Die Frauengruppe Femen : Nackte Machtfragen

Die Frauengruppe Femen protestiert, indem sie nackte Haut zeigt. Das hat eine lange Tradition.

Brust raus: Femen-Protest in Kiew
Brust raus: Femen-Protest in KiewFoto: Andrew Kravchenko/dpa

Seltsam irgendwie, dass weibliche Nacktheit noch immer Skandal macht. Die Frauengruppe Femen jedenfalls kann sich für ihre Aktionen immer aller Kameras sicher sein. So in dieser Woche in Hannover, als sie Russlands Präsident Putin beim Messe-Rundgang mit der Kanzlerin ihr „Hau ab“ auf Brüsten und Rücken entgegenstreckten. Die Ukrainerinnen, die sich selbst als „Sextremistinnen“ sehen, werden jetzt auch im Westen aktiv; vor kurzem haben sie Ableger in Paris und Berlin gegründet. Es scheint, als sei – politische – Nacktheit wieder da angekommen, wo sie vor mehr als 40 Jahren in der Studenten- und Frauenbewegung ihren Anfang nahm.

Weiblicher Körperprotest ist aber viel älter als nur ein paar Jahrzehnte und er ist auch nie ganz verschwunden. Vor zwei Jahren unternahmen Frauen in aller Welt mit tiefen Dekolletés und Highheels unter superkurzen Röcken „Schlampenmärsche“, um klarzumachen: Egal wie wir uns kleiden, wir sind kein Freiwild. Von Körperpolitik handelt auch die Geschichte von Lady Godiva, die nach einer englischen Legende aus dem 13. Jahrhundert nackt auf einem Pferd durch die Stadt ritt, um – erfolgreich – gegen die Steuerlast zu protestieren, die ihr Mann den Bürgern auferlegt hatte. Und der griechische Dichter Aristophanes ließ vier Jahrhunderte vor Christi Geburt in seiner Komödie „Lysistrata“ die Frauen Spartas und Athens in einen pazifistischen Streik treten: Sie verweigern ihre Körper und zwingen die Männer so, den Krieg zu beenden.

Protest mit dem eigenen Körper, nicht nur dem unbekleideten, ist Politik unter Bedingungen, in denen Männer die Macht haben und Frauen die Verfügung über ihren Körper entzogen ist – was ebenso durch seine Verhüllung geschehen kann wie dadurch, dass er zur Schau gestellt wird. Wenn Frauen ihn bewusst und aggressiv entblößen, brechen sie mit der patriarchalischen Ordnung.  „Man sieht uns nicht im Bordell, nicht nach null Uhr im Fernsehen, nicht in einem Magazin und nicht auf dem Strich“, sagte Alexandra Schewtschenko von der Berliner Femen-Gruppe der „taz“. „Man sieht uns zur Primetime und wir reden über gesellschaftliche und politische Probleme.“ Das animierte Lächeln, das Russlands Präsident auf den Fotos angesichts der Femen-Frauen zeigte, schien die Szene wieder ins Macker-Muster retten zu wollen. Doch Femen-Frauen lächeln nicht zurück, sie schreien – keine Chance für Voyeurismus.

Ein heikles Zeichen ist Nacktheit à la Femen dennoch. Feministinnen werfen den jungen attraktiven Aktivistinnen vor, das herrschende Schönheitsideal zu akzeptieren, die Musliminnen unter ihnen sehen Femens Aktionen vor Moscheen als Bevormundungsversuch. Klar ist die Botschaft nackter Brüste wohl nur darin: Sie spricht Machtfragen an, egal ob junge Unbekannte sie zeigen oder Monarchinnen. Viel Dekolleté zeigte Russlands Zarin Katharina auf repräsentativen Porträts und eine deutsche Kanzlerin einst beim Opernbesuch. Im 17. Jahrhundert sollen zwei englische Königinnen sogar völlig barbusig bei Hofe erschienen sein. Zwei politisch höchst aktive sogar.

Wenn’s nicht wahr ist, wäre es jedenfalls sehr gut erfunden.

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