Zeitung Heute : Die Furcht vor Meer

R. Knauer S. Nannen

Die Welt drängt darauf, ein Frühwarnsystem im Indischen Ozean zu installieren, damit solche Katastrophen nicht mehr vorkommen. Wie wäre Europa geschützt, wenn sich hier Tsunamis entwickelten?

Natürlich hätte es hier auch passieren können. Die geologischen Veränderungen, die mit dem Seebeben im Indischen Ozean einhergingen, sind nicht nur auf der Südhalbkugel möglich. Auch in Europa werden Erdbeben verzeichnet, über die drohende Ablösung eines ganzen Bergzuges auf der kanarischen Insel La Palma wird seit der Katastrophe in Südasien immer wieder gesprochen.

Warum, wenn doch bekannt ist, dass Milliarden Tonnen Gesteins in den Atlantik rutschen könnten und eine Welle produzieren, die noch in New York 25 Meter hoch wäre – warum dann verhindern Wissenschaftler dieses Unglück nicht? Die Antwort ist schlicht: Kein Beben, kein Vulkan und kein 14 Kilometer langer kanarischer Bergzug lassen sich aufhalten. Eine Sprengung auf den Kanaren zum Beispiel würde die Zerstörung eines Großteils der Insel bedeuten – und dennoch einen gewaltigen Erdrutsch zur Folge haben.

Die Ursachen für Tsunamis – die Riesenwellen, die Südasien verwüsteten – lassen sich nicht bekämpfen. Wohl aber ließen sich Menschenleben retten: mit einem Frühwarnsystem. Während die Welt darüber verhandelt, ein solches Konstrukt für den Indischen Ozean zu installieren, weil es im Pazifik bereits eins gibt, das gute Dienste versieht, sind der Atlantik und das Mittelmeer noch immer ohne Frühwarnsystem.

Ähnliche Riesenwellen hat es dort bereits gegeben – besonders Griechenland mit seiner 14000 Kilometer langen Küstenstrecke und Süditalien mit dem erst 1999 entdeckten, 3000 Meter hohen Unterwasservulkan Il Marsili sind bedroht. Ausläufer einer Flutwelle, die ein Beben in Algerien im Jahr 2003 verursachte, erreichten auch die Küsten Mallorcas. Tsunamis werden wieder in diesem Raum auftreten, sagt Katastrophenforscher Jochen Zschau vom Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam. Im 18. Jahrhundert forderte eine solche Flutwelle allein 60000 Menschenleben in Portugal.

Verschiedene Zentren auf der ganzen Welt messen Erdbeben ohnehin. Ein automatisches System könnte Beben, die eventuell einen Tsunami auslösen könnten, an ein Warnzentrum für eine Weltregion weiterleiten. Solche Warnzentren überprüfen mit einem automatischen Programm, ob tatsächlich eine Tsunami-Gefahr vorliegt, und leiten notwendige Warnungen an die Katastrophenstäbe der betroffenen Länder weiter. Solche Systeme helfen auch, wenn die Vorwarnzeiten nicht Stunden wie im Indischen Ozean, im Atlantik oder Pazifik betragen, sondern vielleicht nur wenige Minuten wie im viel kleineren Mittelmeer. Dort könnte eine Automatik zumindest Sirenen starten, den Druck in eventuell betroffenen Gasleitungen verringern, Kraftwerke abschalten, Brücken sperren und über Rundfunksendungen oder SMS direkt warnen.

Die Kosten für die Errichtung einer Alarmstation wie sie jetzt für den Indischen Ozean angedacht ist, werden von Experten auf etwa 100 Millionen Euro geschätzt. Wissenschaftler drängen darauf, ein Forschungsteam einzusetzen, das sich auf die „europäischen Meere“ konzentriert. Eine Planung dafür liegt zurzeit jedoch nicht vor.

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