Zeitung Heute : Die Frau hinter... Ronald

Sie vertraute den Sternen und Truman Capote – und war eine der mächtigsten First Ladys in den USA. Wie hat Nancy Reagan das gemacht?

Christoph Amend

Er war der Mann, der in der Wirklichkeit Star Wars spielen wollte, und der zwei Jahre vor dem Fall der Mauer sagte: „Mister Gorbatschow, tear down this wall!“ Er war der Cowboy-Präsident, der im Weißen Haus nach dem „War Room“ fragte, weil er den in Filmen gesehen hatte. Er musste feststellen, dass es den Raum nicht gab – also ließ er einen bauen. Und ausgerechnet er, der konservative Ronald Reagan, am vergangenen Wochenende verstorben, lud 1984 Breakdancer ins Weiße Haus – die Fernsehbilder sorgten mit für den weltweiten Boom der HipHop-Kultur. Welche Rolle aber spielte Nancy Reagan, seine zweite Ehefrau, die First Lady der 80er?

Um ihren Einfluss auf den Präsidenten zu verstehen, müssen wir zurückblenden in die 60er Jahre. Der ehemalige Sportjournalist und Schauspieler Ronald Reagan war Gouverneur von Kalifornien. Seine Frau begann, regelmäßig mächtige Freunde nach Hause einzuladen, darunter die Frau des Gründers der ersten Kreditkartenfirma „Diner’s Club“ und den Besitzer der Zeitschrift „TV Guide“. Nancy führte Regie, und schon bald wurde der Kreis als „The Kitchen Cabinet“ bekannt – Reagans Küchenkabinett. 25 Jahre lang reiste die Gruppe jeden Sommer in die Rocky Mountains, um dort Mrs. Reagans Geburtstag zu feiern.

Nancy Reagan hat ihre Rolle heruntergespielt, auch als ihr Mann 1981 US-Präsident wurde: „Es geht um Rons Platz in der Geschichte, nicht um meinen.“ Richard Burt, stellvertretender Minister unter Reagan, sieht die Sache anders: „Sie war die mächtigste First Lady der letzten 35 oder 40 Jahre.“ Ihre Taktik hat sich seit der Bildung des Küchenkabinetts nicht geändert, wie Ronald Gerste, Biograf aller US-First-Ladys, schreibt: „Sie kontrollierte den Zugang zu ihm. Sie setzte Personalentscheidungen durch, die das Weiße Haus durcheinanderwirbelten.“ Donald Regan verlor so seinen Posten als Stabschef des Weißen Hauses – Nancy und er waren nie gut miteinander ausgekommen. Spätestens in der zweiten Amtszeit Reagans beeinflusste sie zunehmend seine politischen Richtlinien, verschob die Akzente von rechts in die Mitte, setzte sich etwa für die Rechte von Homosexuellen ein und kämpfte mit der Kampagne „Just say no!“ gegen Drogenmissbrauch.

Ronald Reagan war einer der beliebtesten US–Präsidenten – seine Frau war nie populär. Die Schriftstellerin Joan Didion beschrieb ihr Lächeln als „Musterbeispiel für festgefrorene Unaufrichtigkeit“, und über ihre Astrologie-Hörigkeit wurde immer gespottet. So hatte sie bereits den optimalen Zeitpunkt der Vereidigung ihres Manns als kalifornischer Gouverneur von einer Astrologin berechnen lassen: Deshalb wurde Reagan um exakt eine Minute nach Mitternacht vereidigt. Der Umfragen-Tiefpunkt: Am selben Tag, als Reagans Regierung den Schul-Etat kürzte, ließ sich seine Frau Porzellan im Wert von 200 000 Dollar ins Weiße Haus liefern.

Doch gerade in Washington wurde die „Präsidentenflüsterin“ („Bunte“) zur Türöffnerin für ihren Mann, der als Kalifornier zunächst Skepsis an der Ostküste ausgelöst hatte. Eine große Hilfe war ihr Katharine Graham, legendäre Verlegerin der „Washington Post“. Lange machten die Republikanerin Reagan und die Demokratin Graham ein Geheimnis daraus, wie sie sich 1970 kennen gelernt hatten – der Grund war ihnen ein wenig peinlich. Der Schriftsteller und Glamour-Liebling Truman Capote hatte beide einander vorgestellt, nachdem er Nancy Reagan bei Recherchen für sein Buch „Kaltblütig“ mehrmals begegnet war. Mit der Hilfe von Graham wiederholte Nancy Reagan ihr Muster aus Kalifornien, lud regelmäßig einflussreiche Gäste zum Dinner ein. Die meisten von ihnen waren Demokraten – und begannen doch langsam, die Politik Reagans zu unterstützen.

Nancy Reagan wurde am 6. Juli 1923 als Anne Francis Robbins in New York geboren, die Eltern trennten sich früh. Ihre Mutter heiratete 1929 den Arzt Loyal Davis – im Alter von 16 ließ sich die Tochter von ihm adoptieren und nannte sich Nancy Davis. Der Schauspieler Spencer Travis vermittelte ihr in den 40er Jahren erste Rollen in Hollywood, meist spielte sie den Typ „der netten Frau von nebenan“. Als sie Anfang 1950 feststellte, dass es noch eine zweite Schauspielerin ihres Namens gab, die als Kommunistin verdächtigt und auf die berüchtigte McCarthy-Liste gesetzt wurde, wandte sie sich an den Präsidenten der Schauspielervereinigung: Ronald Reagan. Kurz darauf heirateten beide, ihre zwei Kinder wurden in den 50er Jahren geboren. Ronald und Nancy Reagan galten als äußerst engverbundenes Paar, selbst ihre Freunde erzählen, dass für die Kinder da nicht viel Platz war. Sohn und Tochter zerstritten sich mit ihren Eltern, brachen den Kontakt ab – und verstanden sich erst nach der Alzheimer-Erkrankung von Ronald Reagan 1993 wieder besser mit Vater und Mutter.

Nachdem Reagan im Herbst 1994 öffentlich erklärt hatte, er bereite sich „auf den Sonnenuntergang seines Lebens“ vor, zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück. Nancy kümmerte sich um ihn, ging täglich mit ihm spazieren und blieb ihm so nahe, wie es ging. Dem Magazin „Vanity Fair“ hat Nancy Reagan einmal erzählt, dass beide auch nach über 50 Jahren Ehe im selben Bett geschlafen haben.

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