Zeitung Heute : Die Furcht der ersten Stunde

Sie sind bereit, haben das bessere Material und die bessere Ausbildung. Die alliierte Streitmacht ist dem Irak eindeutig überlegen. Nur die Republikanischen Garden könnten gefährlich werden – wenn sie genügend Zeit dafür haben. Doch genau die soll es nicht geben.

Peter Siebenmorgen

DIE WELT VOR DEM KRIEG

Wenn im Krieg die ersten Schüsse fallen, ist die Zeit gesicherter Planung beendet. Meistens kommt es dann anders als gedacht oder erwünscht, Improvisation ist erforderlich, Chaos nicht selten der ärgste Feind. Der starke, selbstsichere Auftritt von Präsident Bush in der vorvergangenen Nacht kann daran nichts ändern: Auch in diesem Krieg wird manches anders kommen als geplant.

Zwar hatte eine Streitmacht mit der festen Absicht einen Krieg zu führen selten so viel Zeit, in Ruhe ihre Operationen vorzubereiten – doch schon vor dem eigentlichen Beginn des Krieges gibt es die ersten großen Improvisationen. Fest hatten die Amerikaner bis vor wenigen Wochen damit gerechnet, den Irak mit einer Zangenbewegung aus zwei Richtungen angreifen zu können. Doch dann verweigerte das türkische Parlament in Ankara den US-Streitkräften die Genehmigung, die Türkei als Operationsbasis für einen Angriff aus dem Norden zu nutzen. Kurzfristig mussten daher wesentliche Elemente der Angriffsplanung neu überdacht und ersetzt werden.

Wenige Stunden vor Kriegsbeginn könnte es wieder anders kommen: Vielleicht dürfen etwa 62000 Soldaten doch von der Türkei aus operieren. Das türkische Parlament wird darüber vermutlich am heutigen Mittwoch abstimmen. Wegen des nicht aufholbaren Zeitrückstands werden einige der am besten geeigneten Einheiten verspätet in das Kampfgeschehen eingreifen.

Die Schlacht gegen den Irak wird nach einem ähnlichen Prinzip wie dem des Luftkrieges gegen Milosevic, mit einem rolling start eröffnet: Noch bevor alle Einheiten einsatzbereit sind, wird der Kampf eröffnet; nach und nach komplettiert sich das Heer, das dann schon mitten im Kampf steht.

Aus Sicht der amerikanischen Planer ist die vollständige Präsenz der zum Einsatz vorgesehenen Truppenteile an den ersten Tagen nicht entscheidend. Denn der Feldzug, der als Blitzkrieg angelegt ist, kalkuliert nicht mit dem Moment der Überraschung sondern setzt darauf, den Feind von Anfang an zu paralysieren, ihn in Furcht und Schrecken zu versetzen (shock and awe), wie unlängst Generalstabschef Richard Myers erklärt hat.

Der Eröffnungszug der Invasionsarmee wird deshalb breiter angelegt sein, als es die Kriegsgeschichte kennt. Allein am ersten Tag will die Luftwaffe 3000 präzisionsgesteuerte Bomben und Marschflugkörper einsetzen – im gesamten Golfkrieg 1991 wurden gerade einmal 5000 solcher Waffen eingesetzt. Mit dem ersten Schlag wollen die amerikanischen Streitkräfte sowohl die irakische Luftverteidigung entscheidend schwächen als auch wichtige Ziele der militärischen und politischen Führung des Feindes zerstören – und das unbedingt gleichzeitig.

Auch militärisch gilt: Nicht ein Land soll zerbombt, sondern das Regime zerstört werden. Daher sollen vorrangig auch die gesamten feindlichen Kommunikationsmöglichkeiten lahm gelegt werden. Von Blindheit und Taubheit geschlagen, kopflos handelnd, schockiert von der Genauigkeit des Hightech-Arsenals – so das Kalkül des Angreifers – soll der Feind von der ersten Stunde an die völlige Hoffnungslosigkeit jeglicher Gegenwehr erkennen. Die USA hoffen auch darauf, dass dies Kräfte der Gegenseite zum Aufstand gegen Saddam ermuntert.

Die erste Angriffswelle konzentriert sich auch nicht etwa auf einen eng begegrenzten geographischen Raum, sondern ist umfassend auf alle strategisch wichtigen Punkte im ganzen Irak angelegt. Es wird nicht bei Luftoperationen bleiben, sondern früh schon zu einer kombinierten Kriegführung von Luftstreitkräften und Bodentruppen kommen.

Neben dem Hauptziel Bagdad werden schon für die ersten Angriffswellen Ziele ins Visier genommen, von denen irakische Vergeltungsmaßnahmen oder Terroraktionen ausgehen könnten. Dazu gehören Massenvernichtungskapazitäten und ballistische Raketen ebenso wie Ölfelder. Neben den militärischen Operationen im Irak selbst, ist es wichtig, verhindern, dass Israel angegriffen wird.

Der Feind ist allerdings weder vom Ausbildungsstand her noch mit Blick auf seine Ausrüstung beindruckend. Bei den regulären Streitkräften – 370000 Soldaten und 100000 Reservisten – herrscht schlechte Moral. Ihre Operationsfähigkeit ist wenig diszipliniert. Auf offenem Feld wäre es eher eine Frage von Stunden als von Tagen oder gar Wochen, bis die schwächeren Einheiten von der überwältigenden amerikanischen Übermacht aufgerieben und vernichtet wären.

Größeren Respekt haben die Amerikaner vor den Republikanischen Garden, einer Elitetruppe von 70000 bis 80000 Mann. Sie stehen vornehmlich rund um Bagdad, sind zäh und vergleichsweise gut organisiert. Dies gilt erst recht für die 15000 Mitglieder der starken speziellen Republikanischen Garden, eine Art Leibstandarte Saddam Husseins, die absolut verlässliche Regimediener sind.

In einem Krieg, den der Gegner nur verlieren kann, ist Zeit sein einzig denkbarer Gewinn. Mit gezielten Sprengungen des weitverbreiteten Staudammsystems in der Euphratebene beispielsweise vermögen die Iraker zwar nicht das Kriegsglück zu wenden. Empfindliche Nadelstiche könnten sie den Amerikanern allerdings schon zufügen und die Kampagne ein wenig in Verzug bringen.

Überstehen wesentliche irakische Truppenteile die ersten Tage, können sie womöglich das Schlachtfeld mitbestimmen: Etwa durch den Rückzug in große Städte, vor allem Bagdad. Will die alliierte Streitmacht diese einnehmen, fallen technische und operative Überlegenheit nicht so ins Gewicht, wie etwa bei einer Panzerschlacht in der Wüste.

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