Zeitung Heute : Die Gefahr ist sicher

Frank Jansen

Pakistans Regierung hat Osama bin Laden „aus den Augen verloren“, nachdem sein Aufenthaltsort schon recht genau bestimmt war. Wie konnte das passieren?

Die peinlichen Auftritte mehren sich. Wenn Pakistans Präsident Pervez Musharraf über die Jagd auf Osama bin Laden und weitere Chefterroristen spricht, kündigt er Erfolge an, die dann ausbleiben. Oder es ist ein Debakel zu vermelden. Wie diesmal. Bei einer Militäroffensive vor acht bis zehn Monaten im Grenzgebiet zu Afghanistan sei eine „deutliche Spur“ von Osama bin Laden gefunden worden, sagte Musharraf jetzt gegenüber der BBC, doch sei der Al-Qaida-Chef entkommen. Und jetzt habe die Armee ihn aus den Augen verloren. Vor einem Jahr war Musharraf noch recht kühn aufgetreten. Im März 2004 behauptete er im Gespräch mit CNN, an der Grenze zu Afghanistan sei „ein hochrangiges Ziel“ eingekreist. Aus der Umgebung des Präsidenten wurde vermittelt, es handele sich um Aiman al Sawahiri, den Stellvertreter bin Ladens. Doch dann war Sawahiri weg.

Für die Pleiten ist Musharraf nach Ansicht von Sicherheitsexperten mitverantwortlich. „Das große Problem ist Pakistans Geheimdienst ISI“, sagt US-Fachmann Thomas M. Sanderson, Vizedirektor des Washingtoner „Center for Strategic & International Studies“ und derzeit Fellow an der American Academy in Berlin. Teile des ISI (Directorate for Inter-Services Intelligence) unterstützten die afghanischen Taliban und die gegen Indien kämpfenden Kaschmir-Rebellen. Beide sind mit Al Qaida liiert. „Bin Laden bekommt gute Informationen“, sagt Sanderson. So lange sich der Al-Qaida-Anführer in Pakistan aufhalte, „ist er sicher“.

Ähnlich äußern sich deutsche Nachrichtendienstler. Da ist zu hören, das pakistanische Regime wolle als verläßlicher Partner im Kampf gegen den Terror erscheinen. Ab und zu werde auch ein prominenter Terrorist festgenommen. Dennoch betreibe Musharrafs Apparat eine doppelzüngige Politik: gegen Al Qaida, aber zugunsten der Taliban und islamistischer Kaschmir-Terroristen wie der Gruppe Lashkar-e-Toiba. In deren Lagern fanden Al-Qaida-Kämpfer nach dem US-Einmarsch in Afghanistan Zuflucht.

So verläuft die Jagd auf Osama bin Laden, Aiman al Sawahiri und ihre mehreren hundert Kämpfer in der westpakistanischen Provinz Wasiristan meist nach demselben Muster. Das Militär unternimmt einen begrenzten Vorstoß, hebt Waffenlager aus, nimmt einheimische und ausländische Krieger fest. Doch dem großen Zusammenprall mit den paschtunischen Stämmen, die Al Qaida schützen, weicht die Armee aus. Sie wagt es nicht, Wasiristan und weitere „tribal areas“ an der Grenze zu Afghanistan komplett aufzurollen. So bleiben ganze Regionen, wie das Schawal-Gebirge in Nord-Wasiristan, staatlicher Gewalt entzogen.

Musharraf nimmt offenbar eher in Kauf, wegen der Misserfolge im Anti-Terror-Kampf weltweit an Ansehen zu verlieren, als mit energischem Durchgreifen einen Bürgerkrieg zu riskieren. Die Gefahr ist allerdings nicht zu unterschätzen. Legt sich Musharraf mit den Paschtunenstämmen an, trifft er auf schwer bewaffnete Kämpfer, die in den Bergregionen kaum zu schlagen sind. Macht der Präsident Front gegen die Kaschmir-Rebellen, wird ihm fast ganz Pakistan den Verrat am historischen Ziel – der Eingliederung des indischen Teils Kaschmirs – vorhalten.

So bleibt Osama bin Laden nahezu unbehelligt. Al Qaida konnte sogar im März 2004 in Wasiristan eine Art internationales Terrortreffen veranstalten. Dabei sollen Anschläge besprochen worden sein.

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