Zeitung Heute : Die Geburt des Möbelmagazins

Der Tagesspiegel

Von Amory Burchard

Uniforme Möbeldiscounter- und Heimwerkeroasen in Spandau und Waltersdorf, gutbürgerliche Einrichtungshochhäuser in Tiergarten-Mitte und Innenausstatter ohne Ende in der Kantstraße: Das ist der Berliner Möbelmarkt 2002, das vorläufige Ende der zweihundertjährigen Geschichte der hauptstädtischen Möbelherstellung für den Markt. Einer der Vorläufer war Tischlermeister Thielemann, der um 1800 Unter den Linden ein „Möbelmagazin“ eröffnete. Erstmals bot er dort ein Sortiment vorgefertigter Stücke an. Bis zur Jahrhundertwende war der Möbelmarkt eine exklusive Sache gewesen: Berliner Bürger ließen sich Schränke, Tische und Stühle ausschließlich maßanfertigen.

„Schöner Wohnen im schönen Staat“ - so der Titel einer Tagung der Berlin-Brandenburgischen Akademie am vergangenen Wochenende - ging um 1800 mit einer kleinen Revolution des Tischlerhandwerks einher. Nicht mehr nur auf Bestellung und nach Maß zu arbeiten, galt zunächst als verdächtig, fand der Berliner Kunsthistoriker Achim Stiegel, Mitarbeiter am Kunstgewerbemuseum, heraus. Die Fertigung von Möbeln unterlag einem strengen ständischen Reglement. Um nicht in den Ruch „fabrikmäßiger“ Anfertigung zu kommen, annoncierte ein Berliner Tischlermeister um die Jahrhundertwende sein Angebot im Möbellager mit einer Entschuldigung: Die Auftragslage für Maßmöbel stocke, er wolle seine Gesellen nicht entlassen und so habe er sie einen Vorrat anfertigen lassen, der jetzt zum Verkauf stehe.

Die Idee, konjunkturschwache Zeiten so zu überbrücken und das Geschäft durch Möbelausstellungen zu beleben, machte Schule. Die eigene Werkstatt wurde dazu bald zu klein. Die Tischlermeister eröffneten Ausstellungs- und Verkaufsräume und nannten sie Möbelmagazine. Den ersten Beleg für ein „großes Gewölbe, womit man ganze Häuser möblieren kann“, fand Achim Stiegel für 1788. Sechzehn solcher Räume gab es 1807 in Berlin, 1848 waren es schon 149. Nur die wenigsten wurden noch von einzelnen Meistern betrieben. Zunehmend taten sich mehrere zusammen zu einem „Möbelmagazin der vereinigten Tischlermeister“. Der gemeinschaftliche Verkauf bot ihnen Vorteile bei der Lagerung und bei der Präsentation ihrer Waren. Oft kamen auch Inneneinrichter anderer Zünfte dazu, die Teppiche, Spiegel und andere kunsthandwerkliche Produkte anboten. Diese Geschäfte wurden nicht mehr nur von Handwerksmeistern geführt, sondern von Kaufleuten. Damit waren die kaufmännischen Möbelmagazine geboren.

Die Zusammenarbeit verschiedener Handwerker ging keineswegs reibungslos vonstatten. Kurz vor der Jahrhundertwende rangen die Zünfte um ihre Monopole. Nach der überkommenen Verordnung mussten alle „zünftigen Arbeiten“ in separaten Werkstätten hergestellt werden. Erst ab 1797, mit der gesetzlichen Aufhebung des Monopols, wurde es möglich, dass etwa ein zeittypisch aufwendiges Schreibmöbel mit Schlössern, Rollen, Messingschmuck, Spiegeln und Marmorsäulen komplett in einer Werkstatt entstehen konnte.

Hinderlich für die Expansion des Berliner Möbelgewerbes war auch die Gesellenordnung. Bis 1795 galt, dass Gesellen im Haushalt des Meisters zu leben und ausschließlich in dessen Werkstatt zu arbeiten hatten. Wer aber im großen Stil für die neuen Möbelmagazine arbeitete, beschäftigte bald bis zu 150 Tischlergesellen. Nach der Auflösung der Vorschriften wandelte sich das Berufsbild grundlegend: Nicht mehr alle Gesellen strebten die Meisterprüfung an, sondern viele blieben Holzarbeiter. Sie lebten in Gesellenheimen und wurden zum Potenzial für die Märzrevolution von 1848.

Wer aber kaufte in den frühen Möbelmagazinen? Vom typischen Spandauer Schwedenmöbel-Kunden gibt es garantiert ein soziologisches Porträt, und in der Literatur haben sich die Billy-Regale auch schon niedergeschlagen. Das Berliner Bürgertum um 1800 dagegen hielt es offenbar nicht für nötig, Zeugnis vom etwaigen Möbelkauf abzulegen. So findet sich in Briefen Rahel und Karl August Varnhagen von Enses von und an 9000 Personen kein einziger Hinweis auf die Möblierung ihres berühmten „Salons“ im Haus an der Jägerstraße. Nikolaus Gatter, Vorsitzender der Varnhagen-Gesellschaft, fand lediglich lobende Erwähnungen der Varnhagenschen Bescheidenheit: „Es ging sehr schlicht zu . . .“

Der Kunsthistoriker Ernst Siebel rang der bildlichen Überlieferung doch noch einige Hinweise zur Innenausstattung des Berliner Salons ab. Er fand ein Bild, das einiges verrät über die Möblierung und die Soziologie dieser Geselligkeiten. Die colorierte Zeichnung Carl Friedrich Zimmermanns von 1816 zeigt in einem kleinen langezogenen Raum mit Sofa, rundem Teetisch und Klavier eine in mehrere Gruppen zerfallene Gesellschaft. Ein Mann sitzt lesend auf dem Sofa, die Frau daneben handarbeitet, eine Frau lauscht dem Klavierspieler, ein Mann verabschiedet einen anderen an der Tür. Was fehlt, sind Stühle, die ein bequemes Gruppengespräch um den Teetisch ermöglichen würden. Tatsächlich wird in zeitgenössischen Erinnerungen an die Salon-Kultur oft beklagt, dass der Gesprächskreis häufig zerfiel. Ein beherzter Gang ins Möbelmagazin hätte der Zimmermannschen Gesellschaft vielleicht helfen können.

Die Akademie-Tagung wird am 20. und 21. April mit Vorträgen über „Berliner urbane Topographie um 1800“ fortgesetzt (Akademiegebäude, Jägerstraße 22-23, Mitte).

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