Zeitung Heute : Die Frau, von der man spricht

Thema Nr. 1 in Paris: das neue Gesicht von Isabelle

Hans-Hagen Bremer[Paris]

„Merci.“ Sie konnte noch nicht wieder sprechen. Aber als ihr die Ärzte nach der Operation, in der sie ihr die Nase, den Mund und das Kinn einer anderen Frau transplantiert hatten, einen Spiegel reichten, ließ sie sich Bleistift und Papier geben. „Danke“, schrieb sie darauf.

Und nun kann sie wieder sprechen. Gestern war in „Le Parisien“ ihr erstes Interview zu lesen, das die Zeitung am Vortag telefonisch mit ihr geführt hatte. „Es geht mir sehr gut“, sagt sie darin. Sie sei glücklich, aber sie bitte auch darum, dass die Medien sie in Ruhe lassen mögen. „Ich fühle mich gehetzt.“

Elf Tage nach der spektakulären Operation, einer Pioniertat der Chirurgie, bei der erstmals ein Mensch Teile eines fremden Gesichts erhielt, erreicht der Medienrummel um die „Frau mit dem neuen Gesicht“ in Paris seinen Höhepunkt. Der Tenor: Die Nation ist stolz, dass ein Franzose die Tat vollbrachte. Die Illustrierte „Paris Match“ bringt in ihrer neuesten Nummer eine achtseitige Fotoreportage über die Frau mit dem neuen Gesicht. Auch das US-Magazin „Newsweek“ zieht in seiner nächsten Ausgabe nach. Wie viel die beiden Blätter für die Exklusivrechte an der Geschichte gezahlt haben, ist unbekannt. Vorher waren Reporter britischer Zeitungen im Wohnort der Frau auf die Jagd gegangen, hatten Angehörige ihrer Familie belagert und sich frühere Bilder von Isabelle beschafft. Der „Daily Telegraph“ hatte die Nase vorn, mit einem Foto vom operierten Gesicht auf der Titelseite. Der Wunsch nach Anonymität war somit dahin. Isabelle D. heißt sie, ist 38 Jahre alt und soll, wie unter Berufung auf ihre 17-jährige Tochter berichtet wird, zum Zeitpunkt ihres Unglücks depressiv gewesen sein.

Das stimmt nicht, wehrt Professor Jean-Michel Dubernard ab. Er ist der weltbekannte Transplantationschirurg aus Lyon, der 1998 als erster Arzt einem Patienten eine Hand verpflanzte und 2000 diesen Erfolg an einem anderen Patienten mit der Transplantation beider Hände noch überbot. Er beriet das Ärzteteam, das in der Universitätsklinik im nordfranzösischen Amiens Isabelle D. operierte, und leitet nun in einem Lyoner Krankenhaus ihre Immunbehandlung. An einem depressiven Patienten wäre eine solche Operation nie vorgenommen worden, sagt er. Schon allein wegen der Medikamente, die Isabelle D. ein Leben lang wird einnehmen müssen. Diese sind schon mit einer stabilen Psyche schwer zu verkraften.

Im Juni hatte ein Hund Isabelle D. angefallen und ihr die Mundpartie weggerissen. Für die klassische Medizin war da nichts mehr zu machen. Um Mitmenschen nicht zu erschrecken, trug sie eine Maske. Bis sie von ihren Ärzten zu Dubernard geschickt wurde. Am Ende eines langen Gesprächs, in dem er ihr die Möglichkeiten und Risiken einer Transplantation darlegte, hatte er sie gebeten, ihre Maske abzunehmen. „Als ich ihr Gesicht sah, habe ich keinen Moment mehr gezweifelt, dass man es wagen muss“, sagt er. Doch erst mussten noch ärztliche Aufsichtsgremien ihr Urteil abgeben. Der Nationale Ethikrat, der sich 2004 grundsätzlich dagegen ausgesprochen hatte, Gesichter zu verpflanzen, wurde nicht gefragt. „Die Möglichkeit von Teiltransplantationen hatte er ja nicht verboten“, rechtfertigt sich Dubernard.

Am 27. November hatte man endlich eine etwa gleich alte Organspenderin gefunden. 15 Stunden dauerte die Operation, aus der Isabelle D. mit neuem Gesicht aufwachte. Der Heilprozess verläuft laut Dubernard befriedigend. Die Fäden sind gezogen. Heute wird die Patientin Injektionen mit Zellen aus dem Rückenmark der Spenderin bekommen. Doch ob ihr Körper das fremde Gesicht, das schon jetzt bekannter ist als ihr eigenes, nicht doch wieder abstößt, weiß niemand.

Auf eine Million Euro werden die Kosten der Operation geschätzt. Es heißt, die Sozialversicherung übernehme sie. Vielleicht verdient Isabelle D. ja auch an dem Interesse der Medien. Im Operationssaal wurde ein Dokumentarfilm für wissenschaftliche Zwecke gedreht. An den Rechten soll auch ihr ein Teil zustehen.

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