Zeitung Heute : Die Freiheit zur Größe

New York will seine Wunde schließen: Daniel Libeskind soll seine „Gärten der Welt“ verwirklichen. Auf Ground Zero, als Antwort auf den Terror. Ob aber Manhattan so viel neue Bürofläche braucht? Und ob die Stadtkassen das Projekt hergeben? Diese Fragen hat New York noch nicht beantwortet.

Matthias B. Krause[New York]

Von Matthias B. Krause,

New York

Ground Zero ist ein unwirtlicher, kalter Ort an diesen Tagen, ein großes Loch im Herzen der Stadt, eingezäunt von einem hohen Metallgitter und nachts beleuchtet wie ein Hochsicherheitstrakt. Die Fundamente der Zwillingstürme, die hier bis zum 11. September 2001 in den Himmel ragten, reichen 22 Meter tief in den Untergrund. Mächtige Mauern aus massivem Beton, die die drückenden Wasser des Hudson abhalten müssen. Als Architekt Daniel Libeskind die Stätte besuchte, an der bei den Terroranschlägen 2 971 Menschen starben, sah er in den standfesten Fundamenten eine materialisierte Form der Grundsäulen von Demokratie und Freiheit. Auf der zentralen Idee, die Fundamente der so genannten Fußabdrücke der Türme in ihrem ursprünglichen Zustand zu belassen und sie als Gedenkstätte für den Terroranschlag zu nutzen, basiert sein Vorschlag für die Wiederbebauung des Geländes, für den er am Donnerstag den Zuschlag bekam.

Bis zum Schluss war es ein Kopf-an- Kopf-Rennen, weil die von Bürgermeister Michael Bloomberg und Gouverneur George Pataki eingesetzte Findungskommission den Entwurf der New Yorker Architektengruppe Think favorisierte. Die beiden Politiker jedoch hatten sich schon für den Libeskind- Entwurf ausgesprochen und setzten sich schließlich in der entscheidenden Sitzung Mittwochnacht durch. Der Chef der Findungsgruppe, John Whitehead, habe dann Libeskind umgehend telefonisch über die Entscheidung informiert, berichtet die „New York Times“. Der Chef des Think-Teams, Rafael Vinoly, bekam die Absage. Ihm sei nicht viel über die Gründe der Entscheidung mitgeteilt worden, sagte Vinoly: „Aber das passiert in unserem Beruf immer wieder. Man muss einfach weitermachen und seine Arbeit tun.“

Statt der beiden von Think vorgeschlagenen Stahl-Türme soll nun nach dem Libeskind-Entwurf in zehn Jahren ein 1776 Fuß (541 Meter) hoher Wolkenkratzer die Skyline ergänzen. Er würde dann die gefallenen Zwillingstürme des World Trade Centers um 130 Meter überragen. Nach ersten Schätzungen soll das Projekt etwa 306 Millionen Euro kosten. Wo das Geld dafür herkommen kann, ist unklar. Die Wirtschaft schwächelt, New York steht kurz vor der Pleite. Mit massiven Kürzungen und kreativer Haushaltspolitik versucht Bloomberg, eine Fünf-Milliarden-Dollar-Lücke im Etat zu schließen.

Mehr als 100000 Jobs sind nach dem 11. September in Manhattan verloren gegangen, entweder weil die Unternehmen dicht gemacht oder ihre Angestellten in das benachbarte und deutlich günstigere New Jersey transferiert haben. Ob sie jemals wieder zurückziehen, ist ungewiss. Und somit ist auch unsicher, ob die neun Millionen Quadratmeter Bürofläche, die rund um die Gedenkstätte und den Wolkenkratzer wieder entstehen sollen, tatsächlich benötigt werden.

Larry Silverstein, der das Gelände noch für 99 Jahre zu einem Gesamtpreis von 3,2 Milliarden Dollar gepachtet hat, besteht aber auf den Bau, genauso wie auf den einer großen unterirdischen Shopping-Meile, wie sie auch das alte World Trade Center hatte. Bloomberg dagegen würde viel lieber die Einkäufer auf die Straße locken, um so die City zu beleben. Doch im Augenblick hat die Stadtverwaltung nur ein Mitspracherecht, das Gelände selbst gehört der Hafenverwaltung der Bundesstaaten New York und New Jersey. Alle Versuche, die symbolträchtigen Flächen der Stadt zu übertragen, sind bislang gescheitert.

In diesem Kompetenz-Wirrwarr bemühten sich die sieben Architekten-Gruppen, die Vorschläge zur Wiederbebauung von Ground Zero eingereicht hatten, mehr oder weniger intensiv darum, die Gunst der öffentlichen Meinung zu erringen. Sowohl Vinoly als auch Libeskind gehörten zu den fleißigsten Öffentlichkeitsarbeitern. Vinoly präsentierte sich regelmäßig in einer Interview-Serie im Lokalfernsehen, Libeskind engagierte gleich zwei PR-Agenten, um seine Arbeit ins rechte öffentliche Licht zu rücken.

Die New Yorker selbst zeigten sich auf den von der Findungskommission organisierten Hearings zwiegespalten. Einerseits wünschen sich die meisten eine kraftvolle Ergänzung der Skyline, andererseits haben viele Sicherheitsbedenken, wenn das neue Gebäude wieder so hoch in den Himmel ragt. Gemeinsam war hingegen der Mehrheit der Wunsch nach einem Denkmal für die Toten. Für dieses Bedürfnis hat Libeskind offenbar die beste Antwort gefunden. Fotos: Transglobe, Reuters

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