Zeitung Heute : Die Gefahr kommt aus dem Westen

„Kyrill“ war einer der stärksten Stürme seit 20 Jahren. Hängen die Wetterkapriolen mit dem Klimawandel zusammen?

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Ein Meteorologe beschreibt die stürmische Wetterlage über Europa mit ganz nüchternen Worten: Wenn es in der Luft einen Temperaturabfall zwischen zwei Regionen gebe, dann übertrage sich dieser Unterschied eben auch auf den Luftdruck. Luft strömt normalerweise von Hoch- in Tiefdruckzonen. Und je größer die Temperaturdifferenzen sind, desto heftiger weht also der Wind. Auf den aktuellen Fall bezogen heißt das: Weil es in der Arktis normal kalt ist, der Nordatlantik aber ungewöhnlich warmes Wasser führt, entstehen Stürme wie das Tief „Kyrill“ mit seinen Orkanböen – so erklärt es Johann Jungclaus vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg.

Gleichzeitig zeigen Klimamodelle, dass die Winter in Deutschland im Durchschnitt immer milder werden – zumindest wenn der aktuelle Ausstoß an Kohlendioxid weiter anhält. Die derzeitigen Wetterkapriolen tragen nach Ansicht vieler Forscher tatsächlich die Handschrift eines längerfristigen Wandels. Immerhin bescherte das Jahr 2006 Deutschland bereits den wärmsten Herbst aller Zeiten sowie weitere Wetterrekorde. 2006 war das sechstwärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen.

Trotzdem beweisen starke Stürme allein noch keine Klimaveränderung. Skeptiker führen vor allem ein Argument an: Alle Computerberechnungen der Forscher zeigten, dass die Klimaerwärmung am stärksten die Arktis treffe. Wenn im Norden die Temperaturen kräftiger als im Süden steigen, müssten die Temperaturgegensätze geringer werden und es müssten künftig sogar weniger Stürme auftreten, sagen manche Forscher.

Gregor Leckebusch von der Freien Universität Berlin widerspricht dieser These: Entscheidend für die Entstehung von Orkanen seien nicht die Temperaturen am Boden, sondern die Verhältnisse in fünf bis acht Kilometern Höhe. Dort oben, in der sogenannten mittleren Troposphäre, haben die Temperaturgegensätze nach seinen Berechnungen in den vergangenen Jahren stetig zugenommen – ein möglicher Auslöser für starke Stürme.

Der Sturm passe in die gegenwärtige Entwicklung, findet auch Peter Werner vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. „In Zeiten eines raschen Klimawandels treten extreme Ereignisse eben häufiger auf“, sagt er. Neben diesem Trend verzeichnen die Forscher auch ein zweites Phänomen: „Seit den 70er Jahren beobachten wir eine Zunahme der Westwetterlagen in Europa im Winter“, sagt Werner. Diese brächten milde und feuchte Luftmassen vom Atlantik. Wenn in das verstärkte Westwindband häufiger Tiefs eingelagert seien, wachse die Wahrscheinlichkeit für Sturmtiefs.

Ralf Weiße und seine Kollegen vom GKSS-Forschungszentrum Geesthacht bei Hamburg haben sich diese Zusammenhänge genauer angeschaut: Ihre Computermodelle zeigen eine Zunahme der Stürme um knapp zehn Prozent für das Ende dieses Jahrhunderts. Zurzeit registriert die Statistik drei oder vier Stürme im Winterhalbjahr in Mitteleuropa. Allerdings gibt es Jahre mit vielen Stürmen, andere Winter verlaufen recht ruhig. Liegt Deutschland zum Beispiel wie im Winter 2005/2006 lange Zeit unter einem Kältehoch, bauen sich kaum Temperaturgegensätze auf. Im Januar und Februar 1989 wirbelten dagegen gleich vier schwere Stürme den Verkehr in Deutschland durcheinander. Und im Dezember 1999 gab es drei extreme Stürme nacheinander. Seit dem Januar 2004 wiederum fielen die schweren Stürme ganz aus.

Orkantief „Kyrill“ war also zumindest für das Bauchgefühl eines Laien nach drei ruhigen Jahre „fällig“. Ein eindeutiger Beweis für den Klimawandel ist dieser einzelne Sturm genauso wenig wie der bisher außergewöhnlich milde Winter. Doch wenn der Ausstoß von Treibhausgasen nicht bald kräftig gedrosselt wird, dürften solche Stürme in Zukunft tatsächlich häufiger werden. Was das bedeutet, haben GKSS-Forscher für die Küste bereits ausgerechnet: Sturmfluten werden 20 bis 40 Zentimeter höher als heute auflaufen. 1962 hatte eine solche Jahrhundertsturmflut Teile Hamburgs unter Wasser gesetzt und 60 000 Menschen obdachlos gemacht.

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