Zeitung Heute : „Die Geburt der Lichtgestalt“

Markus Kavka ist MTV-Moderator und Bayern-Fan. Letzteres lässt Anhänger aller anderen Vereine bereits verächtlich die Lippen schürzen. Aber Kavka war schon Freund der Münchner, als die noch nicht das Signet „Rekordmeister“ im Briefkopf führten. Also ist Kavka auch der richtige Mann für das tägliche WM-Camp des Musiksenders. Dort empfängt Kavka musizierende Fußballfans.

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Markus Kavka, uns ist das Gerücht zu Ohren gekommen, Sie hätten Endspielkarten.

Man darf es ja kaum laut sagen, aber in der Ticketfrage habe ich großes Glück gehabt, quasi die Kanzlerausstattung. Ich war beim Eröffnungsspiel, schaue mir noch Deutschland gegen Polen in Dortmund an und bin beim Endspiel. Alles andere verfolge ich im Fernsehen, schließlich bin ich ja auch noch täglich mit dem WM-Camp auf Sendung.

Keine Befürchtung, dass es Ihnen zu viel wird?

Ich habe für mich beschlossen, dass ich Runden meide, die mehr als zehn Leute umfassen. Ich werde die Spiele nur mit meinen besten Freunden gucken, von denen ich ganz genau weiß, dass sie sich nur für das Spiel interessieren.

Haken wir also zunächst einmal die wichtigsten Daten ab. Wann ging das bei Ihnen los mit dem Fußball?

Sobald ich laufen gelernt hatte, habe ich gegen den Ball gekickt.

Das behaupten alle.

Nein, ganz ehrlich. Mein Vater und mein Onkel waren beide fußballbegeistert und haben mir den Ball immer hingeworfen. Sie wollten eben, dass später mal ein großer Fußballer aus mir wird.

Und: Ist der Plan aufgegangen?

Ich war in der Jugend ein Mehmet-Scholl-Typ, bei aller Bescheidenheit. Ich habe immerhin eine ähnliche Position gespielt und war auf dem Platz ziemlich schnell und wendig.

Und die Schwächen ?

Defensiv war ich nicht der Stärkste.

Das bedeutet Landesliga? Oder nur bei der Hobbymannschaft auf die Einwechslung gewartet?

Zuerst habe ich beim SV Manching gespielt, in der A-Klasse, also auf einem recht niedrigen Niveau. In der A-Jugend bin ich dann zum MTV Ingolstadt gewechselt. Der war damals gerade in die 2. Bundesliga aufgestiegen und in der Region ein durchaus angesagter Klub. Ich habe dann sogar an der Tür zur ersten Mannschaft gekratzt, und es war plötzlich gar nicht so abwegig, dass ich mit Fußball ein bisschen Geld verdiene.

Da sahen Sie sich sicher schon im WM-Kader 1986, zusammen mit Uli Stein und Norbert Eder.

Klar! Wer tut das nicht? Aber ich habe früh erkennen müssen, dass mein Körper nicht mitmacht. Achillessehnen, Knie- und Knöchelgelenke ... Ich musste im Jahresrhythmus operiert werden – sich immer wieder heranzukämpfen, war schon sehr mühsam. Ich war also zum Zuschauen verdammt.

Welche WM war die erste für Sie?

1982, da war ich 15 Jahre alt und durfte schon lange aufbleiben und fernsehen. Deshalb habe ich die WM in Spanien dann haarklein verfolgt. Ich erinnere mich noch an die Spielkommentare über Telefon. Damals hätte man sich eine bessere Übertragungsqualität gewünscht. In der Rückschau empfinde ich es als angenehm, dass sich die Berichterstattung über weite Strecken auf die bloße Nennung der Spielernamen beschränkte und auch mal eine halbe Minute gar nicht gesprochen wurde. Es war gut zu wissen: Da ist jemand und erzählt einem dieses und jenes. Heute wird man von den Reportern ja über neunzig Minuten zugetextet, und das brauche ich nicht unbedingt.

Wie kommt das?

Vielleicht kommt es daher, dass das Spiel immer unansehnlicher geworden ist und die Kommentatoren sich gezwungen sehen, es über die Worte zu inszenieren. Oft wird ja der Satz bemüht: „Das war eines der schöneren 0:0“. Auf den Kommentatorenplätzen stehen die Laptops und spucken Unmengen an Daten aus, die dann massenhaft an die Zuschauer weitergegeben werden. Leider ist das wohl notwendig. Denn es gibt immer weniger Spielszenen, die bei uns vor dem Fernseher tatsächlich emotional nachhallen.

Welche Spielszene hat denn nachgehallt? Brehmes Elfmeter im Finale 1990? Oder Fischers Fallrückzieher gegen die Franzosen im Halbfinale 1982?

Am stärksten nachgehallt hat diese Szene nach dem Abpfiff, nach dem Finale 1990 in Rom: als Franz Beckenbauer da so gedankenverloren über den Rasen ging. Für mich war das die Geburt der Lichtgestalt. Vorher war er Kaiser, ab diesem Zeitpunkt war er dann unangreifbar. Das hatte etwas unfassbar Großes. Ich habe geweint.

Nehmen wir mal an, es schaut eine Fußballfee vorbei, und Sie hätten für die WM einen Wunsch frei: Wer soll es diesmal packen ?

Ich hätte schon ganz gern, dass Deutschland Weltmeister wird. Es ist nun mal die einzige WM, die ich bewusst in meinem Land mitbekommen werde. Deshalb soll unsere Elf so lange dabei sein, wie es irgendwie geht.

Heißt also: Achtelfinale?

Sagen wir es so: Wenn sie ins Finale kommt und dann wieder gegen Brasilien verliert, kann ich auch damit leben.

Und wer sollte auf keinen Fall im Finale dabei sein?

Oh, da gibt es einige ... Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich neidisch bin, dass die Holländer schöner spielen als wir. Dann sollen die nicht auch noch bei uns Weltmeister werden. Ich war auch nicht so glücklich, als Griechenland mit seinem Hardcore-Catenaccio Europameister wurde. So etwas soll bitteschön nicht noch einmal passieren.

Wird es nach der WM einen Fußballüberdruss geben?

Kommt ganz darauf an, wie Deutschland abschneidet. Wenn wir ins Viertelfinale und weiter kommen, wird sich die Euphorie noch eine ganze Weile halten. Andernfalls werden die Leute relativ schnell angenervt sein.

Das Gespräch führte

Dirk Gieselmann.

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