Zeitung Heute : Die ganze Welt sein Zirkus

Er beherrschte zwölf Sprachen und konnte bellen wie ein Pudel. Peter Ustinov hatte keinen Schulabschluss und war doch Experte für alles. Überall fand er seine Bühne, im Kino, in den Talkshows und in der Werbung. Mit ihm starb gestern einer der letzten großen Selbstdarsteller.

Harald Martenstein

Das Jenseits ist noch lustiger geworden. Sie haben jetzt sogar Peter Ustinov.

Es ist noch nicht lange her. Ustinov saß in einer Talkshow. Eigentlich hat man ihn so in Erinnerung aus den letzten Jahren: der alte Mann aus den Talkshows. Der alte Mann hat einen Stock mit Silberknauf und spricht mit englischem Akzent ein schönes, altmodisches Deutsch. Eine Opernsängerin soll ein bestimmtes Lied singen, aber sie lehnt ab. Sie könne dieses Lied nur in ihrem Auto singen, einem alten Fiat 500. Ustinov ist in einen komplizierten Spezialstuhl gepackt, sein Kopf wird durch eine Mechanik gestützt, er wirkt körperlich schwach und ist, wie man seit gestern weiß, schon vom Tode gezeichnet. Er scheint gelangweilt zu dösen. Plötzlich geht ein Ruck durch ihn, und er beginnt, einen Fiat 500 nachzumachen, erst das Startgeräusch, dann das fahrende Auto. Die Sängerin singt. Ustinov fährt.

Welches Werk, welche Rolle von Sir Peter Ustinov wird am stärksten in Erinnerung bleiben? Er selber. Ustinov war ein brillanter Schauspieler und ein guter Autor, er hat als Entertainer, Regisseur, Komponist, Maler, Autor, Bühnenbildner, Karikaturist, Experte für alles Mögliche, Unicef-Botschafter, Festredner und Werbespot-Partner von Verona Feldbusch gearbeitet. Vor allem anderen aber ist er Selbstdarsteller gewesen, ein Zirkuspferd, das auf Kommando Humor und Esprit versprühen konnte, und zwar bis zum letzten Atemzug.

Sein Witz war nur in Ausnahmefällen scharf oder zynisch. Ustinov spottete über die Unvollkommenheit der Welt, der Ehrgeiz, sie zu verändern, plagte ihn nicht allzu sehr. „Politiker denken immer, Politik sei sehr wichtig“, sagte er. „Aber der Tourismus verändert die Welt viel mehr.“

Als Humorist gehörte er zu den versöhnlichen Charakteren, wie Loriot. Er versöhnte auch das Leichte mit dem Schweren. Mit seiner beträchtlichen Bildung, seinen zwölf Fremdsprachen und seinem weltmännischen Auftreten schien Peter Ustinov ganz und gar eine Gestalt aus der allmählich versinkenden Welt des Bürgertums zu sein, aber er war immer für jeden neumodischen oder banalen Schnickschnack zu haben. Der Name des Zirkus war ihm egal, Hauptsache, er durfte auftreten. Einer seiner Lieblingssätze lautete: „Es muss Spaß machen.“ Diesen Satz wandte er in sämtlichen Lebenslagen an.

Ustinov wurde als Brite in Westminster geboren und in Schwäbisch-Gmünd getauft. Sein Großvater war russischer Emigrant, ein Feind des Zaren. Sein Vater Jona von Ustinov wurde in Jaffa, im damaligen Palästina geboren und arbeitete für den deutschen Kaiser, bis er 1918 als Journalist nach England ging. Dort wurde er Presseattaché der deutschen Botschaft und britischer Spion. Angeblich war es Ustinov senior, der den Engländern den bevorstehenden Einmarsch der Wehrmacht in die Tschechoslowakei verriet. Peter Ustinovs Mutter, Nadja Benois, war eine französische Bühnenbildnerin von teils italienischer, teils äthiopischer Abstammung.

Er reiste auch als Erwachsener immer umher und wusste nicht genau, wo er hingehörte. Er schrieb ein „Lob auf die Diaspora“ und sagte: „Ich habe nie aus einer Heimat heraus etwas machen können.“ Das machte ihn aber nicht schwach, sondern stark und witzig. Viele, die zwischen den Kulturen und den Völkern stehen, haben diese Kraft. Wenn man in diesen Tagen über Peter Ustinov nachdenkt, den großen Multikultipropheten, fallen einem auch die deutschen Türken ein und die kulturelle Kraft, die im Moment von ihnen ausgeht.

Kurz nach seinem 18. Geburtstag begann der junge Ustinov, mehr als 60 Jahre lang an sämtlichen kreativen Fronten und mit hoher Geschwindigkeit Kunst jeglicher Art herzustellen. Schon in den ersten paar Monaten trat er in Sketchen auf, schrieb Theaterstücke und drehte gleichzeitig Filme. Das Besondere an seinen Stücken bestand von Anfang an darin, dass sie immer eine besonders dankbare, eine richtige Bomben-Rolle enthielten. Die spielte Peter Ustinov selbstverständlich selber.

Der Zirkusdirektor in „Lola Montez“, Regie: Max Ophüls, gilt unter Cineasten als seine wichtigste Filmrolle. Das war 1955. Verdammt lang her. In den folgenden Jahrzehnten trat er ziemlich oft als Hercule Poirot auf, Kommissar aus den Romanen von Agatha Christie. Die Rolle wurde noch am ehesten eine Art Markenzeichen. Nero in „Quo Vadis“, gerissen, feige, eitel: dafür gab es einen seiner Oscars, den anderen für „Topkapi“. In beiden Fällen waren es Oscars für den besten Nebendarsteller. Peter Ustinov wurde der ideale Nebendarsteller. Er brauchte nur ein, zwei kurze Auftritte, um einer Figur Konturen zu geben. Wenn Ustinov einen Schurken zu spielen hatte, was oft der Fall war, dann hasste man ihn als Zuschauer nach spätestens zehn Sekunden. Das machte er vor allem mit seiner Stimme. Die vielen Sprachen, die er in sich aufgesogen hatte, ließen ihn zu einem Modulations- und Rhythmusgenie werden. Ustinov konnte sogar das Bellen aller wichtigen Hundearten nachmachen, so, dass man den Dackel oder Pudel sofort erkannte.

Zum Hauptdarsteller war er nicht schön genug. Wenn man aber jemanden brauchte, der eine sympathische Aura hat, und trotzdem nicht brav wirkt, einen, der intelligente Witze macht, und trotzdem niemandem wehtut, einen, der zwar kultiviert ist, aber nicht elitär oder langweilig, dann rief man überall auf dem Globus sofort nach Peter Ustinov. Ustinov wurde auf diese Weise zu einem sehr eigenartigen und trotzdem unumstrittenen Weltstar. Denn die Welt verbindet mit seinem Namen kein einziges großes Werk, außer eben diesen Peter Ustinov, wie er auftritt, wie er spitzbübisch schaut, die Leute zum Lachen bringt und am Ende unter rauschendem Beifall mit einem bezaubernden Watschelgang von der Bühne geht.

Er hat das Selbstdarstellen zur großen Kunst erhoben. Er steht für das goldene Zeitalter des Selbstdarstellens. Es war eine gute Idee, dem alten Ustinov für die Werbespots zur Expo in Hannover ausgerechnet Verona Feldbusch zur Seite zu stellen. Sie gehört zur neuen Sorte von Zirkuspferden. Sie stellt sich dumm, damit möglichst viele Leute sie mögen. Peter Ustinov schaffte es in seiner Epoche noch, klug zu wirken und trotzdem von fast allen gemocht zu werden.

Er hatte dabei, im Gegensatz zu Verona Feldbusch, nicht mal einen Schulabschluss. Ustinov behauptete gelegentlich, nie im Leben auch nur ein einziges Examen bestanden zu haben. Trotzdem wurde er in späten Jahren Kanzler der Universität von Durham, wurde zum Ritter geschlagen und stiftete in Budapest einen Lehrstuhl zur Erforschung von Vorurteilen. Zu viele Talente habe er, schrieb ein Kritiker. Das sei im Grunde sein Problem. Ustinov konnte oder wollte sich nicht entscheiden, machte alles Mögliche und machte es gut, obwohl er, wenn er sich mit aller Kraft auf eine einzige Disziplin gestürzt hätte, in dieser Disziplin vielleicht ein Titan geworden wäre. Aber wozu soll das gut sein? Gestern ist Peter Ustinov an Herzversagen gestorben. Er wurde 82 Jahre alt.

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