Zeitung Heute : Die Geisel Wahrheit

Auf dem Video seiner Entführer war er frisch rasiert, plötzlich kam der US-Soldat Hassoun frei. Nun zweifeln viele: War alles inszeniert?

Malte Lehming[Washington]

Sein Bild ging um die Welt. Auf der linken Schulter liegt eine Hand, die Augen sind mit einem dichten, weißen Tuch verbunden, über dem Kopf schwebt ein Schwert. Der arabische Satellitensender Al Dschasira zeigte das Video am 27.Juni. Eine obskure, bis dato unbekannte Gruppe mit Namen „Islamische Antwort“ erklärte sich in einem Begleitschreiben für die Entführung verantwortlich. Der US-Marine Wassef Ali Hassoun werde geköpft, warnte sie, falls nicht alle irakischen Gefangenen freigelassen würden. Er wäre der erste amerikanische Soldat und erste amerikanische Muslim, der im Irak auf diese Weise ermordet würde. Ein Drama bahnte sich an.

Entsprechend ernst nahm man die Sache beim Militär. Ein amerikanischer Geschäftsmann und ein koreanischer Übersetzer waren im Irak bereits geköpft worden. Doch etwas war seltsam an dem Video. Hassoun schien nicht unter Stress zu stehen. Er war frisch rasiert. Er habe nicht ausgesehen wie ein Mann, dessen Leben in akuter Gefahr sei, sagte später ein Vertreter der Armee. Das sollte nicht die einzige Ungereimtheit bleiben.

Die ganze Geschichte ist äußerst rätselhaft. Anfang und Ende sind klar. Aber was in den 19 Tagen der Entführung geschah, ist verwirrend bis zur Groteske. Wollte Hassoun desertieren? Hat er seine Entführung selbst inszeniert? Die Familie dementiert. Daraufhin taucht das FBI dort auf. Das Pentagon leitet eine Ermittlung ein. Die Gerüchte überschlagen sich. Der „Fall Hassoun“ elektrisiert ganz Amerika. Er ist zum Topthema geworden.

Fangen wir mit dem Ende an. Hassoun, der in der „1st Marine Expeditionary Force“ als Übersetzer und Fahrer tätig war, ist frei und wohlauf. Der gebürtige Libanese tauchte am Donnerstagabend gegen 18 Uhr in der US-Botschaft in Beirut auf. Inzwischen dürfte er im Militärkrankenhaus in Ramstein sein. Dort soll er medizinisch und psychologisch betreut werden. Anschließend soll seine Befragung beginnen. Wann er zurück in die USA kommt, ist offen. Seine Kaserne ist das „Camp Lejeune“ im Bundesstaat North Carolina.

Der Anfang der Geschichte ist ebenso rasch erzählt. Hassoun wächst in der libanesischen Stadt Tripoli auf. Deren Bewohner gelten als besonders konservativ, religiös und antiamerikanisch. Dennoch besucht der Junge die amerikanische Schule. Die Vereinigten Staaten sind sein Traum. Im Jahr 1999 reist er ein. Zusammen mit seinem Bruder lebt Hassoun in einem Vorort von Salt Lake City im Bundesstaat Utah. Zwei Jahre später meldet er sich zu den Marines. Er heiratet eine Amerikanerin, lässt sich aber nach kurzer Zeit wieder scheiden. Dann geht er eine Fernehe ein. In Abwesenheit heiratet Hassoun eine Cousine in Tripoli. Sein Vater unterzeichnet stellvertretend für ihn die Urkunde. Das war vor einigen Monaten.

Fast zeitgleich wird seine Einheit in den Irak verlegt, in die Nähe der Stadt Falludscha. Das ist die Hochburg der Aufständischen. Am 19.Juni wird Hassoun zum letzten Mal gesehen. Als er tags darauf nicht zum Dienst antritt, meldet die Armee ihn als vermisst. Eine Woche später, unmittelbar vor der heiklen Phase des Machttransfers, taucht das Video auf. Zweifel an der Identität des Entführten gibt es keine. Dann überschlagen sich die Ereignisse. Am 3. Juli behauptet die militante Organisation Ansar al Sunna auf einer Webseite, Hassoun sei geköpft worden, das Video von der Tat werde später veröffentlicht. Einen Tag später dementiert dieselbe Organisation auf einer anderen Webseite. Hassoun sei am Leben. Wieder einen Tag später berichtet Al Dschasira, Hassoun sei an einen sicheren Ort gebracht worden, weil er versprochen habe, seinen Dienst in der Armee zu quittieren.

Seit Mittwoch verdichten sich die Hinweise, der Gesuchte sei im Libanon. „Wir haben ein Zeichen von ihm erhalten, dass er lebt und freigelassen wurde“, sagt sein älterer Bruder Sami. „Das Zeichen kann nur von ihm selbst stammen. Es ist etwas, das kein anderer weiß.“ Einen Tag später meldet sich Wassef Ali Hassoun selbst bei der amerikanischen Botschaft in Beirut. Fast zeitgleich brechen in Tripoli, seiner 80 Kilometer nördlich gelegenen Heimatstadt, schwere Kämpfe aus. Nachbarn beschuldigen die Hassouns, Verräter zu sein und mit den Amerikanern zu paktieren. Zwei Menschen sterben. So weit die Fakten.

Was aber geschah tatsächlich? Hassoun habe desertieren wollen, sagen seine Kameraden. Er sah, wie einer seiner Vorgesetzten von einer Granate zerfetzt wurde. Das habe ihn zutiefst erschüttert. Darauf habe er Iraker bestochen, ihn außer Landes zu bringen. Die wiederum könnten ihn an eine Terrorgruppe verraten haben. Das ist These Nummer eins. Laut These Nummer zwei war Hassoun extrem raffiniert. Deserteuren droht in Amerika die Todesstrafe. Um der Strafverfolgung zu entgehen, könnte er seine Entführung inszeniert haben. Das Pentagon in Washington bestätigt inzwischen, dass auch diese Möglichkeit in Betracht gezogen wird.

Dafür sprechen die engen Beziehungen zwischen der Familie Hassoun in Tripoli und islamistischen Organisationen. Entsprechende Kontakte sind nachgewiesen. Die Familie selbst sagt freilich, sie habe sich lediglich Hilfe suchend an die „Dschamma Islamija“ gewandt, damit diese in dem Entführungsfall vermittelt. Das habe schließlich den erhofften Erfolg gehabt. Dagegen spricht der ungebrochene Patriotismus, den Hassouns Familienmitglieder in Utah an den Tag legen. Im Garten des Hauses wehen amerikanische Fahnen. Davor campen Dutzende von Journalisten. Sie warten, wie die ganze Nation, auf die Wahrheit.

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