Zeitung Heute : Die gefühlte Auferstehung

Applaus, Dankesreden, Blumen – nach der Wahl ist die SPD-Zentrale voller Gerd-Glauben

Stephan Haselberger Axel Vornbäumen

Von den Lebensweisheiten, die er sich im Laufe seiner Karriere zu Eigen gemacht hat, ist diese wohl nicht die unwichtigste. „Das Land“, hat Gerhard Schröder, harter Mann aus kleinen Verhältnissen, einmal gesagt, „das Land muss mit der Leber regiert werden.“

Die seine kann einiges ab, und auch am Willen zum Regieren mangelt es diesem Kanzler nicht, weiß Gott. Er wollte die Wahl zur Vertrauensabstimmung über seinen Reformkurs machen, aber die SPD ist nicht stärkste Fraktion geworden am 18. September. Trotzdem sieht er einen klaren Regierungsauftrag, von den Deutschen – erteilt an ihn, Gerhard Schröder, Sohn des Pioniergefreiten Fritz Schröder. Als der am 4. Oktober 1944 in Rumänien fällt, ist der Junge Gerhard nur ein paar Monate alt. Er wird früh lernen, zu kämpfen. Und auf Regeln zu pfeifen.

Schröder reklamiert das Mandat schon am Wahlabend für sich, erst vor den jubelnden Genossen in der Parteizentrale, dann im Fernsehen in der „Berliner Runde“, dann wieder, zu später Stunde, im Willy-Brandt-Haus, wo er den Seinen zuruft: „Beugt euch nicht dem Machtanspruch der anderen Seite.“ Dort, in der SPD-Zentrale, sieht man ihn feiern bis früh um eins, seine Frau Doris ist dabei, außerdem die Minister Otto Schily, Wolfgang Clement, Heidemarie Wieczorek-Zeul. Manche aus der Runde sollen anschließend noch mit ins Kanzleramt gezogen sein, um einen Sieg zu begießen, der vor allem ein interpretatorischer ist. Schröder hat ihn für sich beansprucht. Basta. Jetzt will er ihn durchsetzen. „Nur die Harten kommen in den Garten“ – auch das so ein Schröder-Spruch.

Am Montag sitzt er schon morgens um neun wieder in der Parteizentrale, Gespräch mit Franz Müntefering, dem SPD-Vorsitzenden. Danach tagen das Präsidium, der Parteivorstand, es gibt viel Applaus, sogar Ursula Engelen-Kefer, die notorische Nörglerin an Schröders Agenda-Kurs bekennt sich, gefangen von der Faszination des Augenblicks, zum Kanzler – und erntet heiteres Erstaunen. Zwischendurch, für die Kameras, reicht Müntefering dem „Gerd“ einen Blumenstrauß, in Rot natürlich, mit „herzlichem Glückwunsch“ und besonderem Dank „für einen unglaublich engagierten Wahlkampf“. Schröder reckt da die Arme zur mittlerweile schon bekannten Siegespose und gibt das Kompliment zurück an „diese großartige Partei“. Die SPD, schmeichelt er, habe gespürt, dass sie gebraucht werde; sie habe den Willen deutlich gemacht, „das Land zu führen“. Nun sei es seine Aufgabe, „diesen Willen auch durchzusetzen – „und das werden wir tun, denke ich“. Das hatte er am Abend schon so formuliert, in einem Akt von formidabler Autosuggestion, auf Rockkonzertlautstärke.

Bloße Kraftmeierei? Größenwahn? Gar Realitätsverlust? Oder doch der geniale Zug eines begnadeten Spielers, der den Einsatz so lange erhöht, bis sein Gegenüber passen muss? Setzt Schröder darauf, sich im Bundestag notfalls mit relativer Mehrheit im dritten, geheimen Wahlgang zum Kanzler wählen zu lassen? Will er sich in einer großen Koalition die Amtszeit mit einem Unionskanzler teilen? Oder soll Angela Merkel schlichtweg mürbe gemacht werden, solange, bis sie von den Ihren als „Dispositionsmasse“ in die Verhandlungen um die große Koalition eingeführt wird, wie man im Willy-Brandt-Haus spekuliert?

Wenn es ein Unbehagen geben sollte in Schröders „großartiger Partei“, dann geben sich die Genossen am Montag alle Mühe, es nicht zu zeigen. Auf dem Weg in den Vorstand sieht man am Mittag zum Beispiel den Mainzer Ministerpräsidenten und SPD-Vize Kurt Beck mit einem sehr satten Grinsen im Gesicht. Oder den Parteiratsvorsitzenden Rüdiger Fikentscher, der mal keine Leidensmiene zur Schau trägt, sondern von einem „grandiosen Sieg“ schwärmt. Und dann ist da noch der stellvertretende Fraktionsvorsitzende und bayerische Polemiker Ludwig Stiegler, der aussieht wie Garfield kurz vor dem Vertilgen der Lasagne. Für dieses glückliche Wesen ist der Wahlausgang so etwas wie ein Erweckungserlebnis: „Wir sind auferstanden“, sagt es.

Überhaupt scheint die SPD am Tag danach vor allem aus Gläubigen zu bestehen. Selbst die Nachdenklichen sind auf Linie, wie Thomas Mirow etwa, Wirtschaftsberater im Kanzleramt. Mirow gehört zu den Bedächtigeren im Lande. Als er am Sonntagnachmittag im Kanzleramt die Prognosezahlen auf den Tisch bekam, wollte er den Einbruch der Union nicht glauben. Abends dann, mitten im Euphorie-Gewühl, plädiert er dafür, die analytische Nüchternheit wiederzuerlangen und die Zeit für sich arbeiten zu lassen. Mirow sieht die Union gewissermaßen in einer „osmotischen Situation“, der innerparteiliche Druck auf Angela Merkel werde täglich wachsen, der Kanzler könne nun ruhiger abwarten.

Kann er das? Ein psychologisches Kräftemessen hat da angehoben. Die eigenen Reihen müssen geschlossen bleiben. Noch ist es nur Klaus von Dohnanyi, des Kanzlers Berater für Ostdeutschland, der ausschert. Wenn die Union stärkste Fraktion werde, sagt der Sozialdemokrat, dann „sollte Gerhard Schröder diesen Umstand akzeptieren und nicht selbst eine große Koalition bilden wollen“.

Der Arithmetik von Franz Müntefering widerspricht das fundamental. Der leitete den SPD-Auftrag zur Regierungsbildung am Montag aus dem Umstand ab, dass es sich bei CDU und CSU um verschiedene Parteien handelt. Diese formale Logik hat zwar in der Vergangenheit nie eine Rolle gespielt, bietet aber den Vorteil, dass sie die SPD zur stärksten Partei macht. Und wenn man anders rechnet? Am Montagnachmittag wird Müntefering gefragt, ob man der Fairness halber dann nicht auch das bayerische SPD-Ergebnis herausrechnen müsse. „Das“, sagt Müntefering, „ist uns zu kompliziert.“

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