Zeitung Heute : Die Generalsekretärin

Seit 1966 sitzt sie im Büro der Filmakademie – nun erhält Helene Schwarz einen Berlinale-Preis

Christiane Peitz

Auch Vögel können politische Bedeutung erlangen. Eigentlich hatte Helene Schwarz den Graupapagei von Peter Lilienthal nur in ihr Sekretariat aufgenommen, weil der Regisseur fürchtete, bei ihm zu Hause leide das Tier unter Einsamkeit. Also hatte die Sekretärin der DFFB, der frisch gegründeten Berliner Filmhochschule, einen zweiten dazugekauft und den Käfig im Büro aufgestellt. Es war der Herbst 1968, die wilde Berliner Zeit. Im Streit um Holger Meins’ Übungsfilm „Herstellung eines Molotow-Cocktails“ und andere Barrikadenfilme hatten die Studenten erst das Rektorenzimmer von Erwin Leiser und Heinz Rathsack besetzt, dann das gesamte Institut im Deutschlandhaus am Theodor-Heuss-Platz. Woraufhin die Rektoren das Gebäude zusperren ließen. Keiner kam rein, keiner raus.

Helene Schwarz machte sich Sorgen um die Studenten. Mit dem Dozenten Michael Ballhaus – der Hollywood-Kameramann zählt bis heute zu ihren Freunden – buk sie Reis- und Nudelauflauf und fuhr zur Hochschule. Im Foyer verstellte Rathsack ihr den Weg: „Sie sind Angestellte, Sie haben Hausverbot.“ Sie wolle nur die Vögel füttern, sagte Schwarz und schmuggelte die Aufläufe zu den Besetzern. So gingen die Graupapageien in die Geschichte der Berliner Studentenbewegung ein.

Am Sonntag wird Helene Schwarz mit der Berlinale-Kamera geehrt, pünktlich zu ihrem 78. Geburtstag. Seit 1966 war die Berlinerin Sekretärin der DFFB, die heute im Filmhaus im Sonycenter residiert. Als Schatzmeisterin des Fördervereins und Studienberaterin arbeitet sie dort noch immer; auch an den Aufnahmeprüfungen nimmt sie bis heute teil.

Eine Festival-Auszeichnung für eine Sekretärin? „Sie ist das historische Gewissen der Schule“, sagt DFFB-Direktor Reinhard Hauff in Rosa von Praunheims Film „Wer ist Helene Schwarz?“, der ebenfalls auf der Berlinale zu sehen ist. Mehr noch, sie ist ihr Herz, ihre Seele. Diplomatin, Kummerkasten, kollektives Gedächtnis – die Mutter der Berliner Filmszene.

Schwarz hat nicht nur jenem legendären, komplett von der Schule verwiesenen ersten Hochschuljahrgang Kaffee gekocht: den Politfilmern Holger Meins, Helke Sander, Gerd Conradt und Harun Farocki genauso wie den „Kuchenfilmern“, die sich weniger für die Revolution interessierten als für die Kunst. Ein Mann wie Wolfgang Petersen zum Beispiel wurde von den Barrikadenkämpfern verachtet. Helene Schwarz legte Wert darauf, dass ihr Sekretariat neutraler Boden blieb. Von hier aus intervenierte sie nicht nur bei den Studentenfehden, sie versöhnte auch die Generationen. Im Lauf der Jahrzehnte hat sie ein Vermögen für Kaffee ausgegeben.

Als die Fronten zwischen Studenten und Lehrerschaft sich verhärteten, lud sie die Streithähne nach Hause in den Grunewald ein und regte die Gründung eines Akademischen Rats an. Die historische Wirkung von Kaffee und Kuchen: Der Rat existiert bis heute.

In den 70ern erlebte Helene Schwarz die K-Gruppen. Wenn deren Gesinnung in Terror ausartete, nahm Helene Schwarz sie sich zur Brust. Wenn die späteren Zimmerfilmer es mit der Nabelschau übertrieben, riss sie diese aus ihrer neuen Innerlichkeit. Anfang der 80er wohnte Wolfgang Becker im Urlaub bei ihr, um die Katze zu hüten – und Filme zu gucken: Sie besaß schon damals einen Videorekorder. 1985 tauchte ein Bauernsohn aus Norddeutschland auf, der dem Aufnahmekomitee bei bestandener Prüfung einen Sack Kartoffeln versprach. Sein Name: Detlev Buck. Es folgten die Eigenbrötler, die Fleißigen, die Ratlosen. Früher, sagt Helene Schwarz, kamen die Studenten mit tausend Geschichten und ohne Know-how. Heute können sie alles, haben aber kaum was erlebt. Die Geschichten der Helene Schwarz spiegeln den Wechsel der Kinogenerationen: Chronik einer Jugend in Deutschland.

Sie ist eine fröhliche Mutter Zivilcourage. Die Tür zu ihrem kleinen Büro im achten Stock des Filmhauses steht immer offen. Zwischen die nüchternen Zweckmöbel hat Helene Schwarz ein paar gelbe Stühle gestellt, auch die Kaffeemaschine ist gelb wie die Blumen in der Vase. Hier sitzt sie, eine aufrechte, mädchenhaft gealterte Dame im hell gestreiften Jackett. Sie pudert sich die Nase, lacht ein silbriges Lachen, sagt schlichte, kluge Sätze. Wenn es das Wort Mutterwitz nicht schon gäbe, für sie müsste es erfunden werden. Denn von Helene Schwarz kann man lernen, dass Engagement nichts mit Aufopferung zu tun hat. Sondern mit Lebenslust.

Seltene Menschen, die mit Herz und Verstand ihre Arbeit tun, ohne ans Geld zu denken, nennt sie weiße Raben. Wie der Produzent, der das eingesparte Budget an sein Team verteilt. Oder auch DFFB-Direktor Hauff. Seit seinem Amtsantritt sei die Akademie nicht mehr die Schule der Taxifahrer, sondern wieder ein Markenzeichen. Zwei der drei diesjährigen deutschen Berlinale-Wettbewerbsregisseure sind Akademie-Absolventen: Christian Petzold und Hannes Stöhr.

Bereitwillig versorgt Helene Schwarz die Besucherin mit Geschichten. Wie Erwin Leiser seine Bewerber-Beurteilungen am Telefon durchgab und sie ihr eigenes, positiveres Votum als das seine ausgab, um einem Anwärter das Studium zu ermöglichen. Wie sie mit der Frau von Max Frisch Tischtennis spielte. Wie sie für Rainer Werner Fassbinder einen Film gestohlen hat. Die Aufnahmeprüfung hatte er nicht bestanden, dennoch rückte das Institut den Bewerbungsfilm nicht einmal heraus, als Fassbinder längst berühmt war. Bis die Sekretärin ihn auf dessen Flehen hin entwendete, damit er wenigstens eine Kopie von seinem Erstlingswerk machen konnte. Seitdem ist der Film verschollen. Fassbinder mochte ihn wohl nicht und hat ihn vernichtet, vermutet Schwarz.

Sie erinnert sich präzise. Nennt Jahreszahlen, Namen, Ereignisse. An der Wand hinterm Schreibtisch hängen zahllose Fotos von Freunden, Wegbegleitern, unvergessenen Begegnungen. Hier, der weißhaarige Joris Ivens, die Ikone des Dokumentarfilms. Da, Ernst Busch. Eins der ältesten Bilder zeigt eine Versammlung der Politfilmer 1968. „Schauen Sie, da sitzen Hartmut Bitomsky, Gerd Conradt und zu meiner Überraschung auch Wolfgang Petersen.“ Helene Schwarz grinst: Er, seit langem erfolgreich in Hollywood, hat doch nicht nur immer an der Karriere gebastelt. An ihrer Fotowand hängt der Beweis.

Auch wenn die Studenten die 40- jährige Familienmutter im spießigen Villenviertel zum Demonstrieren abholten, mit auf dem Wagendach wehender roter Fahne: Ihre Biografie ist keine linke Geschichte. Eine Bürgerliche nennt sich die Sekretärin. Eine erste Anstellung als Abteilungsleiterin im Westend-Krankenhaus hängte sie für den schlechter bezahlten DFFB-Job gerne an den Nagel: Die kleine Abteilung war ihr nicht gesellig genug. Ihr Mann genoss ihren Freiheitsdrang, wegen der aufregenden Leute, die sie zu Hause anschleppte. Die Filmfeministin Helke Sander machte ihr die völlig unemanzipierte Halskette zum Vorwurf – und wurde eine gute Freundin.

Dass ihr die Rebellion der Studenten gefiel, liegt an ihrer Berliner Kindheit. Die Eltern waren zwar keine Widerstandskämpfer, aber den Schneid ließen sie sich von den Nazis nicht abkaufen: Für Parteiversammlungen stellten sie die Kellerkneipe in der Kreuzberger Yorckstraße nicht zur Verfügung. Die Familie verlor ihre Wohnung und zog zum Großvater ans Planufer. Sieben Personen auf 59 Quadratmetern: „Es war immer was los.“ Die ersten Filme sah sie in den Blücher-Lichtspielen Ecke Baerwaldstraße. Die junge Helene merkte sich nicht nur die Namen der Schauspieler, sondern auch die der Regisseure.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte sie am 24. April 1945. In Onst-Mettingen, einem 400-Seelen-Kaff in Württemberg. Die Franzosen kamen, am nächsten Morgen hatten sie 80 Dorfbewohnerinnen vergewaltigt. Davon spricht keiner, sagt Helene Schwarz. Wären die Soldaten in dieser Nacht auch zu ihr, der gerade 18-Jährigen, gekommen, hätte ihr Mann sie unter Holzscheiten versteckt. Aber sie kamen nicht.

Manchmal erschrickt sie über die Jugend der Nazi-Zeit. „Unsere Gesichter waren leer, weil wir nichts wussten.“ Dann ärgert sich Helene Schwarz über die Frauen von heute, die ihre Chancen nicht nutzen. Nie wieder leere Gesichter: Das ist ihr Verpflichtung. Ob sie ihre Bürotür auch mal zumacht? „Nur wenn ich gehe“, sagt Helene Schwarz. Und holt Kaffee für den Fotografen.

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