Zeitung Heute : Die Fusion von TV und Internet eröffnet unliebsame Möglichkeiten (Kommentar)

Alexander S. Kekulé

Die Trauung hätte keinen festlicheren Rahmen haben können. Alleine am ersten Wochenende waren über 100 000 Gäste gekommen, um auf der Internationalen Funkausstellung an der bunten Zeremonie teilzuhaben. Gefeiert wurde nichts Geringeres als die Verehelichung von Fernsehen und Internet, der zwei beherrschenden Massenmedien des kommenden Jahrtausends.

Von welchem Elternteil der in Kürze zu erwartende Nachwuchs mehr Eigenschaften erben wird, ist noch nicht endgültig geklärt. Technisch möglich ist einerseits die Übertragung von Fernsehprogrammen über das Internet, wobei die Daten digital komprimiert werden müssen. Andererseits könnte der Datenstrom für das World Wide Web (WWW), wie die bekannten Videotext-Tafeln, auch zusammen mit dem Fernsehsignal übertragen werden.

Gleichgültig, ob der neue Zwitter im Wohnzimmer dann "Fernseher mit Internet-Zugang" oder "Computer mit TV-Funktion" heißt, das technische Problem liegt nicht im Endgerät, sondern in der Übermittlung des schier unermeßlichen Datenstromes, der für das Eintauchen in die schöne multimediale Welt erforderlich ist. Selbst mit den neuesten Daten-Kompressionsverfahren würde die Übertragung eines 90-Minuten-Spielfilmes per ISDN fast drei Stunden dauern. Das neue Medium wird also auf Übertragungskapazitäten angewiesen sein, wie sie heute nur das Fernsehen bietet: Mit 28 Megabits pro Sekunde kann es ein gewöhnliches Fernsehkabel mit etwa 500 ISDN-Leitungen aufnehmen.

Viele Betreiber sind deshalb bereits dabei, die Fernsehkabel mit einem Rückkanal auszustatten und damit Internet-tauglich zu machen. Auf den ersten Blick ist der Umstieg auf die wesentlich schnelleren Datenleitungen für das Internet eine Verbesserung. Wer schon einmal ein, zwei Stunden mit dem Download einer Software per ISDN zugebracht hat, weiß, wovon die Rede ist. Andererseits wird für die Benützung der Datenautobahnen der TV-Stationen eine hohe Mautgebühr fällig: Das Internet verliert seine technische Unabhängigkeit. Um das Netz der Netze auch gegen Ausfälle großer Teilsysteme "bombensicher" zu machen, wurde es dezentral konzipiert. Ohne übergeordnete Steuerung suchen sich die Datenpakete selbst ihren Weg zum Ziel. Jeder Computer im Netz stellt automatisch einen Teil seiner Rechenleistung für die Weiterleitung der Daten bereit. Dadurch nutzt der anarchische Flickenteppich jede beliebige Datenleitung, vom Hochgeschwindigkeitsnetz im Silicon Valley bis zur verrosteten Telefonstrippe chinesischer Dissidenten.

Gerade in totalitären Staaten ist das Internet durch das Fehlen zentraler Kontrollen, den freien Zugang und die universelle Erreichbarkeit auch zu einem wichtigen Instrument der Demokratisierung geworden. Im Gegensatz dazu zeichnen sich die von mächtigen Monopolisten kontrollierten Systeme zur TV-Übertragung nicht gerade durch Flexibilität und Nachbarschaftshilfe aus. Im Gegenteil: Die zahlreichen Standards, wie PAL, SECAM und NTSC, sind ein viel genutztes Instrument, um Märkte gegenüber der Konkurrenz abzuschotten.

Es steht daher zu befürchten, daß sich bei der technischen und inhaltlichen Gestaltung der neuen Plattform die Usancen der TV-Branche durchsetzen und das Internet zu einem Hilfsmittel der Unterhaltungsindustrie verkommt. Schon sind in den USA die ersten Settop-Boxen im Handel, mit denen die Sehgewohnheiten der Zuschauer per Datenleitung zur zentralen Auswertung übermittelt werden. Wer häufig Sportsendungen einschaltet oder aufzeichnet, muß sich nicht über vermehrt eingeblendete Werbung für Turnschuhe wundern. Wenn dann in jedem Haushalt ein potentielles Überwachungsgerät steht, wird sich möglicherweise auch die Staatsanwaltschaft gelegentlich zuschalten, um das eine oder andere Alibi zu überprüfen. Sicher ist auch, daß die Computer-Fernseh-Chimären euphorisierende Wirkung auf die Phantasie der Hacker-Gemeinde haben werden, die beispielsweise die Seh- und Lebensgewohnheiten prominenter couch-and-desk-potatoes ausspionieren könnte.

Rufe unabhängiger Forschungseinrichtungen, wie des Center for Media Education in den USA, nach einer breiten Diskussion über die Möglichkeiten und Grenzen des neuen Mediums sind bisher im Getöse der Unterhaltungsindustrie untergegangen. Möglicherweise muß die Freiheit des Internet sogar wie die Pressefreiheit staatlich geschützt werden, damit der feierlichen Hochzeit nicht alsbald eine Beerdigung folgt.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jacqueline Peyer

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