Zeitung Heute : Die Frauen hinter... dem Hasen Felix

Wie sieht man die Welt mit zehn? Zwei Frauen haben sich erinnert und schufen einen Bestseller.

Okka Rohd

Nein, Felix ist natürlich kein Osterhase. Darauf legen seine Erfinderinnen großen Wert. Im Gegensatz zu seinen schokoladigen Kollegen sei Felix, der Hase mit den riesigen Löffeln, ganzjährig im Einsatz. Und sein Terminkalender sei so randvoll, dass ein Osterhase vor lauter Stress vermutlich schon lange ein graues Fell bekommen hätte. Seit er 1994 in „Briefe von Felix“ zum ersten Mal ausbüchste, um seiner Besitzerin und allerbesten Freundin Sophie in Briefen von seinen Reisen zu berichten, ist der Hase mit der karierten Schleife um den Hals fast ununterbrochen unterwegs: von London bis New York, vom Nordpol bis nach Asien, vom Mond bis auf den Grund des Ozeans. Dem Jetset-Hasen schenken Kinder in aller Welt ihr Herz, und den von weiten Reisen träumenden Erwachsenen scheint er auch zu gefallen: in 22 Ländern sind die Bücher von Felix erschienen, mehr als fünf Millionen Exemplare wurden weltweit verkauft, über eine Million Zuschauer haben bereits „Felix – Ein Hase auf Weltreise“ im Kino gesehen.

„Wenn man selber noch seiner eigenen Kindheit nahe ist, weiß man, was Kinder gut finden und wo Berührungspunkte sind“, versucht Autorin Annette Langen das Geheimnis dieses Erfolges zu erklären. Drei Monate recherchiert Langen im Schnitt für ein neues Buch und neue Reiseziele. Sie nutzt ihre internationalen Kontakte, zum Beispiel zu Unicef, spricht mit den Kulturattachés verschiedener Botschaften und greift auf eigene Reiseerinnerungen zurück: „Als ich das erste Felix-Buch schrieb, habe ich mich ganz bewusst daran erinnert, wie ich als Zehnjährige auf der Akropolis stand. Die unzähligen Katzen, die da herumliefen und die ich streicheln konnte, haben mich am meisten interessiert. Dieser Zugang hat die Bücher geprägt: Dass Kinder die Welt mit allen Sinnen erfahren.“ An ihr erstes Kuscheltier erinnert sich Annette Langen auch ganz genau, das war ein weicher Steiff-Hase namens Lausi. „Er war immer mit dabei und so wichtig, wie ein Kuscheltier nur sein kann.“

Geboren wird Annette Langen 1967 als Tochter zweier Buchhändler. Ihre Kindheit verbringt sie zwischen Büchern: Die Mutter liest ihr vor, die Oma erzählt Geschichten aus ihrer Jugend, oft sind Autoren zu Besuch. Wie auch an dem Abend, als Langen beschließt, Schriftstellerin zu werden. Der Autor Werner Schrader kommt mit seiner Familie zum Abendessen vorbei. Ein Aha-Erlebnis für die damals Siebenjährige: „Vorher dachte ich, Schriftsteller leben im Olymp. Dass der ganz normal aß und trank wie wir, hat mich so beeindruckt, dass ich auch Schriftstellerin werden wollte.“ Nach dem Abitur und einer Ausbildung zur Sortimentsbuchhändlerin, arbeitet Annette Langen als Verlagslektorin beim Münsteraner Coppenrath Verlag und veröffentlicht dort 1989 ihr erstes eigenes Buch. Der Erfolg der Felix-Reihe ermöglicht es ihr mittlerweile, hauptberuflich als Kinderbuchautorin von zu Hause aus zu arbeiten.

Auch Illustratorin Constanza Droop, Jahrgang 1965 und wie Langen Mutter zweier Kinder, zeichnet bereits als Kind gerne Grundrisse vom Zeichentisch des Vaters, eines Architekten, ab. Ihre Mutter ist Industriedesignerin, der Onkel Grafiker, der ihr nach dem Abitur ein Praktikum in einer Werbeagentur besorgt. Da ist für die Illustratorin schon lange klar, dass auch sie Grafikdesign studieren wird. Bei ihrem ersten Bilderbuch für den Coppenrath-Verlag, „Schlaf gut, kleiner Bär“, lernt sie Annette Langen kennen, die das Buch lektoriert. Als es an die Umsetzung der Felix-Reihe geht, schlägt Annette Langen sie als Grafikerin vor. Über den Erfolg von Felix will Constanza Droop nicht zu viel nachdenken, aber sie freut sich schon darüber. Sehr zurückhaltend und in Sätzen wie: „Wenn ich meine Tochter in den Kindergarten bringe, und da sind zehn von zehn Kindergartentäschchen Felixtaschen, denke ich schon: huch.“ Vielleicht ist es diese Bodenständigkeit, die den Zauber von Felix ausmacht. Felix ist bei aller Reiselust ein Hase, auf den man sich verlassen kann. Einer, der da ist, wenn Kinder Rat brauchen und dem sie vertrauen. Wie Silja, die Felix in einem Brief fragt, wie sie es hinkriegen kann, nicht mehr so traurig zu sein über den Tod ihrer Omi. Oder Fabi, der wissen will, wie er dem Mädchen mit den schönen, langen Haaren aus seiner Klasse sagen soll, dass er sich in sie verliebt hat.

Die Post in Münster weiß inzwischen, dass sich hinter der Martinistraße 19 aus dem Buch keine wahre Adresse verbirgt und leitet die Briefe an den Verlag weiter. Sogar die, die nur an „Felix in Münster“ adressiert sind. Bis zu 50 Mails und Briefe kommen an einem Tag zusammen. Annette Langen schafft es immerhin, einige von ihnen selbst zu beantworten. Als Autorin der Felix-Saga schreibt sie allerdings nicht im Namen des Hasen zurück – vormachen möchte sie den Kindern nichts. Eher deren Blick schärfen für die Welt. „Wenn ich mit Felix etwas zu mehr Weltoffenheit anregen kann, habe ich viel erreicht“, sagt Langen und zitiert zum Schluss einen Satz aus „Weihnachtsbriefe von Felix“, der ihr besonders wichtig ist. Auf die Frage, ob der Weihnachtsmann echt ist oder nur eine Erfindung der Erwachsenen, antwortet Sophies Mutter: „Es passieren nur die Wunder, an die man glaubt.“ Egal, ob man die dann Weihnachtsmann, Osterhase oder Felix nennt.

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