Zeitung Heute : Die Frau ist die Härte

Diese Chefin steckt ihre Angestellten in Uniformen. Auch auf Privatgespräche legt sie keinen Wert. Was steckt hinter den Prinzipien von Judith Mair?

Kerstin Kohlenberg

Vielleicht lag es an den Toiletten. Warum sonst sollte gerade ihre Firma nicht laufen? Damals vor zwei Jahren, als Agenturen wie Atompilze wuchsen. So sehr, dass nur noch die umgebauten Toiletten in dem Gründerzentrum frei waren, in die sie dann einzogen. Der einzige Besuch, der es in dieser Zeit zu ihnen schaffte, hatte sich verirrt. Er dachte, es ginge hinter den Klos noch weiter. Aber hinter den Klos geht es nie weiter. Da ist Ende. Also sind Judith Mair und ihre drei Kolleginnen ausgezogen. Und plötzlich läuft es. Und wie.

Sie sei Deutschlands härteste Chefin, hat eine Zeitung geschrieben. Sie gestatte ihren Mitarbeitern nur Privatgespräche von fünf Minuten, Duzen sei verboten, wer mit dem Kickboard kommt, könne direkt wieder gehen. Und dann die Sache mit den Uniformen. Judith Mair lässt ihre Angestellten Uniformen tragen. Hauteng, damit man sich am Schreibtisch nicht so rumfläzt. Ein Buch hat sie zu alledem auch geschrieben. „Schluss mit lustig“ heißt es und rechnet mit der gemütlichen Atmosphäre der New Economy ab. Aber das Allerschlimmste: Mair ist gerade 30 geworden. Erwürgt da eine ihre eigene Generation?

70er Jahre Lufthansa-Chic

Es ist zehn Uhr, und durch die Glastür der Brüsseler Straße fünf in Köln sieht man erst mal nichts Besonderes. Dunkle Furniermöbel – second-hand – vor weißen Wänden, kein Firlefanz. So, wie man es gerade häufig in der Werbung sieht. Drei Menschen stehen in der Mitte des kleinen Ladenbüros, Judith Mair, Tanja Godlewsky und ein junger Mann, auf dessen Brust „Ansprechpartner“ steht. Die beiden Frauen tragen Uniform, tatsächlich. Knappe blaue Kostüme, mit hohem Schlitz im Rock. Lufthansa-Chic der 70er Jahre. Je schmaler, desto sexyer. Mair trägt Größe 34. Die Morgensitzung bei „Mair u.a.“ hat Punkt neun Uhr begonnen, es geht um Designs und Werbeideen für neue Kunden. Punkt zehn ist Schluss. Jetzt braucht Judith Mair erst einmal eine Zigarette. Geraucht wird vor der Tür.

Ihre Augen sind noch müde, sie kommt gerade aus Hamburg, Kunden treffen, und dann ist sie in der letzten Zeit auch viel ausgegangen. Sie tritt von einem Bein aufs andere, zieht an der Zigarette und drückt dabei die Arme dicht an den Körper. Ist ja auch verdammt kalt. Ja, ja, sie habe viel Kritik für das Buch bekommen, aber Herrgott, das passiere halt, da rege sie sich nicht auf. Damit musste sie ja irgendwie auch rechnen. Hinter ihr im Schaufenster stehen drei Exemplare von „Meine kleine Agentur“. Eine Schachtel mit den wichtigsten Utensilien einer Agentur. Eine klobige Designerbrille, vorbedruckte Post-it-Notes mit Aufdrucken wie Donnerstag: After Work Party, Dienstag: Deadline, und eine CD mit den workflow-stimulierenden Bürogeräuschen einer Espressomaschine, Brainstorming-Gemurmels und eines Kickertisches. 60 Euro kostet dieser Tritt vor’s Schienbein.

Wie war das nochmal – New Economy, das hieß vor allem flache Hierarchien, wenn es spät wurde auch mal mit ’nem Bier in der Hand. Eine Art basisdemokratisches Unternehmens-Modell. Dass die New Economy eben so flach und basisdemokratisch auf dem Bauch gelandet ist, das ist bekannt, auch, dass daran am wenigsten die Unternehmenskultur, sondern viel mehr das schnelle Wachstum der jungen Unternehmen und eine einbrechende Weltwirtschaft schuld war. Warum also jetzt dieses New Economy-Getrampel? Denn schön war sie doch, die Vorstellung, dass Arbeit sich wie Freizeit anfühlt. „So ein Quatsch“, sagt Judith Mair, dreht ihrer Zigarette den Hals um, und geht wieder ins Büro. „Das ganze war gut getarnte Ausbeutung, das haben wir ja selbst erlebt“, sagt sie und pellt sich aus ihrer winzigen Kostümjacke. Am Kragen ist ein weißes Schildchen eingenäht. Judith steht darauf.

Mair und ihre drei Kolleginnen haben sich an der Uni kennen gelernt. Sie haben als Freie in verschiedenen Werbe- und Internetagenturen gearbeitet und wollten irgendwann nur noch raus da. Das Drumherum sei immer das Anstrengendste gewesen. „Die haben sich doch zum Teil benommen wie in einer Sekte. Man konnte ja noch nicht mal gehen, wenn man mit der Arbeit fertig war, weil es einfach nicht lässig war, früh zu gehen. Und wenn man mittags nicht mit zum Essen gegangen ist, dann galt man schon als Sonderling.“ Mair und ihre Freundinnen wollten einfach eine ganz normale Arbeit, klare Arbeitszeiten, planbare Freizeit, ohne obligatorischen Familienanschluss. Wieder auf den Boden kommen, nennt Mair das, und rührt ihren Kaffee mit einem Lufthansa-Löffel um.

Sie gründete eine Kommunikationsagentur mit ihren besten Freundinnen. Natürlich sollte alles anders werden und endete doch im gleichen Chaos. Sie begannen erst mittags zu arbeiten, nach einem ausgedehnten Frühstück, und haben dann jedes Wochenende im Büro gehockt. Es fehlte, sagt Mair, ganz einfach die Organisation, und so kamen sie auf die Idee mit den Regeln. Dienstzeit: von Montag bis Freitag. Uhrzeit: von neun bis sechs. Spaß: Wer denkt, gute Arbeit ist nur die Arbeit, die Spaß macht, ist hier falsch. Befindlichkeiten: Wir sind keine Freunde, sondern Kollegen oder Vorgesetzte. Aus diesem Grund sind private Gespräche hinten anzustellen. Runder Tisch: Jeden Montagmorgen finden sich alle Mitarbeiter und Vorgesetzte zu einer Besprechung ein, in der „von oben“ vorgegeben wird, wer was wann und wie diese Woche erledigt. Informelles Geplänkel und ausufernde Diskussionen stehen nicht auf dem Programm. Es wurde eine Liste verbotener Wörter festgelegt, moodchart, work flow, deadlines und brainstormings gab es ab sofort nicht mehr. Judith Mair und den anderen war der Geduldsfaden gerissen.

Judith Mair faltet ihre Hände vor dem Gesicht, kippt die Arme zur Seite und legt ihren Kopf darauf. Sie guckt ihrem Gesprächspartner von unten in die Augen, hört sich mit einem Nicken die Fragen an, und man ist nicht ganz sicher, ob sie ihr Gegenüber hypnotisieren will, oder ob ihr die Frage schon viel zu lange dauert. „Natürlich wird bei uns auch mal länger gearbeitet, wenn ein Termin näher rückt. Aber es soll eben nicht die Regel sein.“ Denkt sie an Familie und Kinder? Nein, nein, sie will ihren Italienischkurs nicht allzu häufig verpassen.

Judith Mair kommt aus Münster, der Vater ist Professor, die Mutter Lehrerin. Als sie nach Köln kam, hat sie sich am Anfang auf ihrer monatlichen Abrechung gewundert, dass sie für die GEW 40 Mark im Monat zahlen sollte. GEW, das hieß zu Hause „Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft“. In Köln sind es die Energieversorger. Bei der letzten Wahl hat sie rot-grün gewählt. Und trotzdem schüttelt es sie, wenn sie an die Räucherstäbchen und esoterischen Teestunden der 68er denkt. Genauso, als dächte sie an die Kaffeepausen der New Economy. Denn was beide Bewegungen verbindet, ist der Versuch, aus Privatem und Öffentlichem eins zu machen. Wo die 68er alles Private öffentlich machen wollten, um überkommene Tabus zu brechen, da hat die Generation New Economy versucht, das Öffentliche wieder ins Private übergehen zu lassen. Die Arbeit sollte sich von der Freizeit nicht unterscheiden. Die cleverste Form, einen Menschen freiwillig zu 24 Stunden Arbeit am Tag zu überreden, findet Mair.

Für ihr Buch hat sie den Soziologen Richard Sennett über die Tyrannei der Intimität gelesen, Ulrich Beck, Jeremy Rifkin und André Gorz, und hat sich daraus einen Arbeitsbegriff zusammengebastelt, der sich eher nach Bedrohung als nach Selbstverwirklichung anhört. Er klingt fast ein bisschen aus der Zeit gefallen.

Die Tür des Ladenbüros geht auf und eine junge Frau schaut rein. „Stör ich?“ „Ja.“ Die Tür geht wieder zu. Die junge Frau geht mit ihrer Tasche vor dem breiten Stück Stoff vorbei, das im Schaufenster hängt, und auf das ein farbloses Foto mit einer Holzgarage und einem Vorgarten gedruckt ist. Sieht so die Freizeit der neuen Arbeitswelt aus? Ein Häuschen im Grünen, und nach fünf die Sintflut? Ein bisschen mehr Gewöhnlichkeit, nichts anderes will Judith Mair. Aber hat das nicht auch immer etwas mit Mittelmäßigkeit zu tun? Und war das nicht das, vor dem wir alle immer am meisten Angst hatten? „Als e-bay einen neuen Geschäftsführer eingestellt hat“, sagt sie, „da bat er die Angestellten, ein Organigramm des Unternehmens zu malen. Dabei kam raus, dass es endlose Überschneidungen in der Zuständigkeit gab, aber auch, dass sich fast jeder Mitarbeiter zu hoch eingestuft hat“, sagt Mair. Und dann sagt sie Sätze, die so auch gut auf einem PDS-Parteitag gefallen sein könnten. „Arbeit wurde zu einem Mythos. Es wurden Versprechungen und Illusionen verteilt, die doch alle nicht eingelöst wurden. Keiner will zugeben, dass er vielleicht nicht der Allerbeste ist, also wird es jedem eingeredet.“ Ob man glücklicher ist, wenn einem die Wahrheit ins Gesicht starrt? Momentan kann Mair das noch nicht überprüfen. Die Agentur hat erst sieben Mitarbeiter.

Tätowierung und Wolle

Sie schiebt die kurzen Arme ihres grauen Wolloberteils hoch und legt eine bunte Tätowierung am Oberarm frei. In den letzten Wochen, sagt Judith Mair, sei sie gar nicht mehr aus ihrem Kostüm rausgekommen. Dabei war die Uniform ursprünglich nur Teil einer Inszenierung. Gegen die „Pseudoindividualisierung des New Economy-Lebensstils.“ Die Kostüme sollten ironisch sein, das hat zu einiger Verwirrung geführt. Auf der Popkom hatten sie einen Messestand für die Musikzeitschrift „Spex“ entworfen, aber sie kamen nicht rein. In ihren Kostümen wollte man sie zuerst nur durch den Hostessen-Eingang reinlassen. Später hat sie dann einer gefragt, ob sie eine neue Band seien, ein anderer wollte wissen, wo es zu den Toiletten geht. Da wären wir also wieder am Anfang angelangt.

Damit das nicht mehr passiert, und weil ihnen oft vorgeworfen wurde, dass sie mit ihren Ideen und den Kostümen doch tief in die 50er Jahre wegtauchen, werden Mair und die anderen in Zukunft bei der Arbeit Trainingsanzüge tragen. Arbeit: Training, Präsentation: Kostüm. Die Anzüge werden extra geschneidert und auf dem Rücken wird „Mair u.a.“ stehen.

Vor der Tür steht wieder die junge Frau von eben. Ja, jetzt passt es.

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