Zeitung Heute : Die geheime Frau

Fidan, 19, Türkin, wurde zwangsverheiratet. Dann lief sie weg – und fürchtet nun um ihr Leben

Claudia Keller

Fidan fällt nicht auf. Millionen junge Frauen in Deutschland stecken in Jeans, T-Shirt und Kapuzenpulli. Die anderen sind mit 19 auf dem Weg zur Arbeit oder zur Uni. Fidan ist auf der Flucht. Sie ist davongelaufen aus einer Ehe, die ihr die Eltern aufgezwungen haben und für die sie in ein fremdes Land geschickt wurde, damit die Ehre wiederhergestellt ist.

Jetzt sitzt die junge Frau in einem Konferenzraum im Berliner Abgeordnetenhaus. Sie hofft, dass Berlin, dass Deutschland sie schützt vor den Todesdrohungen und hilft, ein neues Leben aufzubauen. Das gediegene Ambiente des Sitzungssaals könnte kaum in größerem Kontrast stehen zu dem staubigen Dorf im Osten Anatoliens, aus dem Fidan vor einem Jahr gekommen ist. In diesem Dorf basiert der Stolz der Familien auf einer Herde Schafe und der Jungfräulichkeit der Töchter. Damit am Stolz nichts abbricht, werden die Mädchen mit 14 verlobt. „Bei uns im Dorf gibt es keine Liebe, da werden die Dinge nur verhandelt“, sagt Fidan.

Für sie war damals zunächst ein 20-jähriger Cousin ausgesucht worden. Nach fünf Jahren Volksschule hatte Fidan da gerade eine Ausbildung zur Näherin begonnen. „Ich wollte weiter zur Schule gehen, arbeiten, ich wollte nicht heiraten“, sagt sie auf Türkisch. Seit September lernt sie Deutsch. Canan Bayram, SPD-Abgeordnete und Fidans Anwältin, übersetzt.

Die Hüter der Tradition in Fidans Heimatdorf sind die Männer. Der Großvater hatte das Versprechen gegeben, dass eine Tochter aus Fidans Familie an die des Onkels verheiratet wird. „Mich hat es getroffen, weil ich im verlobungsfähigen Alter war“, sagt Fidan. Sie nahm Tabletten. Man musste ihr den Magen auspumpen. Verschont wurde sie deshalb nicht.

Nach dem Selbstmordversuch wollte der Cousin sie nicht mehr haben. Sie durfte aber auch nicht mehr in den Nähkurs. Das war die Strafe dafür, dass Fidan vom Familienstolz eine Ecke abgebrochen hatte. „Ich bin trotzdem in den Kurs gegangen. Wenn ich nach Hause kam, gab es Geschrei, Schläge. Am nächsten Morgen bin ich wieder gegangen.“ Fidan vergräbt das Gesicht in den Händen.

„Nach einer Weile kam im Dorf das Gerücht auf, der Cousin habe die Verlobung gelöst, weil ich keine Jungfrau mehr war. Das stimmte nicht. Aber mir glaubte sowieso niemand.“ Fidan stockt. Nach einer Pause sagt sie: „Ich soll mich in Acht nehmen, haben sie gesagt. Und mir Geschichten erzählt von Frauen, die beim Picknick im Fluss ertrunken sind.“ Die Anwältin sagt, solche Drohungen seien sehr ernst zu nehmen. Jeder in solchen Familien kenne Frauen, die plötzlich verschwunden sind. Aber wer sollte eine wie Fidan nehmen, die schon einmal verlobt war?

Eine Tante in Berlin fand schließlich einen Mann für Fidan: deutscher Pass, türkische Herkunft, Mitte 50, Hartz-IV-Empfänger, Vorliebe fürs Glücksspiel. Er kam ins Dorf. „Ich ekelte mich“, sagt Fidan. Es wurde Verlobung gefeiert. Wieder nahm sie Tabletten. Wieder pumpte man ihr den Magen aus. Diesmal kamen Polizisten und befragten sie. Aber die Verwandten bestanden darauf, dabei zu sein. Sie hatten Fidan eingeschärft, zu sagen, sie habe die Tabletten bloß verwechselt.

Als sie ein Jahr später volljährig war, kam der Mann aus Berlin wieder. Jetzt musste die Jungfräulichkeit bewiesen werden. Fidan lacht auf, laut und hoch und so, dass es auch ein Schluchzen sein könnte. Die Anwältin sagt: „Es war eine Vergewaltigung.“ Und fragt, ob man jetzt nicht aufhören könnte mit dem Interview.

Vor einem Jahr flog Fidan in Begleitung einer Verwandten schließlich nach Berlin. Sie wohnte mit ihrem Mann in einer Einzimmerwohnung. Wenn sie nicht mit ihm in einem Bett schlafen wollte, schlug er sie. Er wollte, dass sie Geld verdient, und suchte ihr eine Stelle als Putzfrau. Für Fidan war das ein Glück. So kam sie manchmal aus der Wohnung. Sie lernte andere türkische Frauen kennen und deren Familien. „Ich werde dafür sorgen, dass du abgeschoben wirst, wenn du wegläufst“, drohte ihr Mann. Sie machte trotzdem ein paar Versuche. Die neuen Freunde halfen ihr, Beratungsstellen zu finden und Anwälte. Die aber sagten, sie solle die Zähne zusammenbeißen und noch ein Jahr durchhalten. Denn erst wer mindestens zwei Jahre mit einem Deutschen verheiratet ist, hat ein Recht, alleine dauerhaft hierzubleiben. Lässt sich Fidan vorher scheiden, wird sie ausgewiesen. Bevor das neue Zuwanderungsgesetz vor einem Jahr in Kraft getreten ist, waren es drei Jahre. Jetzt sind es nur noch zwei.

Im September fing Fidan an, heimlich in der Volkshochschule Deutsch zu lernen. Lehrerinnen machten ihr Mut wegzulaufen. Und Fidan tauchte unter, heute wohnt sie bei Freunden. Ihre Lehrerinnen knüpften auch den Kontakt zu Canan Bayram. Die ist entschlossen, Fidan ein Aufenthaltsrecht zu erkämpfen, trotz der Zweijahresfrist. „Die Regelung im neuen Zuwanderungsgesetz ist eine Verbesserung, aber sie reicht nicht“, sagt Bayram. Der Opferschutz müsse stärker werden. Fidan ist ja kein Einzelfall. Die Polizei sagt, noch immer kämen 60 Prozent der Frauen, mit denen arabische und türkische Männer in Berlin verheiratet werden, aus ihren Heimatländern.

Fidan will ihren Mann wegen Vergewaltigung, Zwangsheirat und Gewalttätigkeit anzeigen. Sie lächelt. Sie will sich nicht unterkriegen lassen. Die Anzeige ist geschrieben, aber noch nicht abgeschickt. Der Scheidungsantrag ist in Vorbereitung. Die Anwältin sagt, zuerst müsse sie Fidan klarmachen, was dann auf sie zukomme. „Es ist dann nicht mehr nur ein Verweigern, sondern ein Wehren.“ Erst dann werde sie sich richtig mit ihrer Familie und der des Mannes anlegen.

Seit sie vor ein paar Wochen weggelaufen ist, sucht ihr Ehemann nach ihr. Deshalb darf in der Zeitung nicht ihr richtiger Name stehen. Vielleicht müsse man sich bald andere Schutzmaßnahmen ausdenken, Umzug in eine andere Stadt, sagt Bayram. Fidan schaut auf die Uhr, sie steht auf, sagt, dass sie müde sei, kein guter Tag heute. Im Deutschkurs habe der Lehrer gefragt, warum sie so still sei. Sie habe nur gedacht, dass ihr alles zu viel ist. Die Probleme, das Leben. Canan Bayram nimmt sie in den Arm und sagt: „Wir haben doch alle mal schlechte Tage, nicht wahr?“

Nur dass eben nicht bei allen alles auf dem Spiel steht.

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