Zeitung Heute : Die Frauen aus der Granatenfabrik

„Ich dachte, ich sterbe auf jeden Fall.“ Für die Nazis mussten sie schuften, Flick verdiente mit. Ehemalige Zwangsarbeiter erzählen

Meike Kirsch

Dieses Gelb. Überall war es hineingekrochen. In die Ohren, unter die Fingernägel, in jede Pore der Haut. Es ließ sich nicht wegwaschen aus dem Gesicht, nicht abschrubben von den Füßen. Und dazu die Haare: Nur zwei, drei Zentimeter lang waren sie – und lila. Ein lächerliches Lila in all dem Grau und Dreck, und sicherlich hätten die Frauen gelacht, wenn sie nicht gewusst hätten, woher die Farben kommen.

„Trinitrotoluol“, sagt Eva Pusztai. Das Wort geht ihr leicht von den Lippen. Sie könnte auch TNT sagen, hochexplosiver Sprengstoff und reines Gift, denn nichts anderes meint sie. Für sie aber bedarf Trinitrotoluol keiner Erklärung. Sie hat es bitter auf der Zunge geschmeckt, sie hat es eingeatmet und gemerkt, wie ihre Lunge sticht. Zwölf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Ohne Schutzkleidung, ohne Lappen vor der Nase, nicht einmal Handschuhe hatte sie.

Eva Pusztai – graue, kinnlange Haare, wache Augen – hat etwas Wimperntusche aufgetragen, aber auch ohne sähe man ihr die 79 Jahre nicht an. Sie ist von Budapest nach Berlin gekommen, sitzt mit Aniko Friedberg, Lilli Virag und Elisabeth Szemes im Restaurant eines Hotels in der Friedrichstraße. Die vier wurden wegen der Debatte über die Flick-Sammlung pünktlich zur Eröffnung der Ausstellung vom Fritz-Bauer-Institut für Holocaustforschung eingeladen. Nach allem, was aus zweiter Hand bisher zu lesen war, sollen die ehemaligen Zwangsarbeiterinnen endlich erzählen: Wie hat es sich angefühlt, einen Teil der Kaufsumme für die Kunstwerke von Baselitz, Richter und Polke zu erarbeiten, die nun in Berlin zu sehen sind?

Die Geschichte beginnt Ende Juni 1944 in einem stinkenden Viehwagon, in dem ungarische Juden aus der Gegend um Debrecen tagelang eingesperrt sind. Endlich hält der Zug, die Türen gehen auf: Auschwitz. Die 18-jährige Eva überblickt die Situation sofort: niemals! Ihre schönen, dicken Haare wird sie sich nicht abschneiden lassen. Sie sind blond und wunderbar lang, Eva kann die herrlichsten Schleifen hineinbinden. Und wenn sie ein Rad schlägt oder vor Freude in die Luft springt, dann fliegen die Haare wie Funken. Eva schließt die Augen, als sie die Rasiermaschine auf ihrer Kopfhaut spürt und – nichts. Kein Aufbäumen, nur stilles Entsetzen neben dem Berg mit den Haaren. „In einer Zwangslage hast du keine Wahl, du musst. Das habe ich da zum ersten Mal begriffen“, sagt Eva Pusztai und springt gleich wieder 60 Jahre zurück.

Ihre Familie wird getrennt: KZ-Arzt Mengele schickt Mutter und Schwester nach links, Eva nach rechts. Links bedeutet sofort Gas, Mutter und Schwester sieht sie nie wieder. Sechs Lagerwochen später selektiert Mengele erneut. Er sucht 1000 Ungarinnen, die noch Kraft haben zum Arbeiten. Nackt stehen die Frauen vor ihm. Eva gehört noch zu den Stärkeren, ihre Schulfreundin Aniko wird auch ausgewählt. Was Mengele nicht sieht: Eva stützt die von Typhus Geschwächte. Auch auf Lilli zeigt der Arzt. Exakt Nummer 1000 ist Elisabeth. Sie hält eine Freundin an der Hand. Mengele zieht die beiden Mädchen auseinander. Nummer 1000 schickt er in den Waggon Richtung Arbeitslager, Nummer 1001 ins Gas.

Die Fahrt endet im Buchenwald-Außenlager Münchmühle, drei Kilometer von Allendorf entfernt, dem heutigen Stadtallendorf bei Marburg. Es ist, so scheint es, eine Ankunft im Himmel. Zählappelle gibt es nicht mehr, dafür Wasser, Kartoffeln, entrahmte Milch und endlich wieder das wunderbare Gefühl der Sättigung. Jeder bekommt eine eigene Decke. Mit zwei Fingern befühlt Eva Pusztai die beige Tischdecke im Restaurant des Berliner Hotels. „Nicht einmal so dick war unsere Decke.“ Aber es war eine Decke, ein Stück wiedergewonnener Menschlichkeit.

In Berlin steht jetzt das Mittagessen auf dem Tisch. Insgesamt elf Tage sind die Frauen in Deutschland. Im Berliner Otto-Suhr-Institut waren sie schon am Montag Gäste einer Podiumsdiskussion. Dann sind sie in Stadtallendorf zu einem offiziellen Abendessen der Stadt geladen. Außerdem besuchen sie das Werksgelände, sprechen mit Schulklassen. Das Interesse tut gut. Sie wollen so viel wie möglich über ihre Zeit als Zwangsarbeiterinnen reden, Eva Pusztai hat sogar ein Buch darüber geschrieben. Schade findet sie nur, dass das Programm ihnen keine Zeit für die Flick-Sammlung lässt. Sie liebt Kunst, Aniko Friedberg ist selbst Künstlerin. Und obwohl sie die Arbeit für Flick fast umgebracht hat, können sie so weit vergeben, dass sie sich die Ausstellung beim nächsten Deutschlandbesuch unbedingt ansehen wollen.

1944 sitzt Friedrich Flick, der Großvater des Kunstsammlers, im Aufsichtsrat der „Fabrik zur Verwertung chemischer Erzeugnisse“, 1957 kauft er die Mehrheit der Aktien. In Allendorf haben die Nazis einen der größten Rüstungsstandorte Europas hochgezogen. Schon knapp zwei Wochen nach ihrer Ankunft ist dort für die Frauen der Himmel vorbei, die Zählappelle beginnen wieder, statt Kartoffeln gibt es nur noch Schalen. Die Frauen sind erholt, befindet die Lagerleitung, jetzt sollen sie arbeiten.

Sie sind für unterschiedliche Kommandos bestimmt. Lilli, klein und zierlich, muss zum Aschekommando. Das bedeutet Asche schaufeln und schwere Loren schieben. Die Asche hat sich in Lillis Lunge festgesetzt, die 85-Jährige hustet noch heute oft. Die anderen drei arbeiten im Werk, Granaten produzieren. Vor jeder Schicht müssen sie die drei Kilometer vom Lager zur Fabrik laufen, die sich wie 300 Kilometer anfühlen. Schuhe haben sie nicht, mit Holzpantinen stapfen sie durch Laub, dann durch Schnee.

Elisabeth steht fast am Anfang der Produktionskette. Sie füllt Granatenhülsen mit 80 Grad heißem, flüssigem Trinitrotoluol. Um Luftblasen zu zerstechen, stochert sie mit einem Aluminiumstab in der zähen Masse – sonst explodieren die Granaten später nicht richtig. Beim Stochern spritzt das Gift, fühlt sich an wie Nadelstiche auf der Haut. Eine Dreiviertelstunde rührt Elisabeth über den giftigen Dämpfen, dann erst ist der Sprengstoff abgekühlt. Die Erinnerung an den bitteren Geschmack im Mund, die gelbe Farbe an Gesicht und Händen wird sie nicht mehr los, das Gift hat den Magen der 77-Jährigen extrem empfindlich gemacht.

Eva und Aniko stehen am Ende des Fließbandes, aber auch dort sind sie den Dämpfen ausgesetzt. Sie sind wegen ihrer Größe zu Ablegerinnen geworden, müssen die fertigen bis zu 50 Kilo schweren Granaten in die Transportbehälter wuchten. Aniko Friedberg war damals 16 Jahre, wog nicht mehr als 40 Kilo. Heute ist sie 76, arbeitet als Bildhauerin in New York. Ihr rechter Arm ist stark vom Meißeln, sonst aber wirkt sie zerbrechlich. Sie nimmt eine Wasserflasche vom Hoteltisch, demonstriert, wie sie die Granaten angehoben hat: „Auf die Spitze drücken, dann unter das Ende greifen. Und bloß nicht aus der Hand rutschen lassen!“ Aniko Friedberg ist das einmal passiert. Die Granate ist auf den linken Fuß gefallen, hat die Zehen zertrümmert. Noch heute zieht sie den Fuß beim Laufen nach. „Ich dachte, ich sterbe auf jeden Fall“, sagt sie und stellt die Flasche wieder hin. „Bei jeder Granate hatte ich das Gefühl, das ist die letzte, die ich gerade noch heben kann – und dann rollte schon die nächste an.“

In Aniko Friedbergs Erinnerungen sind die Monate in Allendorf in dunkle Farben getaucht. Ihr Overall damals? Schwarz. Ihre Arbeitszeit? Immer in der Nacht. Die Fabrik? Unter der Erde. Das stimmt so nicht, zeigt aber, wie weit die Arbeit damals über ihre körperlichen Grenzen geht. Schwerstarbeit und zu Essen nichts als Kartoffelschalen und Futterrüben. Für die Frauen hat der Hunger drei Phasen: Erst reden sie über Lieblingsspeisen. Kannst du dich noch an Eier erinnern? In der nächsten Phase ist an Essbares denken pure Qual. Sie kramen nach Gedichten, singen Lieder – sprechen aber bald unweigerlich wieder über Grießsuppe mit Fleischeinlage. Die dritte Phase ist die leichteste. Die Welt fängt an, sich zurückzuziehen. Beinahe zu verschwinden.

An einem Morgen will Eva nicht mehr aufstehen. Es ist ihr egal, dass nicht zum Appell antreten quasi Selbstmord ist. Aniko zwingt Eva in die Kälte. Beide Frauen haben noch heute trotz des Ozeans, der seit Jahren zwischen ihnen liegt, eine besondere Verbindung. Ständig suchen sie Körperkontakt, erzählen mit verteilten Rollen: „Aniko, du hast mir im Lager ein Miniaturklavier aus Wachs gemacht, weil ich doch Pianistin werden wollte.“ „Und du hast die ,Kleine Nachtmusik’ gepfiffen, weißt du noch?“ „Natürlich, die Aufseherin kam ja sofort.“ „... und war erstaunt, dass eine Kreatur der Hölle Mozart kennt.“ Sie lachen über ihren kleinen Triumph von damals, im Lager sind sie sich eine Art Geschwisterersatz geworden – Anikos 16 Monate alter Bruder starb wie Evas elfjährige Schwester in der Gaskammer.

Irgendwann bleiben die Säcke mit dem Gift aus, auch Granatenhülsen gibt es kaum noch. Gerüchte kreisen. „Die Amerikaner sind da.“ Und: „Bald sind wir frei.“ Und tatsächlich: Am 27.März 1945 beginnt für die Frauen statt der Schicht ein Marsch in die Nacht. Eva beobachtet, dass die Deutschen ihre SS-Abzeichen abreißen, sich im Wald absetzen. Auch die Ungarinnen verstecken sich. Eva verliert die anderen aus den Augen, sitzt vier Tage in einer Weidehütte. Dann kommen die Amerikaner. Von ihnen erhält Eva eine Registrierkarte. Ständige Adresse: KZ Auschwitz. Beruf: Ex-Häftling.

Eva geht zurück ins ungarische Debrecen, ihr im Lager aufgebautes Luftschloss von einem intakten Zuhause bricht jäh zusammen: Im Elternhaus wohnen Fremde, auch der Vater ist tot, fast 50 Verwandte sind nicht aus den Lagern gekommen. Eva zieht zu Onkel und Tante, die ihr noch geblieben sind, kann monatelang das Bett nicht verlassen, so sehr hat das Gewicht der Granaten ihre Wirbelsäule geschädigt. Später heiratet sie, bereist als Exportmanagerin für die ungarische Stahlindustrie die Welt. Deutsch will sie lange Zeit nicht sprechen.

Erst 1990 kehrt sie zum ersten Mal nach Stadtallendorf zurück, ist seither regelmäßig dort. Im selben Jahr bekommt sie 2000 Mark Entschädigung, seit fünf Jahren noch eine kleine Rente – allerdings nicht von den Flicks. Friedrich Flick verweigerte bis zu seinem Tod die Unterschrift unter einem fertig ausgehandelten Entschädigungsvertrag über fünf Millionen Mark. Auch seine Enkel zahlen nicht, verkaufen 1985 die Dynamit Nobel AG samt Allendorfer Werk an die Deutsche Bank. Erst die überweist an die Jewish Claims Conference. Friedrich Christian Flick glaubt, seine zehn Millionen Mark sinnvoller für eine Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz einzusetzen. Mit den Kunstwerken will er jetzt der dunklen Seite der Familiengeschichte eine helle hinzufügen.

Eva Pusztai ist sich nicht ganz sicher, ob das funktioniert. Aber es bleibt beim Zweifel. Wer von ihr erwartet, sie werde die Unmoral der Ausstellung anprangern, wird enttäuscht. Sie ist alt, sie hat ihren Frieden gefunden. Hass? Damit will sie nicht schlafen. Der Begriff Erbschuld, den manche für den Flick-Enkel strapazieren, ist ihr fremd. „Die Nasenform kann man erben, Schuld aber nicht“, sagt sie.

Der Enkel soll seine Sammlung ruhig zeigen. So hat wenigstens die Öffentlichkeit etwas von dem Vermögen, wenn schon nicht die ehemaligen Zwangsarbeiter. Einen Wunsch hätte sie aber noch an den Herrn Flick. Mit ein paar hundert Euro nur soll er doch bitte eine Marmortafel am Eingang seiner Ausstellung anbringen: „Für diese herrlichen Kunstwerke haben unter unmenschlichen Bedingungen Eva, Aniko, Lilli und Elisabeth aus Ungarn Sklavenarbeit geleistet.“ Das wäre eine kleine Genugtuung nach der großen, die Fabrik tatsächlich überlebt zu haben.

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