. Was er liebte, war ihr Talent zum Glücklichsein.

Wochen, Monate verbrachten sie gemeinsam in seiner Villa auf Capri, wo Greene viele seiner Bücher schrieb. Die letzten widmete er ihr: H.H.K., seinem „healthy happy kitten“. Nach Jahren der manisch-depressiven Höhen und Tiefen, erklärte der ewige Literaturnobelpreiskandidat, habe er das Plateau erreicht.

Yvonne war die Ruhe nach dem Sturm. Der Sturm hieß Catherine Walston, die große, wilde Liebe seines Lebens. Eine Amerikanerin, mit einem der reichsten Engländer verheiratet. 15 Jahre hielt die Affäre mit der mondänen, funkelnden Frau, die ein männlicher Bewunderer als „sexy, hard-drinking, hard-talking“ beschrieb. 15 Jahre „zwischen Ekstase und Folter“, wie Shirley Hazzard, eine Weggefährtin Greenes auf Capri, in ihren Erinnerungen notiert. In seinem autobiographischen Roman „Das Ende einer Affäre“ hat Graham Greene eben diese beschrieben, erbarmungslos wie immer, auch wenn die Affäre 1951 noch lange nicht endgültig zu Ende war. Yvonne dagegen hat den Mann mit dem „Splitter aus Eis im Herzen“ (Greene über Greene) einfach geliebt, ja „vergöttert“, so Shirley Hazzard. „In ihre Liebe zu ihm hatte dieser schwermütige Mann sein ganzes Vertrauen gesetzt.“

Des Schriftstellers Muse war Yvonne Cloetta wohl nicht. Seine Dolmetscherin war sie, seine Assistentin, sein Eckermann. In ihrem kleinen roten Notizbuch notierte sie ihre Gespräche, er schrieb später Kommentare dazu. Sie half ihm, französische Titel für seine Bücher zu finden, die so prägnant waren wie im Original, sie ist seine Traum-Frau gewesen. Nichts fürchtete der Schriftsteller ja mehr als die Langeweile. Aber langweilig war sein Leben nicht mal im Schlaf, da begegnete er Chruschtschow zum Beispiel: im Traum, den er wie alle anderen aufschrieb. Nach seinem Tod gab Yvonne Cloetta eine Auswahl von ihnen als Buch heraus.

Wer er sei? Auf die Frage hatte Graham Greene keine Antwort: „Ich bin mir selber fremd.“ Gern sagte er: „Ich bin meine Bücher.“ Wer sie war? Sein Bernhardiner. So hat sie sich einmal bezeichnet. Nur eins sei ihr nicht gelungen: „Ich habe ihn nie mit sich selbst versöhnen können. Das wäre eine unmögliche Mission gewesen.“

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