Zeitung Heute : Die ganz neue Mitte

Feine Weine und Mercedes – das Berliner Zentrum ändert sein Gesicht. Und die politischen Vorlieben

Katja Füchsel Stefan Jacobs

Joachim Schwalbe von Elektro-Schwalbe hat nicht die Grünen gewählt. Weil ihm angst und bange wird, wenn er auf dem Gehweg vor seiner Ladentür die jungen Mütter darüber reden hört, wie schön doch ein autofreies Bötzowviertel wäre. „Wenn sie die Straße hier dichtmachen, dann war’s das mit meinem Installationsgeschäft“, sagt Schwalbe, ein kleiner Mann mit rundem Gesicht und bekennender Ossi. Als solcher kann er sich schwer an die rheinisch sprechenden Mütter gewöhnen, die hier in der Bötzowstraße den Tag genießen, weil das Geld ihrer Männer allemal reicht, um die Familie zu ernähren. „Früher hatte ich 100 Quadratmeter“, sagt Schwalbe. „Jetzt habe ich noch 40, aber selbst die kosten fast 400 Euro Miete.“ Joachim Schwalbe, 56 Jahre alt und selbstständiger Unternehmer seit der Währungsunion, scheint im Berlin-Prenzlauer Berg der Zukunft nicht mehr so recht vorgesehen zu sein.

Soziologen, Ethnologen, Politologen – für die Wissenschaft ist die Hauptstadt ein Paradies. Nirgends in Europa hat sich innerhalb weniger Jahre das Stadtzentrum so umfassend neu erfunden, hat sein Äußeres so dramatisch gewandelt und dabei auch die Bevölkerung ausgetauscht. „Hier sind ganze Stadtbezirke extrem in Bewegung geraten“, sagt Olaf Schnur. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Berliner Humboldt-Universität und erforscht, wie „schwierige Quartiere“ entstehen. Und wie sie verschwinden, etwa in Berlin-Prenzlauer Berg.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich die Berliner Bevölkerungsbewegung auch auf die politische Landkarte auswirken würde. Und während das Wahlergebnis in den Nachwendezeiten noch den einstigen Mauerverlauf nachzeichnete – Osten dunkelrot, Westen schwarz –, gleicht Berlins Mitte nach dieser Wahl zum ersten Mal einem bunten Teppich, mit Flicken in Dunkelrot, Rot – und ganz viel Grün. Nun gibt es die neue Mitte nicht nur gefühlt. Nun ist sie messbare Tatsache.

Das bunte Bild ist zwei Bewegungen zu verdanken, die beide bereits vor Jahrzehnten eingesetzt haben mögen, sich jetzt aber so richtig durchzusetzen scheinen. Die Bündnisgrünen sind gesellschaftsfähig geworden. Heute fühlen sich bei der einstigen Öko-Jesuslatschen-Protestbewegung nicht nur junge Familien, sondern auch Doppelverdiener ohne Kinder, Studenten und junge Unternehmer verstanden. Als einzige Berliner Partei konnten die Grünen bei dieser Wahl absolute Stimmen dazugewinnen. Und: Sie erzielen jetzt nicht mehr nur gute Ergebnisse in Kreuzberg, wo der Berliner Grünengründer und Direktkandidat Hans-Christian Ströbele als politische Popfigur gilt, sondern eben auch in Berlins schicken Randbezirken und der Mitte.

Die Wissenschaftler beschreiben den neuen Berliner wie folgt: Er ist „experimentell und postmateriell“ eingestellt, gebildet und macht Karriere – wobei das Geld nicht die wichtigste Rolle spielt. Sein Haushalt trägt durchaus bürgerliche Züge, mit Frau und Kind, doch das Einfamilienhaus im Grünen und die Schrankwand aus Eiche sind dem Neu-Berliner zu langweilig. Auch wenn er sich das als Professor, Architekt oder Anwalt zwar durchaus leisten könnte, bevorzugt der City-Berliner laut Wissenschaft, sagt der Forscher Schnur, eine anregende, lebendige Umgebung.

Olaf Schnur lacht, als er merkt, dass er gerade den typischen Grünen-Wähler beschrieben hat, jedenfalls wenn man der Analyse von „Infratest dimap“ und „ARD“ glauben kann. Der typische Akademiker wählt demnach nämlich entweder SPD oder Grüne oder teilt seine Stimmen zwischen den beiden auf.

Wer den Finger über die langen Wahltabellen von Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain gleiten lässt, erkennt bis aufs Komma genau, was Wahlforscher mit dem „Erdrutsch“ meinen, nach der Wahl am Sonntag und vor allem mit Blick auf Berlins Mitte. Beispiel Bötzowviertel: 49 Prozent haben beim letzten Mal in der Pasteurstraße PDS gewählt – dieses Mal waren es noch 13,6 Prozent. Die Grünen kamen damals auf 19,7 und jetzt auf 34,3 Prozent. Die CDU dagegen hat sich wieder verschlechtert – auf nunmehr 5,6 Prozent. Mag sein, dass viele frustrierte PDS-Wähler dieses Mal lieber in den Biergarten gegangen sind, trotzdem ist sich Schnur sicher: „Das ist ein ganz klares Ergebnis der Bevölkerungsumwälzung im Bezirk.“

Mit dem Kollwitzplatz fing damals, nach dem Mauerfall, alles an, als das Viertel als Tipp unter den Szenegängern kursierte. Als ein paar Jahre später US-Präsident Bill Clinton hier zu Abend aß, war der Platz bei Kennern längst durch, die neuen Restaurants, die sanierten Altbauten und Touristenscharen wurden milde belächelt. Doch weil das neue Berlin ein hungriges Geschöpf ist, fraß es sich weiter, erst zum Helmholtzplatz nach Norden, dann südöstlich ins Bötzowviertel. „Da findet man heute überall die neue, urbane Lebensform“, sagt Schnur.

Die Frau, die in der Bötzowstraße gerade das Kinderfahrrad ihres Sohnes in den Mercedes-Geländewagen räumt, findet es normal, reich zu sein und grün zu wählen. Die arrivierten Leute hier, das seien vor allem Kreative – „und das sagt ja schon viel darüber, für welche Partei man sich entscheidet“. Die Gegend hier werde immer besser, „hier macht ein Laden nach dem anderen auf, und sie werden immer styliger“. Sie arbeite selbst in der Modebranche, sagt die 37-Jährige und zupft ihren schwarzen Seidenschal zurecht. Sie stamme aus dem Vogtland, also Osten, „aber das spielt für mich schon lange keine Rolle mehr“. Was die Gegend ausmache, seien der Ruf und die „einfach süßen“ Kiezläden, von denen allerdings nur wenige überlebt haben. Und dann gebe es ja noch die großartigen Restaurants wie das da gegenüber. Sie deutet auf das von Weinreben umrankte Erdgeschoss auf der anderen Seite der schmalen Pflasterstraße: „Chez Maurice, Vins fins et Spécialités“, Entenbrustfilet auf Orangensauce für 18 Euro. Der Chef sagt, es sei eine Familiengegend geworden in den letzten Jahren. Nachteil für ihn: Junge Eltern fallen als abendliche Stammgäste aus. Aber es gebe genug frankophile Genießer, die auch aus weiter entfernten Stadtvierteln hierherkämen. Und bei acht bis zehn Euro Miete für den Quadratmeter solle bloß niemand mehr glauben, das Bötzowviertel sei eine Studentengegend. Die neuesten Läden an der Straße: ein Schuh- und ein Feinkostgeschäft.

Billige Mieten, Hausbesetzer, Kleinkunst, soziale Projekte – das war die Mitte nach der Wende, bevor die Alteingesessenen im Viertel eine Gruppe unter vielen wurden. Dafür kamen mehr besser verdienende Menschen, Leute mit neuen Ideen und Trendscouts. „Gefühltes Entwicklungspotenzial“ heißt das Zauberwort, das seit Ende der 90er Jahre Jungunternehmer mit ihren Cafés, Restaurants, Bars und trendig-alternativen Läden herlockte. Berlin, einig Hauptstadt – zum ersten Mal nach dem Mauerfall haben es die Grünen und die SPD bei der vorangegangenen Wahl geschafft, sich in beiden Teilen der Stadt mit ihren Kandidaten durchzusetzen. Für die restlichen drei Parlamentsparteien gilt nach Ansicht der Wahlforscher noch immer eine einfache Regel: Die Linkspartei scheitert im Westen, CDU und FPD scheitern im Osten.

Auch das Forschungsinstitut „Emirica“ hat den Neue-Mitte-Menschen entdeckt, als es Berlins Wohnungsmarkt erforschte. Der gut verdienende „Selbstverwirklicher“, heißt es da, sei bereit, im Szenebezirk Prenzlauer Berg für eine große, sanierte Altbauwohnung zwischen 2100 und 2400 Euro pro Quadratmeter zu bezahlen – für ein ausgebautes Dachgeschoss sogar bis zu 2700 Euro. Längst sind in den beliebten Gegenden tausende Mietwohnungen als Eigentum verkauft worden. „Diese Aufwertung wird weitergehen“, prognostiziert der Forscher Schnur und meint das nicht nur positiv. Denn je mehr die Mitte glänzt, desto größer wird die Kluft zu den armen Nachbarn, wo die Straßen grau wirken, die Arbeitslosigkeit, Ausländer- und Kriminalitätszahlen hoch sind.

Joachim Schwalbe von Elektro-Schwalbe deutet mit dem Kopf die Bötzowstraße hinab Richtung Alexanderplatz: „Die Wohnungen in dem neuen Haus da hinten werden für 260 000 bis 600 000 Euro verkauft.“ Er vermag sich nicht darüber zu freuen. Die Leute, die gelegentlich mit großen Autos vorgefahren kommen und ihn fragen, ob er nicht den Besitzer dieses oder jenes noch unsanierten Hauses kenne, lässt er abblitzen. Viele lukrative Objekte sind ohnehin nicht mehr zu haben – die Fassaden sind frisch, die Fußgängerfurten verpollert, die Parkplätze vergeben.

Ein paar Direktmandate konnte sich die PDS bei der Wahl am Sonntag hier noch sichern. Gut möglich, dass es das letzte Mal war.

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