Zeitung Heute : Die Frau hinter... James Bond

Sie erbte die erfolgreichste Filmreihe aller Zeiten. Jetzt entscheidet Barbara Broccoli, wer 007 wird.

David Denk

James Bond wäre hingerissen von Barbara Broccoli. Die gebürtige Britin mit den langen dunkelblond gewellten Haaren und dem stilsicheren, weltgewandten Auftreten passt genau ins Beuteschema von 007. Doch sie ist die Chefin des berühmtesten Film-Agenten.

Den Job hat sie von ihrem Vater, dem Filmproduzenten Albert Romolo Broccoli. Als der 1996 starb, übernahm sie „Eon Productions“. „Eon“ steht für „Everything or Nothing“. Und um alles oder nichts ging es auch für Barbara Broccoli. Die erfolgreichste Filmreihe aller Zeiten stand auf dem Spiel. „Whatever you do: Don’t fuck it up!“, hatte ihr Vater sie kurz vor seinem Tod beschworen.

Die Filmrechte an der Romanfigur James Bond hatte Albert R. Broccoli, genannt „Cubby“, dem Autor Ian Fleming abgehandelt. Ein Zufallstreffer – zuvor hatte Broccoli 28 nur mäßig erfolgreiche Unterhaltungs- und Abenteuerfilme produziert. Und Bond, den hielt Broccolis Partner nicht einmal für gut genug, um im Fernsehen gezeigt zu werden. Broccoli suchte sich einen neuen Kompagnon und brachte 1962 mit „Dr. No“ den ersten Bond in die Kinos. Bis zu seinem Tod folgten 16 weitere Filme der Reihe.

Barbara Broccoli ist Bond zum ersten Mal im Alter von fünf Jahren begegnet – bei den Dreharbeiten zu „Man lebt nur zweimal“. Das heißt, der Mann sah zwar aus wie James Bond: schwarzer Smoking, weißes Hemd, Fliege und Scheitel. Aber er hieß in Wirklichkeit Sean Connery. Die kleine Barbara wurde in einer Welt groß, die nur gespielt war. Aber diese irreale Welt wurde schnell zu ihrem zweiten Zuhause. „In den Schulferien habe ich angefangen, am Set zu arbeiten“, erinnert sich Barbara Broccoli an ihre Anfänge.

Siegfried Tesche, Autor mehrerer Bond-Bücher, glaubt, der Geheimagent sei für Barbara Broccoli bisweilen eine Bürde. Tatsächlich steht sie nicht gern im Mittelpunkt, lehnt Interviewanfragen in aller Regel ab. Ihr Stiefbruder und Co-Produzent, Michael G.Wilson, hingegen, tritt schon mal selbst in kleinen Rollen in den Filmen auf. „Die Verantwortung für Bond hat sie nur übernommen“, erklärt Tesche ihre Zurückhaltung, „weil sie das Vermächtnis ihres Vaters bewahren wollte“.

Barbara Broccoli wurde 1961 in London geboren. Im Jahr zuvor hatten ihre Eltern geheiratet. Mutter Dana brachte aus ihrer vorherigen Ehe mit Lou Wilson, dem ersten Batman-Darsteller, ihren Sohn Michael G. in die Ehe ein. Vater Albert hatte einen Sinn für große Gesten. Am 31. Dezember 1983 ließ er Schnee aus Colorado vor seine Haustür in Los Angeles kippen, weil es ja schließlich auch geschneit hatte, als er seine Frau kennen gelernt hatte. In der Familie nannten sie den 1909 auf Long Island geborenen Italoamerikaner, der sein erstes Geld im Gemüsehandel verdient hatte, den Paten.

Barbara Broccoli, die mit dem Filmproduzenten Frederick Zollo („Mississippi Burning“, „Quiz Show“) verheiratet ist, fing nach ihrem Studium der Film- und Fernsehkommunikation in Los Angeles, im Produktions- und Besetzungsbüro von Eon Productions an. Autor Siegfried Tesche erinnert sich an eine Beobachtung während der Dreharbeiten zu „Der Hauch des Todes“ 1986 in Wien. Da habe Barbara Broccoli mit dem glücklosen Timothy Dalton, ausgerechnet die weiblichen Kinogänger mochten ihn nicht als Bond akzeptieren, seine Flüge durchgesprochen. Das klingt nicht nach einem verantwortungsvollen Job. Immerhin, schon als 20-Jährige hat ihr Vater sie mitentscheiden lassen, wenn Rollen zu besetzen waren. Doch als Co-Produzentin debütierte sie erst bei „Goldeneye“, den 1995 noch ihr schon kranker Vater verantwortete.

Seitdem ist sie gefordert, wenn es um den Richtigen für die Rolle des Martini-trinkenden Gentleman-Draufgängers geht. Sean Connery, erster und für viele Fans einzig wahrer Bond-Darsteller, hat über den Job gesagt, Bond sei ein Typ, „der wie ein heißes Messer durch die Butter geht“. Klar, dass nicht jeder Schauspieler den besten Agenten im Geheimdienst Ihrer Majestät spielen kann. Ein Amerikaner hat die Rolle noch nie gekriegt.

Pierce Brosnan ist Ire und der aktuelle, fünfte Bond-Darsteller nach dem Schotten Connery, dem Australier Lazenby, dem Engländer Moore und dem Waliser Dalton. In vier Filmen hat Brosnan bereits die Welt gerettet. Ob er auch im 21. Abenteuer mit dem Arbeitstitel „Der Mann mit der roten Tätowierung“ auftreten wird, hängt davon ab, ob er sich mit Barbara Broccoli einigen kann.

Seit Wochen spielen Brosnan und Broccoli über die Medien Vertragspoker miteinander. Brosnan, 51, will weniger Materialschlacht und mehr Charakter. Dafür wünscht er sich einen Regisseur wie Quentin Tarantino. Vor allem aber wünscht er sich mehr Geld. Schließlich haben alle Filme mit ihm in der Hauptrolle jeweils um die 350 Millionen Dollar weltweit eingespielt. Barbara Broccoli will keinen Tarantino, sondern einen jüngeren Bond. Dabei war doch das Alter noch nie ein Argument, Roger Moore zum Beispiel war bei seinem letzten Einsatz schon 58. Währenddessen kursieren immer wieder neue Namen von möglichen Kandidaten für die begehrte Rolle. Sogar Robbie Williams war im Gespräch.

Doch Barbara Broccoli mag sich an den Spekulationen nicht beteiligen: „Das ist, als ob man auf dem Weg zum Altar gefragt würde, wen man als nächstes heiratet.“ Das Signal an Brosnan ist dennoch eindeutig: Du bist nicht einmalig, sondern austauschbar. Albert R. Broccoli hat das Geheimnis des Erfolgs der Filme mal auf eine einfache Formel gebracht: „James Bond ist der Star.“ Und sonst niemand. Er wäre wohl ziemlich stolz auf seine Tochter.

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