Zeitung Heute : Die Frühreifen

Manche Kinder hetzen von Termin zu Termin. Und nun sollen sie auch noch früher eingeschult werden. Wie wird ihnen das bekommen?

Adelheid Müller-Lissner

STRESS bei den Simpsons: Während Bart nur Chaos verbreitet, will seine Schwester Lisa erfolgreich werden. Dafür arbeitet sie hart – und hat mit acht Jahren schon die ersten Burn-Out-Erscheinungen hinter sich. Foto: dpa

Beginnt der „Ernst des Lebens“ demnächst schon mit fünfeinhalb? Das fürchten viele, seit bekannt wurde, dass Berlins Kinder mit dem Schuljahr 2005 früher schulpflichtig werden sollen.

Bereits 1995 hatte die Publizistin Christiane Grefe das „Ende der Spielzeit“ für die Kleinen kommen sehen. Tatsächlich sind die Terminkalender vieler Grundschüler heute ziemlich beladen: Klavier, Tennis, Fußball, Nachhilfe, dazu Behandlungen vom Kieferorthopäden bis zum Logopäden. Trotzdem bleibt die Angst ambitionierter Eltern, den Kleinen nicht genug zu bieten. So sagte eine Mutter zu Christiane Grefe: „Ein Mitschüler geht ins Taekwon-Do, und schon denkst du: Ich hab was versäumt!“ Die Schere zwischen solch bildungsbeflissenen Eltern, deren Kinder von Termin zu Termin hetzen und so genannten bildungsfernen Schichten, die keineswegs stressfrei groß werden, geht darüber weiter auseinander.

Ist Lego was für Erwachsene?

Eines scheint alle Kinder zu verbinden: Das zweckfreie, entspannte Spiel verliert an Bedeutung , scheint immer früher uninteressant zu werden. „Wer heute sieben, acht oder neun Jahre alt wird, interessiert sich für Handys, Spielekonsolen oder modische Klamotten“, erklärte Mads Nipper, der Europa-Manager der dänischen Firma Lego, kürzlich im Tagesspiegel-Interview. Den komplizierteren Prestige-Bauten mit den kleinen Steinen widmen sich dafür erwachsene Kunden. Es habe sogar eine Anfrage gegeben, ob Lego nicht einen Rennwagen in Originalgröße mit 5000 Steinen zum Selberbauen anbieten könne. Kann man ein Stück verlorene Kindheit notfalls später nachholen?

„Die Kindheit wird immer kürzer, auch aus biologischen Gründen“, stellt der Psychologe Johannes Klein-Heßling fest, der sich an der Humboldt-Universität mit Gesundheitspsychologie des Kindes- und Jugendalters beschäftigt. Doch die seit Beginn des 20. Jahrhunderts immer weiter nach vorn verlegte Pubertät fällt weniger ins Gewicht als die Veränderungen im modernen Kinderleben. „Immer mehr Kinder werden immer früher auf Kurs gebracht“, hat Klein-Heßling beobachtet. Sie sind auch beim wachsenden Freizeitangebot immer wieder mit dem Leistungsgebot konfrontiert, sie werden vielfach mit einem Medienangebot allein gelassen, das sie nicht verarbeiten können. „Und sie müssen sich selbst mehr managen als früher und vieles allein entscheiden.“

Sind Kinder heute also mehr gestresst als frühere Generationen? Da ist der Psychologe vorsichtig. „Fest steht, dass bestimmte Symptome heute häufiger dokumentiert werden.“ Kopf- und Bauchschmerzen bei beiden Geschlechtern, Unruhe und Zappeligkeit bis hin zu Aggressionen bei den Jungen, während die Mädchen sich eher zurückziehen, grübeln und träumen, also weniger „stören“, so dass ihre Probleme unerkannt bleiben.

Erst in den letzten 15 Jahren hat sich die Stressforschung auch der Kinder angenommen. Der Marburger Psychologieprofessor Arnold Lohaus befragte 1990 342 Kinder und Jugendliche zwischen sieben und 16 zu ihren Stresserfahrungen. 72 Prozent von ihnen benannten konkrete Situationen wie Klassenarbeiten, Hausaufgaben, elterlichen Leistungsdruck und Streit mit Freunden und Eltern. Schon die Grundschüler berichteten über Stresssymptome wie Kopf- und Bauchschmerzen, Übelkeit und Schlafschwierigkeiten.

Während kleinere Kinder für Stress nur äußere Ursachen kennen und Abhilfe von der Veränderung dieser Umstände erwarten, betrachten Jugendliche auch innere Konflikte als belastend und suchen nach Techniken, mit denen die Emotionen reguliert werden können. In welchem Ausmaß Alltagsbelastungen einem Menschen etwas anhaben können, darüber bestimmen, wie Psychologen und Kinder- und Jugendpsychiater heute meinen, sowohl die genetischen Voraussetzungen als auch die erlernten Fähigkeiten zur Problemlösung und Selbstberuhigung. Das aber sind die Rädchen, an denen vor allem in den jungen Jahren noch ziemlich erfolgreich gedreht werden kann.

Aber auch auf der Ebene der äußeren Anforderungen sind oft Änderungen fällig, etwa ein Wechsel der Schulform. Und auch Unterforderung kann Kinder belasten. „Ein Teil des Vandalismus erklärt sich durch Langeweile“, betont Klein-Heßling. Wie die Überforderung, so wird auch ihr Gegenstück individuell sehr unterschiedlich empfunden. Viermal die Woche Programm zu haben, wird nicht jedem Grundschüler zu viel. „So lange das eine Herausforderung darstellt und nicht mit Beschwerden einhergeht, ist es für viele Kinder in Ordnung, macht ihnen vielleicht sogar Spaß.“

Das Gras wachsen lassen

Was vom Kind erwartet wird, muss aber mit seinen Möglichkeiten übereinstimmen, sonst entsteht ein Problem. Remo Largo, Professor für Kinderheilkunde und Leiter der Abteilung „Wachstum und Entwicklung“ des Kinderspitals Zürich, zitiert dafür das afrikanische Sprichwort: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Der Kinderarzt mahnt im Umgang mit dem Nachwuchs zu Umsicht und Gelassenheit: „Es genügt, wenn wir ihm Erfahrungen ermöglichen, die seinem Entwicklungsstand entsprechen. Das Kind wird sich davon nehmen, was es für seine Entwicklung benötigt.“

Je früher die Schule beginnt, desto mehr muss sie solchen entwicklungsbiologischen und -psychologischen Erkenntnissen Rechnung tragen. Denn je jünger die Kinder sind, desto größer sind die Entwicklungsunterschiede zwischen Gleichaltrigen. Die geplante „flexible Eingangsstufe“, die an die Stelle der Klassen eins und zwei tritt, will genau das leisten: Die Berliner ABC-Schützen haben künftig für diese Phase ein, zwei oder drei Jahre Zeit.

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