Zeitung Heute : Die Geister von Gaza

Das Ziel: eine „wahrhaft islamische Gesellschaft“. Der Weg: Sozialarbeit und Morde. Bald muss sich die Hamas entscheiden

Andrea Nüsse[Gaza-Stadt]

Tagsüber wirkt das Gelände wie ein Spielplatz. Meterhohe Leitern stehen im Sand, ein Gerüst mit Seilen, eine Tunnelanlage aus Betonröhren zum Durchkriechen. Am Nachmittag spielen hier Kinder.

Wenn es dunkel wird, kommen junge Männer mit schwarzen Stoffmasken über dem Kopf und bloßem Oberkörper. Im Dauerlauf tauchen sie aus dem Nichts auf, robben auf dem Boden, ringen sich gegenseitig nieder, und üben, mit Hilfe eines Strommastes auf den Schultern, eine Tür zu rammen. Der Schweiß rinnt ihnen den Oberkörper hinunter, das ist im Flutlicht gut zu erkennen. Rufe gellen über das Feld: „Gott ist groß.“ Das Gelände – etwa 100 Meter von einem Posten der palästinensischen Autonomiebehörde entfernt – ist ein Ausbildungsplatz der islamistischen Hamas. Es befindet sich in Gaza-Stadt.

Abu Salah ist der Einzige, der keine Maske trägt. Der etwa 40-jährige Ausbilder mit gestutztem Vollbart und hellem Hemd und Hose leitet das Training, die 50 Männer, denen er befiehlt, sind ein Sonderkommando der Hamas. „Zwei Monate lang trainieren wir jeden Abend drei Stunden lang“, sagt er. Erst ideologisches Training, dann Krafttraining und zuletzt Übungen mit Waffen. Aber wozu das Ganze, wo die Hamas doch seit zwei Wochen täglich feiert, dass sie angeblich mit ihrem Widerstand die israelischen Siedler und Soldaten aus dem Gaza-Streifen vertrieben hat? „Die Israelis könnten ja wiederkommen. Außerdem werden diese Hände die Westbank und Jerusalem befreien.“ Abu Salah zieht zwei Handgranaten aus der Hosentasche, stolz verweist er auf das Etikett, das die Hamas als Hersteller nennt.

Die Bewegung hat den Widerstand auch nach dem Abzug Israels aus dem Gazastreifen nicht aufgegeben. Wie auch, beruht doch ihre Popularität zu einem großen Teil auf dem Kampf gegen die Besatzer.

Ruft die Hamas, kommen tausende, sogar auf dem Land, wie zum Beispiel im Dorf Jabaliya, ein paar Kilometer nördlich von Gaza-Stadt. Frauen und Männer nehmen, durch eine Stoffwand getrennt, auf ordentlich aufgereihten Plastikstühlen Platz. Grün gekleidete Ordner mit Baseballkappen auf dem Kopf verhindern jede Drängelei. So können die Menschen ungestört den hitzigen und formelhaften Reden vom Vaterland und Märtyrertum lauschen, die sie eigentlich schon auswendig kennen müssten. Werden doch im Radio ständig die Reden der ermordeten Hamas-Führer Scheich Jassin und Abdel Aziz Rantisi gesendet. Doch es gibt auch etwas fürs Auge: Auf einem Anhänger werden drei Raketen über den Platz gezogen. Grün-schwarz-weiß-rot in den Nationalfarben Palästinas angemalt, die Insignien der eigenen Stärke.

Dass sie auch für den Tod in den eigenen Reihen verantwortlich sein können, will kaum jemand wahrhaben. In Form der übermächtigen Vergeltungsschläge Israels im Gaza-Streifen, der heute einem einzigen Trümmerhaufen gleicht. Oder durch die versehentliche Zündung der eigenen Sprengkörper, die wahrscheinlich für die Explosion bei der Hamas-Feier vom Freitag verantwortlich war. So lautet jedenfalls das Ergebnis der Untersuchung der Autonomiebehörde. Warum will die Hamas nicht zugeben, selbst für den Tod von 15 Palästinensern verantwortlich zu sein? Glaubt die Bewegung wirklich, Israel habe die Explosion ausgelöst? Die Reaktion der Hamas, der anschließende Beschuss eines israelischen Dorfes, passt jedenfalls nicht in das derzeitige Konzept der Bewegung. Und so griff Hamas-Führer Mahmoud Zahhar am Sonntagabend auch ein: Obwohl Israel zwei Hamas- Kämpfer gezielt ermordete, verkündete er eine Fortsetzung der seit März 2005 währenden Waffenruhe. Denn die Hamas-Feiern nach dem israelischen Abzug sind eigentlich schon der Auftakt eines Wahlkampfes: Hamas will im Januar erstmals an Parlamentswahlen teilnehmen. Damit will die Bewegung ihre Popularität endgültig in politische Macht umsetzen.

Das macht auch Mahmoud Zahhar klar, obwohl der Hamas-Führer in Gaza zu den Hardlinern der Bewegung zählt. „Wir sind jetzt in einer Phase des Wiederaufbaus unserer Nation, und Wahlen sind eine Methode dafür“, sagt der 54-jährige Arzt. Er sitzt im beigefarbenen Anzug vor seinem Haus in Gaza-Stadt. Es ist hellgrün, es wirkt neu, der Garten ist noch unbepflanzt – Zahhar hat es bauen lassen, nachdem Israels Armee sein altes Haus 1993 bombardiert hatte. Einer seiner Söhne und ein Leibwächter starben dabei.

Auf dem Tisch steht eine leere Granathülse aus der israelischen Siedlung Netzarim. Daraus will Zahhar eine Blumenvase machen lassen. Er sagt: „Die Kandidatenlisten für die Wahlen liegen seit sechs Monaten fertig in der Schublade.“ Auch Frauen seien darunter – mehr will er nicht preisgeben.

Auch auf eine Wahlprognose will er sich nicht festlegen. „Zwischen null und 100 Prozent akzeptieren wir alles“, sagt er. Seine Gelassenheit beruht sicher auf den guten Ergebnissen, die Hamas bei den Gemeindewahlen 2004 und 2005 erzielte: 60 Prozent aller Sitze konnte die Organisation in den Palästinensergebieten erringen. Besonders bitter für die konkurrierende Fatah-Organisation, die traditionell in der Westbank dominierte: Sogar manche von deren Hochburgen fielen an die Hamas. Doch Zahhar macht auch klar, dass das Schicksal der Hamas „nicht an Wahlen gebunden ist“. Das Ziel sei die Schaffung einer wahrhaft islamischen Gesellschaft und die Abschaffung der Korruption – Wahlen seien nur eine Methode von vielen, dieses Ziel zu erreichen.

Eine andere Methode ist die ausgedehnte Sozialarbeit der Bewegung. Dazu gehört die Islamische Gesellschaft in Gaza, gegründet 1993 von Scheich Jassin, dem Begründer der Hamas. Neben 30 Koranschulen führt die Gesellschaft Kindergärten, zwei Schulen, Gesundheitszentren mit kostenloser Behandlung und unterstützt Familien finanziell, deren Väter ums Leben kamen. Da Hamas ihr Ziel durch eine islamische Erziehung der Jugend erreichen will, gilt die Aufmerksamkeit vor allem dem Nachwuchs.

Für den ist der neue Sportclub mit Gesellschaftsräumen für Hochzeiten gedacht, die Baupläne sind schon fertig. Angeblich habe man dafür bei der UN-Entwicklungsorganisation nach Geld gefragt. Früher hat man das aus eigener Tasche finanziert. „Unsere Einnahmen sind 2004 fast um 100 Prozent zurückgegangen“, sagt der Sprecher der Islamischen Gesellschaft, Nidal Shabana. Im Jahr zuvor waren Hamas und seine Wohltätigkeitsvereine auch in Europa auf die Liste terrorverdächtiger Organisationen gesetzt worden. Und der Direktor der Gesellschaft sagt: „ Druck von Regierungen hat dazu geführt, dass wir nichts mehr aus der Golfregion bekommen.“

Wie wird es aussehen, im Januar, nach den Wahlen, wenn die Hamas als ein möglicher Teil der Regierung Politik und gewaltsamen Widerstand gegen die israelische Besatzung der Westbank und Jerusalems miteinander vereinbaren will? Aber Hamas-Anhänger stellen nicht zu viele Fragen. „Ich gehorche“, sagt ein 23-Jähriger mit dem Kämpfernamen Abu Talha, der mit einer Maske auf dem Kopf am Abend über den Übungsplatz in Gaza- Stadt robbt. „Unsere Führer sind religiöse Führer und haben noch nie einen Befehl ausgegeben, der gegen unsere Religion verstößt“, sagt der junge Mann, der Lehrer werden will. Dann hechtet er wieder über Sandsäcke. Und am Dienstag hat sich die Hamas zur Tötung eines im Westjordanland verschleppten Israelis bekannt. Sie haben es auf ein Flugblatt gedruckt.

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