Zeitung Heute : Die Fremde in den Trümmern

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Von Andrea Exler, Kabul

Auf einem Müllberg am Straßenrand hocken in Lumpen gehüllte Kinder und lutschen an Wassermelonenstücken, als nebenan ein weißer Mercedes vorfährt. Staub wirbelt auf, eine verschleierte Frau läuft auf den Wagen zu, starrt durch das Gitter vor ihren Augen in das Auto hinein und bittet um Geld. Ein Mann vertreibt sie, der Wagen fährt durch das Tor, hält vor dem Haus, eine Frau mit Kopftuch und knöchellangem Mantel springt aus dem Auto und tritt ein; der Mann, ihr Diener, schließt die Tür. Drinnen wirft sie Mantel und Kopftuch fort wie eine lästige Krücke.

Shukria Dawi ist eine exotische Erscheinung in der Ruinenstadt Kabul. Als die Taliban vertrieben waren, gründete sie eine Hilfsorganisation für Frauen. „Asia“ heißt sie und ist hier zwischen den Trümmern für Hunderte Afghaninnen die einzige Möglichkeit, zum Beispiel ein Medikament gegen Durchfall zu bekommen oder Lesen und Schreiben zu lernen. Shukria Dawi ist stolz auf das, was sie in den vergangenen Monaten aufgebaut hat und führt es Besuchern gern vor. Dafür braucht sie allerdings Sammy, den Chauffeur.

Im Wohnzimmer wartet er schon. Er passt nicht hierher, zwischen die olivgrünen Polstersessel, die Blumentapete und das Tischchen, auf dem eine Schale voll Toblerone-Schokolade steht. Er nestelt an seinem traditionellen Gewand, das ihm bis zu den Knien reicht, und murmelt: „Wie oft habe ich Frau Dawi schon gebeten, sich zu bedecken!“ Die lacht, schiebt ihn zur Tür hinaus, mahnt zur Eile. Eine Lehrerin von „Asia“ wartet auf eine Kiste Schulbücher, die das Bildungsministerium geschickt hat. Die müssen sie ihr jetzt bringen. Die Bücher sind ein Vierteljahrhundert alt.

Von Dawis edler Wohnung aus gesehen wirkt ganz Kabul wie ein Maskenball. Alte Männer mit zerzausten Bärten reiten auf ausgemergelten Eseln an Ruinen vorbei, ein Lastwagen mit eingeschlagener Windschutzscheibe scheppert durch die lärmende Menge auf der Straße vor dem Haus. Gesichtslose Frauen in hellblauer Burka stehen dabei. Drinnen sitzt dann Dawi am Schreibtisch und hackt auf ihren Computer ein, immer wieder wirft sie dabei ihr offenes Haar nach hinten. Shukria Dawi hasst die Burka. „Mein Haus ist wahrscheinlich das einzige in ganz Kabul, in dem es keine Burka gibt“, sagt die 29-Jährige. „Gleich nachdem die Taliban Kabul verlassen hatten, habe ich meine Burka einem Wohlfahrtsverband gespendet.“

Mit dem Mercedes geht es im Zickzack zwischen Schlaglöchern und Schubkarren hindurch, an Fahrrädern mit drei Passagieren vorbei in Richtung Vorstadt. Sammy hat keinen Führerschein, doch den Slalom auf den Straßen Kabuls beherrscht er virtuos. Im Rückspiegel mustert er Dawi gelegentlich und zieht dabei die Augenbrauen hoch. Seine Ehefrau hat ja auch studiert, sagt er. Heute versorgt sie die Kinder und verlässt so gut wie nie das Haus. „Ich finde es angenehm, eine gebildete Frau zu haben, aber dass sie arbeiten geht, kommt nicht in Frage.“ Und wenn Sammy einmal Besuch hat von Männern, wartet seine Gattin schweigend in ihrem verschlossenen Zimmer. Es schicke sich nicht, sagt er, dass andere Männer ihre Stimme hören. Shukria Dawi sagt: „Die Leute denken nicht von heute auf morgen um.“

Als der Wagen schließlich in der Vorstadtsiedlung Charqalla hält, entsteht ein kleiner Tumult. Schmutzverkrustete Kinder, die auf schlammigen Wegen zwischen Lehmhütten sitzen, klatschen in die Hände, stolpern kreischend auf den Wagen zu, wollen durch die heruntergelassene Seitenscheibe klettern. Aufgeschreckt von dem Lärm kommen auch die Erwachsenen aus den Hütten; eine junge Frau, die fast keine Zähne mehr hat, lässt ihre Wäsche in den braunen Bach plumpsen, der durch die Siedlung fließt, und begrüßt Dawi aufgeregt mit einem Wortschwall.

Charqalla gehört zu den am stärksten verwüsteten Gegenden um Kabul. Sowjets, Mudschahedin und vier verschiedene Warlords haben hier gewütet. Als die Nato im Herbst mit ihren Bombenangriffen begann, flohen Tausende in Panik aus ihren Hütten. Sie wollten über die verschneiten Berge nach Pakistan. Viele haben das nicht überlebt. Die Zurückgebliebenen vegetieren heute dahin, sterben an banalen Infektionen, an Unterernährung. Anfang des Jahres haben Amerikaner hier gelegentlich ein paar Säcke Reis abgeworfen, Kamerateams filmten sie dabei. Seither ließ sich kein Ausländer mehr blicken.

Vor der Hütte, in der Dawi ein Bildungszentrum eröffnet hat, steht in ordentlicher blauer Schrift auf einem Pappschild: „Asia Learning Center“. Zwei Lehrerinnen unterrichten hier 210 Mädchen und 70 erwachsene Frauen. „Viele wollen Englisch lernen“, sagt eine der Lehrerinnen. Englisch, die Sprache des Wohlstands. Eifrig malen die Mädchen die Buchstaben von der Tafel ab. „I have eight brothers and sisters“, rezitiert eine 15-Jährige und kichert. Dawi sagt, dass sie lange mit dem Vater dieses Mädchens verhandeln musste, bevor er es zum Unterricht gehen ließ.

„Asia“ betreibt neben drei Bildungszentren auch einen mobilen Gesundheitsdienst und eine Ausbildungsstätte für Näherinnen. Außerdem gibt sie eine Frauenzeitschrift heraus. Bezahlt wird das fast alles von Dawis Ehemann. Er ist der Enkel eines angesehenen Ministers der ersten unabhängigen Republik Afghanistan und erbte neben Ländereien in den Provinzen auch Bürohäuser in der Hauptstadt. Die ließ er jetzt instand setzen und vermietet sie an Geschäftsleute, zum Beispiel aus Pakistan, und an Afghanen, die aus dem Exil heimkehren – in der Trümmerlandschaft Kabuls ist das eine Goldgrube. Ganz anders ist es indessen mit Zuwendungen aus der westlichen Welt. „Mit aufmunternden Worten geizen die Diplomaten zwar nicht, aber Unterstützung für Asia kam bislang nur von den Briten“, sagt Dawi.

Als die Taliban 1996 die Macht ergriffen, musste sie ihr Studium der Geophysik an der Universität Kabul abbrechen. Dawis Eltern und ihre sechs Geschwister flohen ins Ausland. „Ich war jedoch fest entschlossen zu bleiben. Ich bin das, was man in Europa eine Patriotin nennen würde.“ Dank der gesellschaftlichen Stellung des Ehemanns lebten die Dawis unter den Taliban zwar mutlos, aber unbehelligt. Im November 1999 entschloss sie sich zum Widerstand. In ihrer Wohnung unterrichtete sie heimlich junge Afghaninnen. „Am Ende sah ich nur noch zwei Möglichkeiten: lebenslanges Exil oder eine Veränderung in meinem Land, koste es, was es wolle.“

Neuerdings hat die Nordallianz ein Auge auf Dawis Arbeit – kein wohlwollendes. In ihrer Zeitschrift „Aina-e-zan“ („Spiegel der Frauen“) berichtete sie unlängst über ein Waisenhaus. Unter der Aufsicht von Nordallianz-Funktionären leben dort 1350 Jungen und Mädchen in Sälen zusammengepfercht von einer Handvoll Reis am Tag. Dawi glaubt, dass ein Teil der für die Waisen bestimmten Hilfsgelder in dunklen Kanälen verschwindet.

Seitdem muss der weiße Mercedes immer wieder mal bei den Kontrollposten der Nordallianz auf den Straßen Kabuls halten. Dann bauen sich die Uniformierten vor dem Wagen auf und verlangen ein Exemplar der Frauenzeitschrift, die immer auf dem Beifahrersitz liegt. Geschäftig stecken sie die Köpfe über dem Blatt zusammen – lesen können die meisten allerdings nicht. Geduldig beschwichtigt Fahrer Sammy die Soldaten, versucht es mit einem Scherz. Und dann dürfen sie weiterfahren. Sammy leistet für „Asia“ wertvolle Dienste. Dennoch ist ihm Shukria Dawi fremd geblieben: „Es ist mir so peinlich, für eine Frau zu arbeiten“, sagt er.

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