Zeitung Heute : Die galaktischen Fünf

Ausgelacht und ausgewechselt – die Superstars, die zusammen bei Real Madrid kämpften, haben schweres Spiel bei der WM

Robert Ide[Sven Goldmann] Armin Lehmann

Der Magier schleicht vom Feld. Er hat nachgetreten und die Rote Karte gesehen. Für Zinedine Zidane ist das Spiel beendet, vielleicht die ganze Fußball-WM. Auf dem Weg in die Katakomben, erzählt er später, habe er gedacht: Du bist schuld, du hast das Team verraten. In der Kabine bemerkt Zidane nicht, dass ein Kameramann ihn begleitet. Er sitzt allein vor einem offenen Spind, fast nackt, das Trikot ausgezogen, die Hose hängt halb herunter. Er weiß nicht, ob es noch ein Spiel für ihn geben wird. Vielleicht scheidet Frankreich ja aus. Er stützt die Ellenbogen auf die Knie und hält den Kopf nach unten. Er sagt nichts, er flucht nicht. Dann steht Zidane auf, er sieht aus, als sei er wahnsinnig geworden. Er dreht sich einmal im Kreis, wirft den Stutzen in die Ecke und verschwindet unter der Dusche.

Das war 1998. Ein paar Spiele später war Frankreich Weltmeister, und Zinedine Zidane hatte zwei Tore geschossen. Fortan war er ein Heiliger. Aber der Übervater des Triumphes sagt: „Es gibt nur einen Grund, warum wir gesiegt haben: unser Wille.“

Sie nennen Zidane Zizou, das klingt plüschig, dabei ist er ein kantiger Mann, dem man seine Eleganz und Geschmeidigkeit nicht ansieht. Aber dieser Bär streichelt den Ball so zärtlich wie seine Kinder. Zizou hat Frankreich zum Welt- und Europameister gemacht, und dann wurde er der Kopf eines bisher einzigartigen Projektes, der Kopf der „Galaktischen“. Das war die moderne Beschreibung für den „Klub der Königlichen“, für Real Madrid, der die besten Spieler der Welt in seine Reihen holte. Doch die Besten allein reichten nicht aus, um konstant Erfolg zu haben. Geld allein gewinnt nicht, heißt es nun, und hämisch wird vom gescheiterten Projekt gesprochen. Zidane kehrt nicht mehr zurück nach Madrid, die Galaktischen sind längst Vergangenheit. Und deshalb müssen ihre Protagonisten jetzt leiden und werden reduziert auf ihre Klischees: der englische Popstar Beckham, der schöne Portugiese Figo, der stolze Spanier Raul und der dicke Brasilianer Ronaldo. So spricht man derzeit über sie. Weg der Respekt vor dem Genie, vielleicht, weil im Sport die großen Momente schnell vergehen und die kleinen kaum mehr erinnerbar sind. Wie jener Moment in der Umkleidekabine, den ein Kameramann festhielt, weil er einen Film über die Franzosen drehen durfte. Zidane hat in der Kabine nichts gesagt und doch gezeigt, dass Helden sich schämen können wie kleine Jungs. Vielleicht sagt das mehr als Siege, womöglich lehrt uns die Geschichte, dass die Galaktischen nur Fußballer sind, die gerade jetzt nicht mehr wollen, als ihr Land vertreten.

Acht Jahre ist es, dass Zidane Weltmeister wurde. Eine Ewigkeit. Jetzt ist wieder WM, und wieder schleicht Zidane vom Feld, dabei hatte er nach der WM 2002 schon einmal seinen Abschied beschlossen. Er ist zurückgekehrt, für Frankreich, und um den Erwartungen gerecht zu werden. Im ersten Spiel, 0:0 gegen die Schweiz, bewegt sich Zidane kaum und bekommt eine dumme Gelbe Karte. Im zweiten, 1:1 gegen Südkorea, sieht er wieder Gelb und fehlt deshalb im entscheidenden dritten Gruppenspiel. Heute, an seinem 34. Geburtstag. Sein Trainer wechselt ihn gegen Südkorea aus, es läuft schon die Nachspielzeit. Zidanes Gesicht ist versteinert, er läuft mit erhobenem Kopf am Trainer vorbei und ignoriert ihn mit jeder Faser seines Körpers. Sollte Frankreich nicht weiterkommen, wäre diese sinnlose Auswechslung das Abschiedsgeschenk des Trainers an ein Denkmal. Der für ihn eingewechselte Trezeguet lacht verächtlich, aber das Lachen gilt nicht Zidane, sondern Trainer Raymond Domenech. Trezeguet hält die Auswechslung für einen Affront. Mindestens ist sie Symbol dafür, dass der Sport seine Stars vor allem deshalb liebt, um sie irgendwann voyeuristisch zu schlachten.

Ist es mit Ronaldo nicht ebenso? Drei Mal Fußballer des Jahres – keiner schreibt ihm diese Erfolge noch gut. Zwölf Tore bei Weltmeisterschaften – damit steht er auf einer Stufe mit Pelé. Aber ist die Öffentlichkeit je so mit einem Pelé umgegangen? Ronaldo, nicht mal 30, trägt die Berufsbezeichnung Star a.D., angestellt bei Real Madrid, dem Starverein a.D. Wozu also noch Nostalgie? Vielleicht, um den Respekt zu wahren. 12. April 2000, es läuft das italienische Pokalfinale zwischen Inter Mailand und Lazio Rom. Plötzlich liegt Ronaldo da. Mit einer Trage bringen ihn die Sanitäter vom Feld. Ronaldo ruft voller Schmerzen den Namen seiner Mutter. Sven-Göran Eriksson, Lazios Trainer und heute Coach Englands, sagt „Es tut mir leid für den Fußball“, und der Satz klingt, als würde er Ronaldo zu Grabe tragen. Vor dem WM-Finale 1998 hätte ihm sein Einsatzwille beinahe das Leben gekostet. Ronaldo kippt um, „er ist tot“, ruft sein Teamkollege Roberto Carlos verstört. Trotzdem spielt er, schlapp, ohne Inspiration. Sein „Anfall“, nie wirklich geklärt, soll auf eine Überdosis Schmerzmittel zurückzuführen sein. Ronaldo schwor: „Ich wollte es so.“

Ronaldos Narbe, die Stelle, unter der die Patellarsehne an jenem 12. April riss, ist 15 Zentimeter lang. Erst im Winter 2001 gibt er sein Comeback. Bald darauf wird er wieder ausgelacht und als zu dick verspottet. Kurz vor der WM 2002 sagt Ronaldo: „Ich habe viel gelernt, vor allem zu leiden und nie aufzugeben.“ Er wird Torschützenkönig der WM und macht Brasilien mit zwei Toren im Finale zum Weltmeister. Vor dieser WM in Deutschland ist Ronaldo wieder verletzt, wieder wird er als dick belächelt, er hopple über den Platz, ohne Bindung zu den Mitspielern. Ein Schatten seiner selbst? Vielleicht. Ronaldo dagegen erklärt, er möchte bei der WM 2010 noch dabei sein, „mit 33 doch kein Problem“. Nein, Ronaldo lässt sich nicht beerdigen.

Auch David Beckham wollten seine Kritiker immer schon begraben. Er ist hübsch, er hat Geld, seine Frau ist ein Spice-Girl. 1998, im Achtelfinale, sieht er die Rote Karte. England scheidet aus, und der Londoner Boulevard startet eine seiner gefürchteten Hetzkampagnen. Der „Daily Mirror“ druckte eine Dartscheibe mit dem Bild Beckhams. Er selbst hat sich immer sehr bemüht, das Image eines egoistischen Exzentrikers sportlich zu widerlegen: 1999 gewinnt er die Champions League mit Manchester United, bei der WM 2002 schießt er das Siegtor gegen Argentinien. Viele übersehen, dass er ein ausgezeichneter Fußballspieler ist, gesegnet mit einem rechten Fuß, der Flanken und Freistöße von unerreichter Qualität schlagen kann. Die vergangene Saison bei Real war vielleicht seine beste, aber sie ging unter in der Sinnkrise des Vereins. In Deutschland, bei den Mädchen, ist er ganz der Alte. Zu Hunderten warten sie vor den Stadien auf seine Ankunft, und wenn er eintrifft, kreischen sie. Es ist wie immer bei David Beckham, die Kritiker schreiben, seine Flanken kommen nicht an. Aber England steht im Achtelfinale. Noch ist es nicht vorbei.

Alle Galaktischen haben etwas Aufreizendes, Provozierendes. Bei Zidane ist es die Disziplin, bei Ronaldo die Sturheit, bei Luis Figo ist es das schöne Gesicht. Figo hätte auch als Dressman Karriere machen können, und vielleicht wird seine Profikarriere deshalb vom Vorurteil begleitet, er sei ein Schönspieler. Als Portugal vor zwei Jahren im Viertelfinale England im Elfmeterschießen niederrang, feierte das ganze Land. Nur Figo hatte sich verkrochen. Beleidigt, weil er ausgewechselt worden war. Nach dem verlorenen Finale gegen Griechenland hat er ein Jahr lang nicht für die Auswahl gespielt. Aber in Deutschland ist er dabei, „es geht um Portugal“, sagt er. Der Kapitän ordnet sich unter. Das Publikum feiert ihn. Figos Spiel ist im Herbst seiner Karriere von einer so aufregenden Schönheit wie zuletzt im Frühling, Ende der 90er in Barcelona. Die Nation staunt, dass sich hier einer mit 33 Jahren neu erfunden hat. Figo spielt nicht nur, er arbeitet. Gegen Angola als Antreiber, gegen Iran und Mexiko als Flügelstürmer. Figo dribbelt, flankt, grätscht. Er bereitet Tore vor, gegen Angola mit einem Sprint, bei dem er seinem Gegner auf 20 Meter zehn abnimmt. Er geht Wege, für die er sich früher zu schade war.

Jeder Galaktische wehrt sich so gut es geht gegen seinen Abgesang, auch Raul, der stolze Spanier. Ende Juni wird er 29, behandelt wird er wie ein alter Mann. Seine Kritiker schreiben: Raul stehe für den Fußball von gestern und sei zu langsam für die Moderne. In Leipzig muss Raul von der Ersatzbank aus anschauen, wie seine Spanier die Ukraine über den Platz hetzen. Ein halbes Stündchen darf er mitspielen, es steht schon 3:0. Rauls Einsatz ein Gnadenakt? Spanien siegt 4:0, und Raul verlässt wortlos das Stadion. Auch beim zweiten Spiel gehört er nicht zur ersten Elf. Aber es läuft schlecht gegen Tunesien, und Raul darf rein. Er stürmt also auf der linken Seite, man sieht, er ist beseelt von einem Ehrgeiz, den seine Freunde vorbildlich nennen und seine Kritiker krankhaft. Viele hätten gar nicht nachgesetzt bei dem harmlosen Schuss, aber der Torhüter lässt ihn abprallen. Raul stürmt heran, schiebt einen Verteidiger zur Seite und stößt den Ball ins Tor. Kein ästhetisches Meisterwerk, ein Erfolg des Willens. Eines galaktischen Willens. Spanien siegt 3:1.

Wille und Leidensfähigkeit, gepaart mit fußballerischem Genie – ist das Geheimnis ihrer Einzigartigkeit so banal? Es ist jedenfalls der Grund, warum einmal ein brasilianischer Nationaltrainer sagte: „Ich warte bis zum letzten Tag auf Ronaldo, meine Tür steht für ihn immer offen.“ Der Satz steht stellvertretend für alle. Für immer und ewig werden sie nicht spielen, aber noch sind sie da. Eines Tages werden wir sie vermissen.

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