Zeitung Heute : Die Frau hinter... Ronaldo

In Spanien nennen sie den Torjäger „Dickerchen“. Nun sorgt sich eine Ernährungsberaterin um ihn.

Harald Irnberger[Madrid]

Die Frau gilt in Madrid als eine Art Phantom der Küche. Seit die 28-jährige Brasilianerin Patricia Teixeira im Januar von Real Madrid als Ernährungsberaterin für die Mannschaft engagiert wurde, geistert ihr Name durch die Spalten der örtlichen Sport-Gazetten. Dies vor allem im Zusammenhang mit einem weiteren Brasilianer: Ronaldo, dem Torjäger, der in Spanien meist nur noch „Gordito“ genannt wird – Dickerchen. Fünf Kilo habe der Kicker seit dem Eintreffen der Dame abgespeckt, meldete ein Klatschblatt jüngst in fetten Lettern. Worauf ein anderes Blatt direkt von Frau Teixeira erfahren haben will: „Ronaldo hält sich sehr gut an alle Vorschriften.“

Wie diese im Detail für den Kicker aussehen, von dem die gewöhnlich gut unterrichteten Beobachter behaupten, er betrachte das ganze Leben als eine von Fußballspielen unterbrochene Grillparty, wird zum Geheimnis erklärt. Teixeira sagt nur so viel: „Die Spieler sollen nicht auf das verzichten müssen, was sie am liebsten essen. Es gibt keine verbotenen Gerichte, sondern nur eine Erziehung zu bestimmten Essgewohnheiten im Einklang mit dem persönlichen Geschmack jedes Einzelnen.“ Im Übrigen habe sie darauf bestanden, dass die Saucen weniger deftig ausfallen und die Hühner ohne Haut verzehrt werden. Das findet insbesondere David Beckham nicht so toll, der die Haut für das Beste am Huhn hält. Aber auch er versichert, Patricias Rat zu folgen.

Sicher ist jedenfalls, dass die „Galaktischen“ allesamt aus purer Neugierde schon einmal das Büro unter den Tribünen des Bernabeu-Stadions aufgesucht haben, in dem nun ihre Speisezettel verfasst werden. Sie stießen dort auf eine jener jungen Frauen, die ohne Weiteres an einer Miss-Wahl teilnehmen könnten, obwohl – oder weil – man nicht sicher sein kann, sie bei einer nächsten Begegnung auf Anhieb wiederzuerkennen.

Da sind keine markanten Details, die Orientierungshilfe bieten: mittelgroß, natürlich schlank, schulterlanges dunkles Haar, makellose Zähne – und das alles verpackt in der dezent-modischen Garderobe berufstätiger höherer Töchter. Eine solche ist Patricia Teixeira auch. Andernfalls hätte die Brasilianerin kaum in Paris studieren können, und darauf weist ebenso ihr Familienname hin. Der neue Trainer von Real, ihr Landsmann Vanderlei Luxemburgo, hat sie geholt, und Teixeira heißt auch der in Luxemburgos Gefolge in Madrid tätige Konditionstrainer. Ebenfalls Texeira heißt der Präsident des brasilianischen Fußballverbandes, welcher wiederum der Schwiegersohn des Ex-FIFA-Präsidenten Havelange ist. Den beiden Herren eilt der Ruf voraus, auf nicht immer geraden Wegen zu Vermögen gelangt zu sein und zu mafioser Clan-Bildung zu neigen. Vielleicht ist ja darin der Grund zu finden, warum Real Madrid jede Auskunft verweigert, in welchem exakten Verwandtschaftsverhältnis die Teixeiras zueinander stehen.Offiziell wird das aber damit begründet, dass die Tätigkeit der Mitarbeiterin dieses Namens nicht dazu geeignet sei, sie als Person öffentlichen Interesses zu betrachten. Weshalb sie auch nicht für Interviews zur Verfügung stehe.

Aufmerksamkeit erregt Patricia Teixeira in der spanischen Fußballöffentlichkeit trotzdem. Denn für Ernährungsfragen waren und sind sonst die Vereinsärzte, die Konditionstrainer oder der Cheftrainer selbst zuständig. Wie etwa Fabio Capello, als der in der Saison 1996/97 Real Madrid trainierte und von den Spielern bald auch für die verordneten eintönigen Mahlzeiten gefürchtet war. Bei Kasernierungen bekamen sie nahezu ausnahmslos Kaninchenfleisch zwischen die Zähne. Beim Erzfeind FC Barcelona wiederum tat sich Louis van Gaal mit der Anordnung hervor, jeder Fußballer müsse regelmäßig Obst verzehren.

Ansonsten aber wurde diesem Kapitel in Spanien nie besondere Beachtung geschenkt. Paul Breitner wunderte sich noch Jahre nach seinem Engagement bei Real Madrid, wie kräftig die Kicker selbst kurz vor Spielen bei den Mahlzeiten speisten. Seinen damaligen Mannschaftskollegen blieb der Deutsche nicht zuletzt wegen seiner exotischen Vorliebe für Gemüse in Erinnerung. In der Regel galt das Prinzip, an dem sich Real Madrids letzter Erfolgstrainer Vicente del Bosque orientierte: Er habe dafür zu sorgen, dass die in der jeweiligen Situation richtigen elf Spieler auf der richtigen Position platziert werden – und ansonsten den Fußball den Fußballern zu überlassen. Die wüssten schließlich selbst am besten, was ihnen gut tut.

Nachdem aber dieser Coach von Präsident Florentino Perez entlassen wurde, wird in Madrid der Tross der Leute immer größer, die sich im Umfeld der Fußballer in Szene setzen. Durch solches Gehabe zeichnet sich insbesondere der gegenwärtige Trainer aus – und so lange sein Misserfolg nicht evident ist, widerspricht ihm dabei niemand. Folglich konnte Luxemburgo den gesamten Clan mit nach Spanien bringen, mit dem er sich schon zuvor in Brasilien umgeben hatte. Bis hin zur Ernährungsberaterin, die bereits bei Cruzeiro und Santos in seinem Team tätig war. Was gewiss nicht zuletzt mit ihrem familiären Hintergrund zu tun hat.

So richtig beeindruckt von diesem Übungsleiter und der Kompetenz seiner Crew scheinen in Madrid die meisten Spieler nicht zu sein. Auf die Frage, was ihnen die Speisezetteldichterin zu sagen habe, antworten die Spieler meist: „Nichts, was nicht ohnedies jeder weiß.“ Da vermag nicht einmal Ronaldos derzeit schlanke Linie zu überzeugen: „Bei dem hat das nichts mit seinem Gewicht zu tun, ob er trifft oder nicht.“

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