Zeitung Heute : Die Gärtner von Casablanca

Um die Metropole lebenswert zu erhalten, kommt den Bauern eine tragende Rolle zu

Fred Winter

Früher diente Casablanca als romantische Kulisse für Streifen aus Hollywood. Heute bietet die Stadt ein Konglomerat aus Industrieanlagen, Vierteln der Mittelschicht und Slums für die Ärmsten. „In Casablanca leben heute fast vier Millionen Menschen“, sagt Undine Giseke, Professorin für Landschaftsarchitektur und Freiraumplanung an der TU Berlin. „1970 waren es noch anderthalb Millionen. Es ist die größte Stadt in Marokko und die ökonomisch wichtigste Metropole an der nordafrikanischen Küste, die außerdem am schnellsten wächst.“

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten rund 20 000 Menschen in dem französischen Protektorat. Vis à vis von Europa gelegen, ist Casablanca heute eine so bedeutende Hafenstadt wie Rotterdam oder Kairo. „Weil die Bevölkerung dramatisch wächst, wuchern viele halb legale Siedlungen ins Umland“, berichtet Giseke. „In vielen Vierteln gibt es keine stabile Versorgung mit Strom und Wasser, von der Müllentsorgung oder Kläranlagen für Abwässer ganz zu schweigen.“ Rund 70 Kilometer entfernt befindet sich die marokkanische Hauptstadt Rabat, Sitz des Königs, der Regierung und der Landesverwaltung. Rabat und Casablanca wachsen zusehends zu einem großen Ballungsraum zusammen, der künftig ein Viertel der Bevölkerung umfasst.

Forscher der TU Berlin haben vom Bundesforschungsministerium sechs Millionen Euro bis 2013 eingeworben, um den Schwierigkeiten der wuchernden Metropole zu begegnen. Im Projekt „Urbane Landwirtschaft als integrierter Faktor einer klimaoptimierten Stadtentwicklung für Casablanca“ arbeiten 20 deutsche und marokkanische Partner aus Forschung, Fachbehörden sowie zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammen, um Casablanca auch künftig lebenswert zu machen.

„Wir wollen die Durchmischung von städtischen und ländlichen Lebensräumen in Casablanca so gestalten, dass sie sich weiterhin für die Produktion von Obst und Gemüse nutzen lässt“, erläutert Silvia Martin Han, die das Projekt von der TU Berlin aus koordiniert. „Weil sich die Stadt schnell ins bäuerliche Umland frisst, entstehen inmitten der städtischen Bebauung ländliche Inseln, etwa Gehöfte mit Feldern.“ In den Armenvierteln könnte der Anbau von Tomaten, Erdbeeren oder Auberginen helfen, die Bevölkerung gesund zu ernähren.

Entscheidend dafür sind die Wasserkreisläufe: Casablanca wird unter anderem aus Stauseen im Atlasgebirge versorgt. Die Vergabe ist rationiert, in bestimmten Jahreszeiten und Stadtvierteln fließt das kostbare Nass nur wenige Stunden am Tag. Das Abwasser wird ungeklärt über kilometerlange Rohre in den Atlantik hinausgetragen. „Mit lokalen Kreisläufen könnte man die Stadtbauern unterstützen, denn der Gemüseanbau ist ohne Wasser unmöglich“, sagt Undine Giseke. So sollen lokale Pilotprojekte zeigen, welche Möglichkeiten sich aus nachbarschaftlichen Stadt-Land-Initiativen ergeben. „Ein großer Industriebereich in der Nähe des internationalen Flughafens Mohammed bereitet seine Abwässer auf, um sie den umliegenden Landwirten zur Verfügung zu stellen“, nennt Giseke ein Beispiel. „Die Bauern werden in solchen Megastädten zu den Gärtnern der Stadt, ihre Gärten und Flächen verbessern das Mikroklima, schaffen Arbeitsplätze und damit Zukunft.“

In den Slums könnten die Dachflächen dazu dienen, dringend benötigte Sorten anzubauen. Die deutschen Forscher und ihre marokkanischen Kollegen haben deshalb eine große Schule im Vorort Douar Hmar ausgewählt, um unter Schülern, Eltern und Lehrern für neue Formen des Kleinanbaus zu werben.

Ein nahegelegenes Tal, Oued El Maleh, soll zum Erholungsgebiet für die Städter aufgewertet werden. Kluges Wassermanagement soll den Fluss renaturieren, Flächen für Überflutungen bieten und die schöne, abwechslungsreiche Landschaft bewahren. Denn: Wo vor wenigen Jahrzehnten noch Wasserfälle tosten, schlängelt sich heute kaum mehr als ein Rinnsal durch das Land. Eine Farm am Stadtrand in Dar Bouazza wird darin unterstützt, den Bauern die biologische Landwirtschaft näher zu bringen.

„Mittelfristig kann man die Bevölkerung nur versorgen, wenn man auf lokale und umweltverträgliche Formen der Landwirtschaft setzt, die auch traditionelle Aspekte berücksichtigt“, resümiert Undine Giseke. „Nur so kann man den Menschen Arbeit, Einkommen und gesunde Ernährung bieten.“ Fred Winter

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