Zeitung Heute : Die Frau hinter... Theo van Gogh

Sie hat ein umstrittenes Drehbuch geschrieben. Nun fürchtet Ayaan Hirsi Ali um ihr Leben.

Stefanie Flamm

Eine junge Frau mit stolzem herausforderndem Blick, in den Ohren zwei silberne Ringe, um die Mundwinkel herum ein spöttischer Zug. Ayaan Hirsi Alis Bild hängt als Eyecatcher in der Mitte der Rotunde im Berliner Museum für Kommunikation. Die Drehbuchautorin des umstrittenen Kurzfilms „Submission“ von Theo van Gogh ist die einzige Schwarze in der Ausstellung „Frauen mit Visionen“ von Bettina Flitner. „Sie ist für mich eine ganz zentrale Figur. Selten habe ich jemanden getroffen, der seine Sache so kompromisslos vertritt“, sagt die Fotografin, die Ayaan Hirsi Ali im April 2003 in Den Haag fotografierte. Damals war die 35-Jährige als Direktkandidatin für die rechtsliberale Partei (VVD) ins niederländische Parlament eingezogen. Jetzt, nach dem Mord an van Gogh, ist sie untergetaucht. An dessen Leiche hatte die Polizei eine Nachricht des Attentäters gefunden, dass die „Ex-Muslimin“ Ayaan Hirsi Ali auch auf seiner Liste stehe.

Die Drohung stand schon länger im Raum. Anders als van Gogh, hatte seine Drehbuchautorin sie ernst genommen. „Ich bin der Dorftrottel“, soll er gesagt haben. Ihm tue keiner was. Ali, die Konvertitin, war für viele eine Provokation. Sie verteidigte die Rechte der muslimischen Frauen gegen ihre Männer, und sie forderte Intoleranz der niederländischen Mehrheit gegenüber den intoleranten Praktiken der Minderheit. Durch die doppelte Stoßrichtung ihrer Kampagnen stellte die Politikerin sich in der Debatte um die niederländische Toleranzpolitik, die das Land seit dem Mord an dem Rechtspopulisten Pim Fortuyn seit zwei Jahren bewegt, bewusst zwischen alle Fronten.

Die Sozialdemokraten, deren Mitglied sie einmal war, gingen auf Distanz, auch liberale Muslime reagierten betroffen. Ali helfe den Radikalen, ihre Hochburgen zu zementieren, lautete der Vorwurf. Die bürgerlichen Parteien hingegen machten sich die Forderungen dieser schönen jungen Muslimin zu eigen. Denn die schwarze Frau konnte sagen, was aus dem Mund eines weißen Mannes rassistisch geklungen hätte: Toleranz sei Feigheit, Multikultur Desinteresse an der Unterdrückung der muslimischen Frau. Seit zwei Jahren wird die gebürtige Somalierin rund um die Uhr von sechs Bodyguards bewacht. Auch am Meer, wo Bettina Flitner Ayaan Hirsi Ali in einem traditionellen afrikanischen Gewand fotografierte, durften ihre Beschützer nicht mit auf das Bild. Die Aufnahme, die ebenfalls im Museum für Kommunikation zu sehen ist, zeigt Ayaan Hirsi Ali in rotem Schal vor blauem Himmel. Im Vordergrund weht verdorrtes Reet. Als Flitner ihr einen Abzug schickte, soll sie gesagt haben, das sehe fast aus wie zu Hause, in Somalia. Doch das Bild trügt. Nicht nur, weil es die akute Bedrohung nicht abbildet.

Ayaan Hirsi Ali war sechs Jahre alt, als ihre Familie Somalia aus politischen Gründen verließ und über Saudi Arabien in Kenia landete, wo sie ohne Betäubung beschnitten wurde. Sie erinnert sich an die Schmerzen, und sie hat auch nicht vergessen, wie ein Koranlehrer sie so heftig mit dem Kopf gegen die Wand schleuderte. Doch gewehrt gegen eine Tradition, in der eine Frau nichts gilt, hat sie sich erst, als sie verheiratet werden sollte. Das Flugzeug, das sie nach Kanada zu ihrem Bräutigam bringen sollte, machte einen Zwischenstopp in Deutschland. „Ich nahm den nächsten Zug nach Amsterdam.“ Zwei Jahre später erhielt sie die niederländische Staatsangehörigkeit, einen Studienplatz für Politologie und ein Stipendium der sozialdemokratischen Wiardi-Bekmann-Stiftung. „Holland war das Paradies.“ Tolerant, integrativ und sozial.

Erst als Sozialarbeiterin kam sie in Kontakt zu Frauen, die die Segnungen des niederländischen Systems nicht nutzen konnten, weil ihre Männer sie daran hinderten. Sie erfuhr von Misshandlungen, Vergewaltigungen und Ehrenmorden, die mit dem Koran legitimiert wurden. In einem Interview nannte sie Mohammed einen „perversen Tyrannen“. Das, fanden auch ihre Anhänger, hätte nicht sein müssen. Das war der Ton, den die Rechtspopulisten anschlugen. Es war auch der Ton, den Theo van Gogh liebte. In seinen Kolumnen nannte er die muslimischen Einwanderer „Geitenneukers“, Ziegenficker.

Er kannte Ayaan Hirsi Ali, seitdem er einen Dokumentarfilm über sie gedreht hatte. In Vorgesprächen entstand die Idee zu „Submission“. Van Gogh wollte Alis Worte künstlerisch umsetzen, gemeinsam wollten sie polarisieren. Nach dem Mord an Fortuyn hat der Verleih den Film aus dem Verkehr gezogen. Man solle, heißt es, den Kampf der Kulturen nicht weiter anheizen. Im Internet ist er dennoch zugänglich: eine pornografisch inszenierte Tirade einer jungen Muslimin, die im durchsichtigen Tschador ihren Gott schmäht. Auf ihren Körper sind Koranverse tätowiert, aus dem Off erschallt eine Peitsche. „Oh, Allah, du sagst, Männer sind die Beschützer der Frauen, weil du ihnen mehr Kraft gegeben hast.“ Sie spricht über die Schläge ihres Mannes, über die Vergewaltigung durch den Schwager, über die Strafe wegen Ehebruchs. Am Ende liegt sie blutüberströmt und dem männlichen Blick schutzlos ausgeliefert auf dem Boden. Die Kamera zoomt auf ihren versehrten Körper. Was als Provokation gedacht gewesen sein mag, geriet zur unverhohlenen Demütigung der Frauen, in deren Namen Ayaan Hirsi Ali zu kämpfen glaubt.

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