Zeitung Heute : Die Gärten Edens

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Von Gerhard Polt

Wenn du das leichte Rascheln des Kastanienblattes vernimmst, die sich nähernden Schritte der Bedienung auf dem Kies, das Gekichere der Schratzen unter dem Biertisch, dann ... Eine Brathendlwolke macht sich gerade auf, um dir Gewissheit zu verleihen. Der notwendige Herr Nachbar schneidet sich im Zeitlupentempo ein Radl Wurscht ab und seufzt, dann blickt er flehentlich hinauf zum Himmel, um sodann dankbar und beflissen mit Kennermiene die Wurscht in den Schlund zu schieben. Dieser Drahtseilakt des Genusses wird verfolgt von umliegenden Augen, die zum ersten Mal die Kunst des Genusses wirklich erkennen. Der Computerfreak betrachtet den Trambahnschaffner a.D. und vice versa, und beide sind erstaunt, weil sie nicht wussten, dass es sie überhaupt gibt.

Die innere Uhr sagt uns, wann immer wir den Garten des Bieres besuchen wollen, und wann wir den Heimweg einschlagen sollen. So wie der Blutegel auch weiß, wann er voll ist, weiß man, wann die Erfüllung im Biergarten eingetreten ist. Eine Erfüllung, die nur hier stattfindet, in dieser Oase, ein Fleisch gewordenes Elysium, das als ein manifestierter Traum dem Menschen die Nobilität gibt, die Würde, die er verdient. Wie viel Bier dazu nötig ist, weiß keiner. Gott sei Dank. Wenigstens ein Geheimnis, welches die Tiefe des Biergartens für sich behält.

Man befindet sich also unter einem herrlichen Kastanienbaum bei circa 27, 28 Grad Außentemperatur in einem wunderherrlichen Biergarten auf erdbebensicherem Gebiet. Man schnauft durch. Herrlich! Man ist in Sicherheit. Diese Ruhe, diese Natur, man seufzt, leise fächelt der Wind durch die Kastanienblätter. Der Hypaphysenlappen im Hinterkopf bewegt sich nur noch langsam, sporadisch, wie ein Segel in der Flaute. Eine äußerst angenehme Blutleere im Kopf macht sich breit und verschafft einem eine inwendige Tranquilität. Man blickt anhaltend in die Ferne, aber man erkennt nichts. Irgendwann dann, oder auch ein bisschen später, propellert gemächlichst ein Maikäfer vorüber. Summ, summ, summ. Der Maikäfer grüßt, man grüßt zurück, weil man kennt ihn ja persönlich. Wohin des Wegs, Kamerad? Eijeijei. Wieder ins Pommernland?

Ach, das ist ein Moment, da denkt man dann an etwas Schönes. An etwas Erhabenes im Leben, vielleicht an die Schlacht von Verdun. Die Schlacht von Verdun aber macht Durst. Oha, ein Erkenntnisprozess bahnt sich an. Bedächtig greift man zum Krug und führt denselbigen moderat, aber zielsicher zum Kopf. Niemals mit dem Kopf zum Krug - und plötzlich hält man inne. Es könnte jetzt vielleicht doch irgendein Gedanke daherkommen. Nein, das ist unwahrscheinlich. Das ist die Gemütlichkeit im Biergarten. Es ist aber sehr zeitintensiv, direkt zeitfressend, bis sich eine Gemütlichkeit in unserem Sinne überhaupt einstellt.

Der Autor lebt in Oberbayern. Zu seinem 60. Geburtstag erschien gerade "Circus Maximus - Das gesammelte Werk in einem Band" (Verlag Kein & Aber).



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