Zeitung Heute : „Die Gefahr ist rechtzeitig erkennbar“

Der Psychotherapeut Kröber über Schuld und Sühne

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Herr Kröber, halten Sie es für sinnvoll, Schwerverbrecher für immer wegzusperren?

Das ist bei einer bestimmten Untergruppe von Straftätern sinnvoll und notwendig und wird ja auch praktiziert. Die sitzen dann bis ins Alter hinter Gittern, manche sterben da.

Gibt es denn Alternativen dazu?

Nein, wenn diese Gruppe sorgfältig ausgesucht ist. Es gibt eine kleine Gruppe sehr gefährlicher Täter, die als solche wirklich gut identifizierbar ist – die dann auch zu Recht in der Sicherungsverwahrung sind. Das Problem, das wir jetzt bekommen, ist, dass der Opa, der nun das dritte Mal vor Gericht steht, weil er Kinder angetatscht hat, auch in die Sicherungsverwahrung soll. Unabhängig von der Schwere der Sexualstraftat soll plötzlich jeder Rückfalltäter weggeschlossen werden. Das macht Probleme – allein mengenmäßig, weil wir viele neue Gefängnisse brauchen.

Wie lassen sich denn die wirklich Gefährlichen von den anderen unterscheiden?

Die Hochgefährlichen ließen sich schon immer recht gut identifizieren. Wir haben das Problem mit der nachträglichen Sicherungsverwahrung jetzt wegen einer Reihe von Einzelfällen, bei denen jeder rechtzeitig wusste oder wissen konnte, dass der Angeklagte gefährlich ist und man trotzdem alle Augen zugedrückt hat. So wurde das Problem in die Haft abgedrückt und da haben die dann festgestellt, dass der Gefangene angesichts seiner Vorgeschichte hochgefährlich sei. Auf einmal sagen alle: klar, den können wir nicht rauslassen. Das sind alles geschlamperte Fälle, die schon im Erkenntnisverfahren eindeutig als gefährlich identifizierbar waren.

Das Argument, die Personen seien erst in Haft als gefährlich erkannt worden, ist hinfällig?

Ja. Da ist der Widersinn dieser Regelung erkennbar: es heißt, dass neue Erkenntnisse während der Haft zu einer Sicherungsverwahrung führen sollten. Diese neuen Erkenntnisse ergeben sich aber nicht aus neuen Straftaten. Denn dann könnte man den Betreffenden erneut verurteilen und ihm dabei Sicherungsverwahrung geben. Neu kann also nur sein, dass der Inhaftierte nicht mitgearbeitet hat am Vollzugsziel, er war kein guter Gefangener. Allein darauf kann man keine negative Prognose stützen.

Besteht die Gefahr, unter dem Druck der Öffentlichkeit den einen oder anderen zu schnell in Sicherungsverwahrung zu übergeben?

Ja. Sicher. Wir sind bisher mit unserer resozialisierenden Strafvollstreckung zur Verhinderung erneuter Straffälligkeit ganz gut gefahren. Und das wird auch nicht dadurch widerlegt, dass es Einzelfälle gibt, wo entlassene Strafgefangene wieder schlimme Sachen machen. Von daher sollte man Veränderungen mit Bedacht angehen und nicht jeden gleich für einen hoffnungslosen Fall halten.

Das Gespräch führte Stephanie Nannen.

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