Zeitung Heute : „Die freien Völker sind gewarnt“

Wie wollen Sie Iran stoppen, Herr Rumsfeld? Der US-Verteidigungsminister über die neue Lage im Nahen Osten

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Bundeskanzlerin Angela Merkel blickt nicht mehr ganz so überschwänglich nach Paris und Moskau wie ihr Vorgänger. Sind die transatlantischen Beziehungen dadurch leichter geworden, Herr Rumsfeld?

Ich will hier keine Vergleiche anstellen. Die neue Kanzlerin hat gerade einen sehr erfolgreichen Besuch in den USA abgeschlossen. Wir freuen uns darauf, mit ihr zusammenzuarbeiten.

Im März wird der UN-Sicherheitsrat über den Atomstreit mit Iran beraten. Was passiert, wenn die Regierung in Teheran bis dahin keine Konzessionen macht?

Wir verfolgen einen diplomatischen Kurs: Der US-Präsident arbeitet sehr eng mit den EU-3-Staaten zusammen. Aber die Welt ist besorgt über die Entwicklung im Mittleren Osten. Die neuesten Äußerungen des iranischen Präsidenten haben die Lage zusätzlich angeheizt. Jede Regierung, die behauptet, dass Israel kein Existenzrecht habe, macht ein Statement über ihr mögliches Verhalten in der Zukunft.

Würden Sie die rote Linie definieren, wo diplomatische Instrumente nicht mehr greifen?

Nein.

Aber Sie würden nicht ausschließen, dass nur eine Option übrig bleibt, wenn alle diplomatischen Mittel ausgeschöpft sind?

Ich stehe hinter der Position des Präsidenten.

Das heißt: Alle Optionen – einschließlich der militärischen – sind auf dem Tisch.

So ist es.

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hat kürzlich betont, dass ein Terror-Anschlag mit „schmutzigen Atombomben“ nur noch eine Frage der Zeit sei. Sehen Sie das genauso?

Heute sind biologische, chemische und radiologische Waffen verfügbar, die Zehntausende von Menschen töten können. Die freien Völker müssen das zur Kenntnis nehmen, sie sind gewarnt. Die Möglichkeit, dass diese Waffen in die Hände von Leuten fallen, die unschuldige Menschen köpfen und Kinder in die Luft sprengen, ist real. Kein Land kann das auf sich allein gestellt verhindern. Wir brauchen vielmehr die Zusammenarbeit aller freien Nationen.

Welche Rolle spielt Iran in diesem Zusammenhang?

Wir wissen, dass es Nationalstaaten gibt, die Terroristen aktiv unterstützen. Und wir wissen, dass sich Terroristen händeringend um die immer tödlicheren Waffen bemühen. Das ist eine Realität des 21. Jahrhunderts. Der Iran ist der Hauptförderer von Terrororganisationen wie Hisbollah und Hamas.

Sie stellen am heutigen Montag die strategische Vier-Jahres-Studie des Pentagons vor. Auf welche künftigen Bedrohungen und auf welche Art von Terror-Attacken bereitet sich das Pentagon vor?

Angesichts der Fähigkeiten von Amerikas Armee, Marine und Luftwaffe ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass die USA in der nahen Zukunft angegriffen werden. Diese militärischen Kapazitäten schrecken ab. Das bedeutet aber, dass wir mit asymmetrischem und unkonventionellem Druck rechnen müssen. Da die Bedrohungen durch Terror nicht von Nationalstaaten kommen, sondern von Netzwerken mit Einzelpersonen, ist die Quelle der Gefahr unbekannt. Der Terrorist hat die Fähigkeit, zu jeder Zeit, an jedem Ort, und mit jeder beliebigen Technik zuzuschlagen. Es ist unmöglich, hier ein lückenloses Verteidigungskonzept aufzustellen. Das Einzige, was uns übrig bleibt, ist, eine große Koalition von Ländern zusammenzutrommeln: Diese muss versuchen, die Weitergabe von gefährlichen Technologien zu unterbinden und die Terroristen weltweit in die Defensive zu drängen.

Was kann diese Anti-Terror-Koalition konkret tun?

Die einzelnen Länder sollten Geheimdienst-Erkenntnisse austauschen und die Zusammenarbeit von Polizei-Einheiten fördern. Wir müssen den Terroristen das Leben so schwer wie möglich machen: Das betrifft ihre Mittel, Geld zu sammeln, Leute zu rekrutieren, sich zu bewegen, zu kommunizieren, auszubilden und zu planen.

Welche Anstrengungen werden die US- Streitkräfte unternehmen, um die Weitergabe von Massenvernichtungswaffen an Terroristen zu verhindern?

Wir brauchen einen äußerst breiten Ansatz, um mit diesem Problem fertig zu werden. Ein alter Leitspruch des amerikanischen Militärs lautet „Find, Fix and Finish“ – also den Feind identifizieren, aufspüren und gefangen nehmen oder töten. Das war sehr leicht, als wir es mit der Sowjetunion zu tun hatten: Deren Armee, Marine und Luftwaffe konnten wir ohne Probleme orten. Heutzutage sind wir zwar in der Lage, sehr schnell tödliche Waffen auf unterschiedliche Weise und an vielen Orten auf ein Ziel zu richten. Die Schwierigkeit besteht aber darin, den Feind zu identifizieren und zu lokalisieren. Hier müssen wir besser werden. Deshalb ist es äußerst wichtig, dass Geheimdienst-Erkenntnisse unmittelbar an operative Militärkräfte weitergeleitet werden. Das kann jedoch nicht in Washington erledigt werden, sondern muss sich ohne Verzögerung am Einsatzort abspielen.

Soll die Nato zu einem weltumspannenden Bündnis werden, das bis nach Japan oder Australien reicht?

Die Herausforderungen sind heute global – etwa bei Drogenhandel, Terrorismus, Geiselnahmen oder der Weitergabe von Massenvernichtungswaffen. Die Nato muss dieses erweiterte Problemfeld im Blick haben. Die Allianz hat sich ja zu dem großen Schritt entschlossen, Aktionen auf Territorien zu unternehmen, die außerhalb des Nato-Vertrages liegen: zum Beispiel in Afghanistan, wo alle 26 Mitgliedsstaaten mehr oder weniger mitmachen. Wäre es deshalb für das Bündnis angebracht, über engere Beziehungen zu Staaten wie Australien nachzudenken, mit denen wir schon zusammenarbeiten? Möglicherweise würde das Sinn machen.

Wie leistungsfähig sind die irakischen Streitkräfte heute?

Sie haben überragende Fortschritte gemacht, wobei es in der Armee besser läuft als bei der Polizei. Mittlerweile gibt es insgesamt rund 227 000 irakische Sicherheitskräfte, die trainiert und ausgestattet werden. Wir haben in den vergangenen sechs Monaten 29 Militärbasen entweder geschlossen oder an die Iraker übergeben. Außerdem wurde ein Gebiet von der Größe des US-Bundesstaates Kentucky an die irakische Regierung übertragen.

Wie viele Iraker können unabhängig von den Koalitionstruppen gegen die Aufständischen vorgehen?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Im vergangenen Dezember kämpften irakische Sicherheitskräfte in 2100 Einsätzen. Bei der Hälfte davon operierten sie an der Seite von Koalitionseinheiten. Immerhin 25 Prozent führten sie in eigener Regie. Im August 2004 gab es eine Hand voll irakischer Armee-Bataillone, heute existieren etwa 100 davon.

Wenn die Iraker so erfolgreich sind: Können Sie uns dann einen groben Zeitplan für den Rückzug der Amerikaner geben?

Das hängt von verschiedenen Umständen ab. Eine Bedingung ist die Geschwindigkeit, mit der die Iraker Verantwortung übernehmen können. Weiter kommt es auf das Verhalten Irans und Syriens an. Außerdem ist entscheidend, in- wieweit die Nachbarstaaten des Iraks die einheimische sunnitische Gemeinde ermuntern, den Aufstand zu beenden und am politischen Prozess teilzunehmen. Schließlich spielt auch eine Rolle, wie viel Respekt die Iraker vor ihrer Regierung haben.

Wie lange wird der Kampf gegen den Terror dauern? Hat er die Dimension des Kalten Krieges?

Der weltweite Feldzug gegen den Terror unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von jedem anderen Krieg. Eines ist jedoch sicher: Er wird nicht wie der Erste oder Zweite Weltkrieg mit einer Kapitulationszeremonie beendet werden. Wird er so lange dauern wie der Kalte Krieg? Ich weiß es nicht. Aber die Kampagne dürfte sich über einen langen Zeitraum hinziehen. Die Aufgabe reicht weit über den rein militärischen Aspekt hinaus. Es kommt entscheidend darauf an, wie sehr wir die gemäßigten Moslems in der Welt stärken. Sie müssen aus dem Konflikt siegreich hervorgehen.

Das Gespräch führten Michael Backfisch und Andreas Rinke (Handelsblatt).

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